Gotische Pracht: Lübecks Magdalenenaltar wird restauriert

Restauratoren sind die Schönheitschirurgen der Bildgesichter und Skulpturenkörper und ermöglichen diesen die Longevity. Man bewundert, wie sie mit Skalpell und ruhiger Hand Schicht für Schicht den Schmutz der Jahrhunderte entfernen und dabei unansehnlich Gewordenes wieder zum Strahlen bringen. Kaum eine Ausstellung zu mittelalterlicher Tafelmalerei kommt heutzutage ohne einen Beitrag von Restauratoren im Katalog aus.

Auf nahezu allen alten Gemälden ist die Oberfläche beispielsweise von Haarrissen durchzogen, die sich je nach Epoche und Herkunftsland unterscheiden. Auf holländischen Stillleben des 15. bis 17. Jahrhunderts etwa sieht das Craquelé der Farbe ähnlich aus wie die Faserung alter Baumrinde, auf Gemälden der italienischen Renaissance hingegen erinnert es eher an die Fugen in Bruchsteinmauerwerk. Französische Barockgemälde wiederum sind wie mit einem Spinnennetz überzogen. All das muss ein Restaurator wissen und kundig behandeln können.

Schlaflose Nächte bereiten Restauratoren gewollt vor sich hin schimmelnden Arbeiten wie bei Joseph Beuys oder Dieter Roth, doch auch die fotoaktiven Substanzen in den Werken des modernen Alchemisten Sigmar Polke, vergänglichkeitsanfällige Fotografien überhaupt, haben es in sich. Manchmal rosten Kunstwerke auch: In Köln wurde soeben das ikonische goldene „Flügelauto“ des Künstlers HA Schult vom ebenfalls maroden Zeughaus-Dach gehievt und stark durchrostet in die Ford-Werke zur dreimonatigen „Reparatur“ gebracht.

Flammendes Rot vor Meer- und Himmelsblau: die 2025 vom St.-Annen-Museum erworbenen Bildtafeln des Lübecker Maria-Magdalenen-Retabels
Flammendes Rot vor Meer- und Himmelsblau: die 2025 vom St.-Annen-Museum erworbenen Bildtafeln des Lübecker Maria-Magdalenen-RetabelsSt. Annen-Museum, Lübeck/Michael Haydn

Oft genug ändern Restaurierungen aber auch gehörig die Forschungsmeinung über Prozesse der Werkentstehung, im extremsten Fall sogar dessen Urheber oder Interpretation. So entdeckte die Kuratorin Cynthia Osiecki jüngst auf einem vom Schmutz der Jahrhunderte befreiten, bis dato einem männlichen Maler zugeschriebenen Stillleben aus dem Depot des Osloer Nationalmuseums ein winziges Selbstbildnis der Barockmalerin Clara Peeters auf der Oberfläche einer gereinigten Weintraube – ein charakteristisches Signet en miniature der äußerst talentierten Künstlerin, das auch auf anderen ihrer Bilder vorkommt.

Weitere Beispiele gefällig? Bei der Restaurierung von Vermeers „Brieflesendem Mädchen“ in Dresden wurde ein im 18. Jahrhundert mit Wandgrau übermalter Cupido im Hintergrund schnöde übermalt, weil man in dieser Zeit die besinnliche Ruhe seiner Kompositionen hochjazzte und höher schätzte als einen symbolträchtigen Liebesgott direkt hinter der jungen Frau. Dass damit die ursprüngliche Aussage des Bildes grob geklittert wurde, weil die Intention des Künstlers den Inhalt des gelesenen Briefes integral mit dem Amor verkoppelt, wurde in Kauf genommen.

Eine ähnlich gravierende Klitterung fand sich auch bei etlichen Rembrandts aus der Sammlung des britischen Akademiedirektors Joshua Reynolds – die Landschaften stellten sich als nicht von der Hand des Niederländers stammend heraus, was bei diesem an sich noch keine Überraschung wäre. Doch stammen die Hintergründe nicht einmal aus Rembrandts Jahrhundert – Sir Joshua nämlich empfand dessen Landschaften als minderwertig, kratzte sie von der Leinwand und malte sie kurzerhand selbst neu, sodass an die 80 Prozent der Bildfläche nicht vom niederländischen Meister sind und die Bilder im Grunde „Reynolds-Rembrandts“ heißen müssten.

