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„Großbritanniens vernünftige Öffnungsstrategie“
Ein kollektiver Stoßseufzer der Erleichterung geht durch Großbritannien. Endlich gibt es eine Perspektive für den Ausstieg aus dem lähmenden Corona-Lockdown, der Fahrplan für stufenweise Lockerungen steht nun fest. „Das Ende ist in Sicht“ oder „Wir sind auf der Straße in Richtung Freiheit“, lauteten die Schlagzeilen, nachdem Premierminister Boris Johnson seine „Roadmap“ für den Abbau der Corona-Restriktionen in England vorgelegt hat (Wales, Schottland und Nordirland haben eigene Pläne).
Natürlich ist der Jubel nicht ungeteilt: Manchen geht es zu langsam, andere warnen vor zu schnellen Schritten. Aber immerhin bekommen die Menschen und die ums Überleben kämpfenden Unternehmen eine Planungsgrundlage, man sieht Licht am Ende des Tunnels. Die Schulen öffnen vom 8. März an. Am 12. April dürfen alle Geschäfte, die Friseure, Museen, Bibliotheken und Sportstudios wieder aufmachen; Restaurants und Pubs können Gäste an Tischen draußen bedienen. Von Mitte Mai an darf die Gastronomie komplett wieder öffnen. Am 21. Juni sollen sämtliche Restriktionen für das soziale Leben enden – sofern die Entwicklung der Viruszahlen nicht dagegen spricht. Die Wirtschaft kann Hoffnung schöpfen, dass das Schlimmste bald vorüber ist.
Atemberaubende Fortschritte
Die Grundlage dafür liegt im überaus erfolgreichen Impfprogramm seit Dezember. Bis dato hatte sich die Regierung nicht mit Ruhm bekleckert, ihre Corona-Politik war durch Zögerlichkeit, Kehrtwenden und Pannen gekennzeichnet. Die Insel hat eine der höchsten Todesraten in Europa zu beklagen. Relativ zur Bevölkerungszahl sind nur Belgien, Tschechien und Slowenien noch schlimmer betroffen. Premierminister Johnsons Popularitätswerte fielen zeitweilig in den Keller.
Inzwischen aber hat sich das Bild gewandelt. Das Impfprogramm macht atemberaubende Fortschritte. Schon fast 20 Millionen Bürger haben bislang ihre erste Dosis erhalten. 1500 Impfzentren mit mehr als 30.000 Kräften des Gesundheitsdienstes NHS und 100.000 freiwilligen Helfern arbeiten im Akkord. Während die EU-Länder mit einer stockenden Impfstoffversorgung, schlecht organisierter, bürokratischer Distribution und teils kafkaesken Terminvergabesystemen kämpfen, läuft es in Großbritannien wie am Schnürchen.
Impfstoff von Pfizer/Biontech und besonders von Astra-Zeneca ist ausreichend vorhanden, weil die Vakzine-Taskforce unter der Leitung der Wagniskapitalunternehmerin Kate Bingham frühzeitig und reichlich – insgesamt 350 Millionen Dosen – bestellt hat. London hat nicht an falscher Stelle gespart. Ein General einer Logistikbrigade hat die Impfzentren und Lieferketten mit militärischer Präzision geplant. Das Resultat darf sich die Regierung Johnson und der vor einem halben Jahr schon fast abgeschriebene Gesundheitsminister Matt Hancock als glänzenden Erfolg gutschreiben.
Jeder dritte Erwachsene hat schon die erste Impfung erhalten, darunter die meisten Bürger über 65 Jahre und aus Hochrisikogruppen sowie fast drei Millionen Ärzte, NHS-Krankenpflegekräfte und Altenheimmitarbeiter, die damit schon einen hohen Schutz gegen schwere Erkrankungen genießen. Bis Ende Juli wird allen erwachsenen Briten ihre Erstimpfung versprochen. Nur Israel ist noch erfolgreicher gewesen. Die Briten impfen fast fünfmal so schnell wie die EU, deren schleppende Impfkampagne Tausende Menschenleben kosten wird. Nach Schätzung von Ökonomen der Allianz-Versicherungsgruppe belaufen sich zudem die volkswirtschaftlichen Verluste durch eine fünfwöchige Verzögerung der EU-Impfkampagne auf mindestens 90 Milliarden Euro.
Wer schneller impft, kann früher öffnen. Es erscheint daher möglich, dass sich Großbritannien dieses Jahr besser und kräftiger von der Rezession erholt als andere Länder Europas. Nach rund 10 Prozent BIP-Verlust im Katastrophenjahr 2020 winkt in der zweiten Hälfte dieses Jahres ein relativ kräftiger Aufschwung. An diesem Mittwoch legt Finanzminister Rishi Sunak seinen neuen Haushaltsplan vor. Er stützt die Wirtschaft bisher mit Hunderten Milliarden und nahm dafür ein gewaltiges Budgetdefizit von fast 20 Prozent in Kauf, um das Land über den Corona-Abgrund zu heben. Dies hat Massenentlassungen vorerst im Zaum gehalten.
Bislang ist die offizielle Arbeitslosenquote nur knapp über 5 Prozent gestiegen. Sunak wird sich hüten, die Stützung der Wirtschaft jetzt abrupt zu beenden. Streit wird es geben über mögliche Steuererhöhungen. In den kommenden Jahren soll das Defizit in großen Schritten sinken. Der Erfolg des Impfprogramms und die Öffnungsstrategie sind dabei entscheidend für die Erholung der britischen Wirtschaft.
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