Hieroglyphe verrät erstmals den Namen eines Maya-Astronomen

Hieroglyphe verrät erstmals den Namen eines Maya-Astronomen

Mehr als 2000 Jahre lang herrschten die Maya über weite Teile Mittelamerikas. Von ihrer Macht zeugen noch heute die Ruinen großer Städte und monumentaler Bauten in Mexiko und Guatemala. Inschriften und Codices belegen zudem, dass die Maya über fortgeschrittenes Wissen in Astronomie und Mathematik verfügten: Sie berechneten den Lauf der Gestirne, entwickelten ein hochkomplexes Kalendersystem und führten komplizierte Berechnungen durch.

Wer waren die klugen Köpfe der Maya?

„Diese komplexen numerologischen Systeme prägten viele Schlüsselaspekte des sozialen, politischen und religiösen Lebens in der klassischen Maya-Ära“, erklären Franco Rossi vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) und seine Kollegen. „Diese Einheiten beeinflussten alles, von der Errichtung eines Monuments über die Einweihung zeremonieller und ziviler Gebäude bis zur Krönung von Königinnen und Königen.“

Anders als in anderen Kulturen mit fortgeschrittener Mathematik und Astronomie, wie den Babyloniern oder Griechen, wissen wir bei den Maya nicht, vom wem die ausgefeilten Berechnungen stammen. „Trotz der großen Bedeutung dieser Wissenschaft im klassischen Maya-Reich war bisher keine einzige Signatur eines Maya-Astronomen oder -Mathematikers bekannt. Wenn Namen in den Maya-Hieroglyphen auftauchen, sind dies in der Regel nur die Namen von Herrschern und ihren Dynastien.

Blick in einen Maya-Unterrichtsraum

Bis jetzt. Denn Rossi und sein Team haben nun die erste „Unterschrift“ eines Maya-Mathematikers identifiziert. Die Hieroglyphen-Signatur von „Sak Tahn Waax“ – übersetzt weißbrüstiger Fuchs – fanden sie in einem kleinen, 2010 in der Mayastadt Xultun in Guatemala entdeckten Gebäude. Im Innenraum des Gebäudes waren die Wände mit Wandbildern bedeckt, die sitzende und stehende Männer verschiedenen Rangs zeigten, Hieroglyphen verrieten ihre jeweiligen Titel.

Gelehrtenraum in Xultun

Schema des Gelehrten-Raums in Xultun und Fotografie von Text 19. — © Rossi et al./ Antiquity; Foto: F.Rossi, Zeichnung: H. Hurst /CC-by-nc 4.0

Das Entscheidende entdeckten die Archäologen an der Ostwand des Raumes und in der nordöstlichen Ecke: Dort hatten Maya-Gelehrte die Wand offenbar als Tafel für ihre Notizen benutzt. „Eine Gruppe von rund 52 Texten repräsentiert Rohfassungen von Berechnungen, mit denen die Maya-Mathematiker die zyklischen Bewegungen von Himmelskörpern relativ zur Erde und zueinander kartierten“, berichten Rossi und seine Kollegen. 2012 hatten Archäologen hier die ältesten Aufzeichnungen des Maya-Kalenders identifiziert.

Rätsel um Text 19

Den Funden zufolge handelte es sich bei diesem Raum um eine Art Werkstatt oder Unterrichtsraum der Maya-Wissenschaftler, wie die Forschenden erklären. An diesem Ort unterrichteten Mentoren vor rund 1200 Jahren ihre Schüler, schrieben aber auch Erkenntnisse in Form von Codices nieder. Reste von Utensilien zur Papierherstellung zeugen davon, dass solche Maya-„Bücher“ einst in diesem Raum hergestellt wurden.

Eine Inschrift in dieser Gelehrtenwerkstatt entzog sich aber zunächst einer Entzifferung: der sogenannte Text 19. Er besteht aus elf stark erodierten Glyphenblöcken, die zunächst kaum erkennbar waren. Erst mithilfe von Multispektral-Bildgebung und modernen Methoden der Bildanalyse haben Rossi und sein Team jetzt diesen Text entziffert. Demnach enthält auch er mathematisch-astronomische Berechnungen, die auf den ersten Blick nicht weiter ungewöhnlich scheinen.

Venus, Sonne und 2920 Tage

Im Text 19 beginnt der Maya-Mathematiker mit einer Einheit von 2920 Tagen. Diese Zeiteinheit diente im Maya-Kalender als wichtige Brücke: „Die Position der Venus am Himmel relativ zur Sonne wiederholt sich alle 2920 Tage nahezu exakt. Dies entspricht acht Sonnenjahren oder fünf synodischen Zyklen der Venus“, erklären Rossi und sein Team. Der Maya-Gelehrte zerlegte diese 2920 Tage in sechs kürzere für den Maya-Kalender wichtige Intervalle.

Das Besondere jedoch: „Die ausgewählten Intervalle und dargestellten Beziehungen zwischen ihnen sind einzigartig unter den Mayatexten“, erklären die Forschenden. „Sie zeigen kalendarische und astronomische Berechnungen und Transformationen, die die kreative, individuelle ‚Textur‘ einer Person widerspiegeln.“ Der Maya-Gelehrte nutzte neun Hieroglyphen, um auf elegante und effiziente Weise die Beziehungen zwischen Zyklen von Mars, Venus, dem Sonnenjahr und weiteren Intervallen darzulegen.

Namens-Hieroglyphe vom „weißbrüstigen Fuchs“

Noch ungewöhnlicher sind jedoch die letzten beiden Hieroglyphen dieses Textes. Denn sie verraten den Urheber dieser Berechnungen. Das erste Zeichen steht für cheheen – „das sagt“; das zweite Zeichen nennt den Namen: Sak Tahn Waax – weißbrüstiger Fuchs. „Damit haben wir hier erstmals eine direkte Autorenangabe bei einem astronomischen und mathematischen Werk der Maya – das ist bislang einzigartig“, konstatieren Rossi und seine Kollegen. Sie vermuten, dass auch andere Texte an den Wänden der Gelehrten-Werkstatt von Sak Tahn Waax stammen.

Damit erfahren wir zum ersten Mal den Namen eines der Maya-Gelehrten, die die komplexen Kalenderberechnungen dieser Kultur durchführten. „Die Astronomen und Mathematiker des Altertums sind schon lange für ihre Entdeckungen und Beobachtungen berühmt – jetzt können wir auch einen Gelehrten der Maya in diese Reihe aufnehmen“, schreiben die Forschenden.

Quelle: Franco Rossi (Massachusetts Institute of Technology (MIT) et al., Antiquity, 2026; doi: 10.15184/aqy.2026.10378

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