Die Restaurierung im Mauritshuis entzweite das Museum

In loser Folge sollen hier die unterschiedlichsten Aspekte der aktuellen großen, immer häufiger vor den Augen der Museumsbesucher in gläsernen Werkstätten und damit „live“ in Echtzeit vor der Steuer und Eintrittsgeld zahlenden Öffentlichkeit vorgenommenen Kunstsanierungen unter die Lupe genommen werden. Den Auftakt machte die jüngst abgeschlossene Restaurierung der „Waldmadonna“ Filippo Lippis von 1459 in der Berliner Gemäldegalerie, die durch den stark vergilbten Firnis des 19. Jahrhunderts kaum mehr als das Meisterwerk der Florentiner Renaissance wahrgenommen wurde, das sie, aus der Medici-Privatkapelle stammend, tatsächlich ist.

Maria Magdalenen-Retabel Konservierung im St. Annen-Museum Laufzeit: bis 23.08.2026 OBACHT kleingedrucktes s.u. These images can be downloaded at: www.artpress-uteweingarten.de/de/press
St. Annen-MuseumMaria Magdalenen-Retabel Konservierung

Eine der logistisch aufwendigsten Restaurierungsaktionen deutscher Museen in den vergangenen Jahren unternahm nun das St.-Annen-Museum Lübeck mit finanzieller Unterstützung der Ernst-von-Siemens-Stiftung an einem monumentalen Werk der Spätgotik. Das der Gefährtin Jesu und Erstbesucherin seines Grabs bei der Auferstehung geweihte Magdalenen-Retabel von 1519 war beinahe eine Ruine, der schon seit bald 200 Jahren unter anderem die gemalten Seitenflügel fehlten.

Nachdem vergangenes Jahr die zwei lange verschollen geglaubten Gemäldetafeln zurückgekauft werden konnten, wird das Objekt seit April dieses Jahres umfangreich restauriert. Bereits vor dem Jahr 1840 waren die Flügel wohl vom Hauptwerk getrennt, brutal zersägt und in den Kunstmarkt eingeschleust worden. Seit 1941 befinden sich etwa die beiden Tafeln des rechten Außenflügels im Besitz des Allen Memorial Art Museum in Oberlin im US-Bundesstaat Ohio – sie sind aktuell als Vergleichsbilder in Lübeck zu sehen.

Ein großer Teil der Arbeiten fand direkt vor Ort im Remter des Museums während der Öffnungszeiten des Museums statt. So können die Besucher unter anderem nachvollziehen, dass die Skulpturen einfach in die „Fächer“ des Schreins eingestellt sind und somit leicht entnommen werden können und aus wie vielen unterschiedlichen Teilen ein spätmittelalterliches Schnitzretabel inklusive etwa der filigranen holzgeschnitzten textilartigen „Vorhänge“ als oberer Abschluss besteht.

Biblische Begebenheiten werden zu einer Legende verwoben

Auffällig textillastig ist vieles auf dem Retabel, da es von der Bruderschaft der Schneidergesellen für die Lübecker Burgkirche gestiftet wurde. Und auch auf den von Erhart Altdorfer, seit 1512 Hofmaler Herzogs Heinrich V. von Mecklenburg und jüngerer Bruder des noch berühmteren Albrecht Altdorfer, gemalten Außenflügeln mit den Szenen der „Ankunft der Maria Magdalena in Marseille“ und „Die Bekehrung des Fürstenpaares“ durch die Heilige stechen die Golddamastgewänder und vor allem die nach der Restaurierung wieder leuchtend roten Kleider (auf der Bekehrungs-Tafel tragen sechs von neun Dargestellten kleidsames Rot) deutlich gegenüber den blauen Bergen und ebensolchen Städten im Hintergrund hervor. Altdorfer wusste offenbar, was er seinen Auftraggebern schuldig war, und malte eine stoffliche Werbung erster Klasse.

Konservierungsarbeiten an der Altarfigur der Maria Magdalena im goldenen Eigenhaarkleid
Konservierungsarbeiten an der Altarfigur der Maria Magdalena im goldenen EigenhaarkleidSt. Annen-Museum, Lübeck/Anna Lena Frank

Die zweite sehr pragmatische „Umerzählung“ von Geschichte auf den Tafeln ist auf der sogenannten  „Meerfahrt“ Magdalenas zu finden. Obwohl mittelalterliche Legenden sie mit dem Boot (gemeinsam mit Christi Kreuzabnehmer Joseph von Arimathäa inklusive Heiligen Gral) in Südfrankreich anlanden und nach Vézelay im Burgund weiterziehen lassen, ändert Altdorfer kurzerhand die Geschichte: Er setzt das Lübecker Holstentor in den Hintergrund des Bildes und leitet damit die Reise der Heiligen um 4000 Kilometer um Europas Küsten herum.

