Handball-Evolution: Trainer Misha Kaufmann wühlt die Sportart auf

Handball-Evolution: Trainer Misha Kaufmann wühlt die Sportart auf

Eisenach war sein Labor. Knapp vier Jahre wirkte Misha Kaufmann beim ThSV. Der inzwischen 41 Jahre alte Coach aus der Schweiz stieg im Juni 2023 mit den Thüringern auf und, mehr noch, etablierte sie in der Bundesliga – mit den geringsten finanziellen Mitteln aller Klubs. Das lag auch daran, dass er mannschaftstaktische Dinge ausprobierte, die anderen weltfremd vorkamen, nicht machbar. Auf mancher Trainertagung hat sich Kaufmann das anhören müssen.

Seine Handschrift in Eisenach ist so deutlich geblieben, dass auch sein Nachfolger Sebastian Hinze zwei Dinge aufführen lässt, die Kaufmann einstudierte: Die Spielweise mit vier Rückraumspielern und eine sehr offensive Abwehr, die teils im Eins-gegen-eins über das ganze Feld verteidigt – eine Art Pressing, wie aus dem Fußball bekannt.

Den Bruch mit dem Gewohnten hat Kaufmann mit zu seinem neuen Klub nach Stuttgart genommen. Inzwischen wird er dafür nicht mehr nur verlacht, ganz im Gegenteil, er hat sogar Nachahmer gefunden: in Lemgo und Göppingen wird in dieser Saison teilweise auf den Kreisläufer verzichtet und mit vier Rückraumspielern angegriffen.

Mehr Bewegung, mehr Überraschung

Das schaut manchmal putzig aus, weil der Innenblock des Gegners, wo meist zwei Mitteldecker wie Bäume stehen, plötzlich keinen direkten Kontrahenten mehr hat. Die Mitteldecker werden herausgelockt, sie müssen heraustreten, um den zusätzlichen Rückraumspieler offensiv zu attackieren. Weil das meist unbewegliche Kreisläufer sind, entsteht für die angreifende Mannschaft ein Vorteil. Das könnte wiederum dazu führen, dass es auf Sicht immer mehr kleinere und mobilere Kreisläufer wie Jannik Kohlbacher gibt – eine Handball-Evolution.

Kaufmann hat den Verzicht auf den Kreisläufer schon in der Schweiz mit Aarau vor beinahe zehn Jahre erfolgreich ausprobiert. Er will damit die oft vorhersehbare Statik eines Handballspiels aufbrechen. Die Änderung sorgt für mehr Bewegung und mehr Überraschung. Zweimal ging die SG Flensburg zuletzt in diese Falle; einmal gegen Kaufmanns Stuttgarter beim 29:29 Anfang September. Und dann am Donnerstag beim 38:32-Sieg in Eisenach, als die SG 20:12 führte, es aber fünf Minuten später 21:19 stand, weil die ThSV in bewährter Kaufmann-Manier Chaos schuf.

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In der Diskussion um den innovativen Handball Kaufmanns gibt es aber auch Einschränkungen, die beispielsweise Maik Machulla und Bennet Wiegert sofort einfallen. Die beiden Meistertrainer, Machulla zweimal mit Flensburg, Wiegert 2022 und 2024 in Magdeburg, wollen nicht die Veränderungen madig machen, die die Szene gerade aufwühlen.

Aber sie geben zu bedenken, dass der Verzicht auf den Kreisläufer vor allem eine Außenseiterlösung sei – aus einem einfachen Grund: „Ich kann mich an keine zwei Trainings in einer Woche dieser Saison erinnern“, sagt Wiegert, „da muss ich gar nicht in meine Dokumentation gucken. Unser Alltag besteht aus Reisen, Spielen, Reisen, Spielen.“

Sein Einwand impliziert also: Wer etwas Neues einstudieren will, das auch haltbar ist, braucht Zeit im Training: vorstellen, einschleifen, abrufen. Und sein Kollege Machulla, inzwischen in Diensten der Rhein-Neckar Löwen, sagt: „Es ist nicht despektierlich gemeint, aber wirklich etwas ausprobieren kannst du nur in einem Verein mit überschaubarem Druck, wo du nicht verdammt bist, Erfolg zu haben.“

„Geringe Bereitschaft, etwas anders zu machen“

Die beiden prominenten Vertreter der deutschen Trainergilde wollen nicht falsch verstanden werden: Innovation schon, aber eben nur dort, wo es möglich und sinnvoll ist. Der Trend allerdings, dass sich auch Klubs wie Lemgo und Göppingen im neuen Stil ausprobieren, könnte darauf hinweisen, dass auch Spitzenvereine bald nicht mehr daran vorbeikommen, das Spiel ohne Kreisläufer einmal auszuprobieren – was Machulla als Assistenztrainer der SG auch schon getan hat: weil beide etatmäßigen Kreisläufer verletzt waren.

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Misha Kaufmann ist zu bescheiden, als dass er sich als Trendsetter ansehen würde. „Ich suche gern neue Wege im Handball, sehe aber, dass es schwer ist, sie zu gehen“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. „Die Bereitschaft ist gering, etwas anders zu machen“. Handball ist ein konservativer Sport mit großer Beharrungskraft. Vielleicht ist er deswegen so beliebt in Deutschland. Schaut man Bilder vom deutschen WM-Sieg 1978 in Kopenhagen gegen die UdSSR, kommt einem vieles, beinahe alles, bekannt vor.

Kaufmann: „Ich habe keine Mission“

Kaufmann, der mit Stuttgart am Sonntag 30:36 gegen die Füchse Berlin verlor, hat sich viel mit Führung und Psychologie beschäftigt. „Jeder hat Steine in sich, die den Höhenflug verhindern“, sagt er. Diese Steine entfernt er, indem er sich auf Stärken konzentriert und genaue Positionsaufgaben gibt. Während selbst namhafte Profis wie Julian Köster sich auf der vorgezogenen Abwehrposition sichtlich unwohl fühlen und lieber mit den Hacken am Sechsmeterkreis stünden, hat er in Philipp Meyer einen Spieler zum „Störenfried“ entwickelt, der es dort vorn beinahe so gut wie THW-Kiel-Kapitän Domagoj Duvnjak macht – weil er wisse, was zu tun sei. Und daran glaube.

In Eisenach hat Kaufmann eine Kultur entwickelt. In seinem System fühlen sich auch unter Hinze Spieler wohl, die anderswo abgelehnt wurden oder aus der dritten Liga kamen: „Ein System ist gut, wenn es Schwächeren hilft“, sagt Kaufmann. Er ist schon angefeindet worden; seine Versuchsanordnungen wurden von Kollegen skeptisch beäugt. Er sagt: „Ich habe keine Mission. Ich tue das nicht für mich oder um anders zu sein als andere. Das interessiert mich nicht. Ich merke aber, dass einige, die erst Kritiker waren, nun Neider sind.“

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