Hintergrund: Wie anomal ist die Hitze 2026?

Hintergrund: Wie anomal ist die Hitze 2026?

Schon länger sagen Klimamodelle voraus, dass die globale Erwärmung auch immer häufigere und intensivere Hitzewellen mit sich bringen wird. Bestätigt wird dies durch Attributionsstudien, nach denen es die immer neuen Hitzewellen und Temperaturrekorde der letzten Jahre ohne den Klimawandel so nicht gegeben hätte. Nach dem Hitzesommer von 2018 folgten gleich mehrere für Europa rekordtrockene und heiße Jahre, der Sommer 2023 brach dann erneut Rekorde.

Wie extrem war die Juni-Hitzewelle?

In diesem Jahr wird all dies weit übertroffen – schon jetzt. Nachdem der Mai 2026 bereits eine erste Hitzewelle mit Rekordtemperaturen für diesen Monat brachte, hat die Hitzewelle im Juni die bisherigen Rekorde förmlich pulverisiert: „Die Hitzewelle vom Juni 2026 war eine der extremsten und außergewöhnlichsten, die jemals in Europa beobachtet wurde“, berichten Susanna Mohr vom Center for Disaster Management and Risk Reduction Technology (CEDIM) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und ihre Kollegen in einem Report.

Ab Mitte Juni 2026 war es in weiten Teilen Deutschlands und Europas mehrere Tage lang über 40 Grad heiß. In Sachsen-Anhalt wurde mit 41,8 Grad die höchste je in Deutschland gemessene Temperatur erreicht. Und auch die Nächste waren rekordwarm: In der Nähe von Bautzen sanken die Thermometer am 29. Juni selbst in der kühlsten Zeit der Nacht nicht unter 29,4 Grad.

Das Besondere an dieser Hitzewelle: Niemals zuvor lagen die Werte so lange und so weit über den für diese Jahreszeit typischen Mittelwerten. „Die 2026 gemessenen Werte sind beispiellos für die gesamten Wetteraufzeichnungen seit 1779“, berichten Mohr und ihre Kollegen. Und auch die räumliche Ausdehnung der Juni-Hitzewelle war außergewöhnlich: „Europaweit zeigt unsere Analyse, dass die räumliche Ausdehnung der Juni-Hitzewelle alles übertrifft, was seit Beginn der Wetteraufzeichnung in den Datensätzen beobachtet wurde“, berichtet Co-Autor Michael Kunz vom CEDIM.

Temperaturanomalien Juni 26

Temperaturanomalien während der Hitzewelle von Juni 2026 im Vergleich zum 30-Jahresmittel von 1991 bis 29020. — © WWA Scientific Report – European Heatwave/ CC-by-nc-nd 4.0

Was ist die meteorologische Ursache?

Ausgelöst werden Hitzewellen bei uns in der Regel durch sogenannte Omega-Wetterlagen, auch als Hochdruckbrücke bekannt. Dabei bildet sich eine langgestreckte Zone hohen Luftdrucks über West- und Mitteleuropa, die an beiden Seiten von Tiefdruckgebieten begrenzt wird. „Dieses großräumige Zirkulationsmuster führt zu einer Verschiebung des Jetstreams nach Norden“, erklären Mohr und ihr Team. Dadurch entsteht eine Wetterlage, in der warme Luft aus dem Mittelmeerraum und Nordafrika ungehindert nach Europa einströmen kann.

Hinzu kommt: Die seitlichen Tiefdruckgebiete blockieren das Weiterwandern der Hochdruckzone und verursachen einen auch als „Heat Dome“ bezeichneten Hitzestau. Weil es tagelang sonnig und klar bleibt, heizt sich die ohnehin schon warme Luft über Mitteleuropa noch weiter auf. Zwar hat es solche Hitzestaus und Omega-Wetterlagen auch früher schon gegeben, zuletzt unter anderem 2003 und 2018. „Aber ein Geopotential-Muster dieser Dauer und Intensität wird sonst eigentlich nur im Winter beobachtet“, so die CEDIM-Forschenden.

Ist der Klimawandel schuld?

Aber warum ist dieses Jahr so stark von Hitzewellen geprägt? Ist dies ein bloß natürlicher Ausreißer? Oder doch ein Symptom des Klimawandels? Diese Frage haben Theodore Keeping vom Imperial College London und seine Kollegen von World Weather Attribution (WWA) für die Junihitze 2026 genauer untersucht. Dafür analysierten sie anhand von historischen Daten und Klimamodellen, wie wahrscheinlich Hitze dieser Dauer, Ausdehnung und Intensität in vergangenen Zeiten vorkam und wie wahrscheinlich diese Hitzeextreme ohne den Klimawandel wären.

Das Ergebnis: „Eine Juni-Hitze dieses Ausmaßes wäre noch vor 50 Jahren klimatisch nahezu unmöglich gewesen“, berichten Keeping und seine Kollegen. Erst durch den Klimawandel und die überdurchschnittlich starke Erwärmung Europas ist eine solches Jahrhunderthitze überhaupt möglich geworden. Konkret ergaben die Analysen, dass sich die Wahrscheinlichkeit so hoher Juni-Temperaturen allein seit 2003 um das 300-Fache erhöht hat.

Interessant jedoch: Die auslösende Omega-Wetterlage, durch die heiße Luft aus Nordafrika nach Europa einströmt, ist seit 1950 nicht signifikant häufiger geworden, wie die Forschenden ermittelten. Was sich aber geändert hat, sind die Temperaturen, die diese Wetterlagen heute mit sich bringen: „Eine vergleichbare Juni-Hitzewelle wäre 1976 um 3,5 Grad kühler gewesen als heute. Im Jahr 2003 wäre eine solche Hitzewelle noch rund zwei Grad kühler ausgefallen“, berichten Keeping und sein Team. Ursache dafür seien die durch den Klimawandel allgemein höheren Temperaturen.

Der Sommer fängt erst an

Und der Sommer ist noch lange nicht zu Ende. Seit dem Wochenende sind die Temperaturen vielerorts erneut auf Werte über 30 Grad angestiegen, eine neue Hitzewelle hat begonnen. Nach Ansicht der Forschenden bestätigt die Klimaentwicklung 2026 schon jetzt, dass extreme Hitze auch in Mitteleuropa keine absolute Ausnahmeerscheinung mehr ist. „Extreme Hitze wird zu einem immer bedeutenderen Klimarisiko für Europa“, konstatieren Mohr und ihre Kollegen vom CEDIM.

Das bedeutet: Infrastruktur, Landwirtschaft, Städte, Gesundheitssystem und jeder Einzelne müssen sich auf dieses neue Sommerklima einstellen. „Meiner Einschätzung nach gibt es immer noch eine Tendenz dazu, Hitzeereignisse zu verharmlosen. Man will den Menschen die Sommerlaune nicht verderben“, kommentiert Veronika Huber vom Nationalen Forschungsrat Spaniens (CSIC). Doch die laut Robert-Koch-Institut rund 5200 Hitzetoten der Juni-Hitzewelle allein in Deutschland, Einbußen der Wirtschaft und hitzebedingte Ausfälle im Verkehrsbereich unterstreichen, dass Hitze alles andere als harmlos ist.

Quellen: CEDIM Forensic Disaster Analysis Report, doi: 10.5445/IR/1000195086; WWA Scientific Report – European Heatwave, doi: 10.25560/130926, Science Media Center

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