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Kaum eine Frühmenschenart ist so rätselhaft wie der Homo naledi. Seine Fossilien wurden bisher nur in einer einzigen Höhle in Südafrika gefunden, in ihr haben Forschende seit 2013 die Knochen von rund 25 Exemplaren entdeckt. Wie sie dorthin kamen und ob diese Toten absichtlich in der Höhle bestattet wurden, ist ungeklärt. Ebenso rätselhaft ist die Anatomie des Homo naledi: Obwohl er vor rund 335.000 bis 236.000 Jahren lebte und damit zeitgleich mit den ersten Vertretern unserer Art, war dieser Frühmensch in vielen Merkmalen überraschend urtümlich. Wo der Homo naledi im Menschenstammbaum steht, ist daher noch völlig offen.
Rätsel um fehlende Geschlechtsunterschiede
Seltsam auch: Anders als bei anderen Menschenarten sind sich die bisher bekannten Fossilien des Homo naledi auffallend ähnlich. „Die erwachsenen Exemplare zeigen kaum Variationen in ihrer Skelettgröße oder Morphologie“, berichten Palesa Madupe von der Universität Kopenhagen und ihre Kollegen. Ungewöhnlich ist dies deshalb, weil es bei Primaten fast immer geschlechtsbedingte Unterschiede gibt. So sind Männer meist größer und kräftiger gebaut als Frauen. Nicht so beim Homo naledi: Fast alle in der Rising-Star-Höhle gefundenen Exemplare sind zierlich und nahezu gleich groß.
Könnte es sein, dass diese Fossilien alle von nur einem Geschlecht stammen? Um diese Frage zu klären, haben Madupe und ihr Team 23 Zahnproben von 20 Homo-naledi-Exemplaren aus der Höhle auf ein bestimmtes Protein hin untersucht: Amelogenin-Y. Dieses wird von einem Gen auf dem männlichen Y-Chromosom kodiert und kommt daher nur bei Männern vor. “Um eine möglichst große Spannbreite des Homo naledi abzudecken, stammen die Proben von Individuen unterschiedlichen Alters und aus verschiedenen Teilen des Rising-Star-Höhlensystems“, erklären die Forschenden.
20 Individuen – keines männlich
Das überraschende Ergebnis: „In den Analysen haben wir bei keinem der 20 Homo-naledi-Exemplare Amelogenin-Y gefunden“, berichten Madupe und ihre Kollegen. Um zu überprüfen, ob dies vielleicht an den eingesetzten Messverfahren liegt, testeten sie auch Proben anderer Vor- und Frühmenschen auf dieses Protein. Doch diese bestätigten, dass die Analysen selbst geringste Mengen dieses männerspezifischen Proteins detektieren können. Bei den Homo-naledi-Exemplaren war demnach wirklich kein Amelogenin-Y nachweisbar.
Das könnte bedeuten, dass die Fossilien aus der Rising-Star-Höhle nur von Frauen stammen. „Von den 20 Individuen wurden 19 mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit als weiblich identifiziert“, schreibt das Team. Das 20. Exemplar war mit 50- bis 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls weiblich. „Das Fehlen männlicher Marker in dieser Gruppe ist wirklich faszinierend“, sagt Co-Autor Marc Dickinson von der University of York.
Gleichzeitig könnte dieses Resultat eines der Rätsel zum Homo naledi lösen: „Es erklärt, warum der Homo naledi kaum anatomische Variation zeigt: Wahrscheinlich liegt dies daran, dass alle demselben Geschlecht angehörten“, sagt Dickinson.
In der Menschheitsgeschichte einzigartig
Eine solche rein weibliche Gruppe von Toten ist bisher einzigartig, wie Madupe und ihre Kollegen erklären. „Eine so ausgeprägte Dominanz nur eines Geschlechts wie beim Homo naledi wurde in Proteinanalysen anderer urzeitlicher und moderner Populationen der Gattung Homo bisher noch nie dokumentiert“, schreiben sie. So gibt es zwar jungsteinzeitliche Grabstätten, in denen doppelt so viele Frauen wie Männer bestattet wurden. Doch aus der Zeit davor gab es bisher keine so einseitige Geschlechterverteilung wie beim Homo naledi.
Die Homo-naledi-Frauen aus der Rising-Star-Höhle sind damit bisher beispiellos. Doch was steckt hinter diesen offenbar rein weiblichen Toten? Könnte es sein, dass die engen Gänge der Höhle auch damals schon nur für zierlichere Frauen zugänglich waren? Diese Erklärung halten die Forschenden für unwahrscheinlich. Denn unter den in der Höhle gefundenen und jetzt untersuchten Individuen waren auch Kinder und Jugendliche – aber auch sie waren weiblich.
Sind dies die ältesten Bestattungen der Welt?
Was aber ist dann die Erklärung für diese rein weiblichen Fossilien? Nach Ansicht von Madupe und ihrem Team könnte die einseitige Geschlechtsverteilung der Homo naledi auf eine bewusste Auswahl hindeuten – und eine stark umstrittene These stützen. Nach dieser könnte der Homo naledi seine Toten bereits gezielt und vielleicht sogar im Rahmen von Ritualen in der Höhle bestattet haben. Sollte sich dies bestätigen, wären dies die frühesten Bestattungen der Menschheitsgeschichte.
Erste Indizien für eine solche kulturelle Praktik hatte ein Team um Lee Berger von der Universität Witwatersrand bereits 2023 entdeckt. Sie hatten in der Rising-Star-Höhle zwei Homo-naledi-Exemplare gefunden, die in absichtlich gegrabenen Gruben lagen. Die Lage der Gebeine sprach dafür, dass diese Toten nicht nur zufällig deponiert worden waren. In Kombination mit den an einigen Höhlenwänden entdeckten Ritzmustern sehen die Forschenden darin einen Beleg für fortgeschrittene kulturelle Fähigkeiten dieses Frühmenschen – trotz seines kleinen Gehirns.
Die aktuellen Resultate zur Geschlechtsverteilung stützen diese Sichtweise nun. Denn wenn die Rising-Star-Höhle ein nur für Frauen reservierter Ort war, dann spricht auch dies für eine religiöse oder kulturelle Tradition – und damit für fortgeschrittene Fähigkeiten.
Quelle: Palesa Madupe (Universität Kopenhagen) et al., Cell, 2026; doi: 10.1016/j.cell.2026.05.044
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