Kombiniert werden diese Malereien der ersten Wandlung mit Schnitzereien in der zweiten Wandlung, die unterschiedliche biblische Stellen der Maria Magdalena aus Bethanien, der Maria aus Magdala und der „Sünderin“, weil ehemaligen Prostituierten Maria Magdalena zu einer Legende miteinander verweben.

Die Schlacht von Bornhöved

Im Jahr 1227 siegte Lübeck am 22. Juli, dem Patronatstag der heiligen Maria Magdalena, in der Schlacht von Bornhöved und konnte sich dadurch von der dänischen Vorherrschaft befreien. Naheliegend erfährt die Heilige seit jeher eine besondere Verehrung in der dadurch noch wohlhabender gewordenen Hansestadt. Ebendiese Szenerie ist auf einer der beiden Tafeln zu sehen, die einst den rechten Außenflügel bildeten. Sie stellt ebenso wie das Holstentor im Hintergrund für die Betrachter einen direkten Bezug zur Stadt Lübeck her.

Immer faszinierend für Besucher sind dabei die gravierenden Unterschiede zwischen dem Vorher und dem Nachher einer Restaurierung, die in den Dokumentationen der Zauberer mit Tupfer und Skalpell mit berechtigter Genugtuung gezeigt werden. Oft ist es der sprichwörtliche Unterschied zwischen Tag und Nacht, wenn stark verbräunte Papiere nach der Behandlung wieder strahlend hell leuchten oder in verrußten Gesichtern überhaupt wieder etwas zu sehen ist.

Erfreuliches Vorher-Nachher: Aus dem gräulichen Antlitz Christi werden rosige Wangen Fotos: Isabel Frühauf

In Lübeck etwa war dies bei dem recht verschmutzten Gesicht Christi aus dem Noli-me-tangere-Relief der Fall, wo mit Abnahme der sogenannten „dritten Fassung“, eines weiß-gräulichen Überzugs, mit der deutlich farbintensiveren und detailreicheren Feinheit der zweiten Fassung vor allem das Rosige der Heilandswangen wiederhergestellt wurde.

Keine Kosmetik, ein Unterschied ums Ganze

Das ist keine Kosmetik, vielmehr ein Unterschied ums Ganze, denn in den zwei diametral gegenläufigen Farbfassungen stecken zugleich zwei vollkommen unterschiedliche Interpretationen: In der leichenblassen „dritten Fassung“ tritt Magdalena ein soeben erst auferstandener, noch von den drei Tagen im Grab gezeichneter Christus entgegen, während er in der Rotbäckchenfassung schon wieder körperliche Frische verströmt.

Unter dem Schmutz von Jahrhunderten: Erstmals seit Langem ist nun wieder Erhart Altdorfers sattes Grün der Wiese unter den Pferden wieder zu sehen. Fotos: Isabel Frühauf

Gewaltige Unterschiede zeigt auch die Wiese der Predella, des Unterbaus eines Altarretabels, vor und nach den Reinigungsmaßnahmen: Erstmals sind auf dem Reiterbrautzug um Magdalena im Damensitz nun wieder Details wie die aufs saftige Grün fein aufgetupfte Blütenpracht in Weiß und Rot oder die nuancierten Flecken des Apfelschimmels hinter der künftigen Heiligen zu entdecken, wo zuvor eine dicke Staubschicht wie unter einem grauen Schleier verborgen war. Selbst die wolldünnen Zügel konnten im Original erhalten werden.

Und erst recht leuchtet das Ganzkörper-Haargewand der geschnitzten Altarpatronin nach Absaugen des Staubs nun statt in einst dunklem Braun wieder in einem Goldton – aus einer Brünetten wird eine Blondine, mit den Multi-Sanostol-Bäckchen strahlt nun eine pumperlgesunde Barbie im schnieken Eigenfellmantel aus dem Gehäuse. Kein Zufall ist es, wenn auf dem von Schneidern gestifteten Altar die Heilige selbst als Nackte eine edle Stola als elegantes Accessoire umweht.

Doch warum ist Maria Magdalena als zentrale und fast lebensgroße Figur im Innern des Schreins überhaupt nackt bis auf ihr Haargewand, wie es auch Riemenschneiders noch größerer Münnerstädter Altar zeigt? Die apokryph-außerbiblische Erzählung des Mittelalters spann das Leben der Heiligen zwischen Himmelfahrt Christi und ihrer Zeit als Eremitin immer weiter aus, schildert immer bunter ihre vierzigjährige Buße nackt in der Wüste, in der sie sich nur von Engelssang und wildem Honig nährte. Doch wie viele filmreife Storys noch in Maria Magdalenas Vita stecken, das wird die große Schau zur Heiligen im Städel ab dem 17. September detailreich zeigen.

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