Hotelbesitzerin war von Außenwelt abgeschnitten

Hotelbesitzerin war von Außenwelt abgeschnitten

Frau Achrainer, Sie sind Geschäftsführerin des Traditionshotels „Fafleralp“ oberhalb von Blatten im Lötschtal. Ihr Hotel war eigentlich nicht von der Evakuierung betroffen, durch den Felssturz waren Sie dann aber von der Außenwelt abgeschnitten, bis ein Hubschrauber Sie nach einigen Tagen abgeholt hat. Wie geht es Ihnen inzwischen?

Mir geht es gut. Es ist mir ein Anliegen, das so auszusprechen, auch aus Respekt denen gegenüber, die alles verloren haben, die unter Schutt und Eis ihre Vergangenheit begraben wissen. Ich übe mich in großer Dankbarkeit, dass wir beim Abbruch in einer sicheren Zone waren und dass wir außer wirtschaftlichem Schaden keine Verluste beklagen zu haben.

Hotel-Geschäftsführerin Barbara Achrainer.
Hotel-Geschäftsführerin Barbara Achrainer.Barbara Achrainer

Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt, von den ersten Warnungen bis zum Absturz?

Am 19. Mai haben wir mit den Saisonvorbereitungen für den Sommer 2025 angefangen, alle Mitarbeiter waren angereist und sehr motiviert. Genau an diesem Tag wurde dann die Talstraße gesperrt. In den Bergen ist das nicht unbedingt beunruhigend. Wir haben abgewartet, größere Felsbrocken brachen ab, kamen auf der Gletscherbank zum Erliegen. Als Nächstes wurden auch umliegende Wanderwege gesperrt. Urplötzlich, am vergangenen Mittwoch, ist dann der Bergsturz passiert. Auf einmal sah die Welt für alle anders aus, und die, die vorher vielleicht noch Schutzmaßnahmen belächelt haben, waren dankbar, dass im Vorfeld für unsere Sicherheit gesorgt wurde. Wir haben im Tal den Verlust eines Menschenlebens zu beklagen, aber eben nicht Hunderte. Ich danke allen Verantwortlichen für ihr umsichtiges Handeln.

Wie haben Sie den Moment des Bergabbruchs erlebt?

Die Hälfte der Mitarbeiter war da bereits zu Hause bei ihren Familien in der Schweiz, sie konnten das Hotel über einen gesicherten Wanderweg begleitet verlassen. Zu zehnt waren wir noch vor Ort. Ich selbst habe zu dem Zeitpunkt im Büro gesessen. Es war Lärm zu hören, kurz darauf kam es zum Stromausfall. Dann saßen wir da, ohne Elektrizität, ohne Licht, ohne Internetverbindung, die Telefonleitungen waren tot. Das Ausmaß der Katastrophe konnte sich zu dem Zeitpunkt natürlich niemand vorstellen. Es ist das Schlimmste aller möglichen Szenarien eingetreten. Von oben konnte man im Dorf nur noch einige Dächer sehen, der Anblick der Katastrophe war erschütternd. Das hat mich mit viel Mitgefühl und großer Betroffenheit erfüllt. Man wird bescheiden in solchen Momenten.

Blick zurück auf den Weg zum Hotel „Fafleralp“.
Blick zurück auf den Weg zum Hotel „Fafleralp“.Barbara Achrainer

Wie ging es nach dem Bergabbruch weiter?

Wir suchten Kerzen, Taschenlampen – und die Gemeinschaft. Das Wichtigste war, nicht allein zu sein. Wir sind früh schlafen gegangen. Zum Glück hatten wir ausreichend Lebensmittel, sauberes Wasser aus dem Hahn, das ist in so einer Situation keine Selbstverständlichkeit. Wir konnten dank Gasversorgung sogar warme Mahlzeiten zubereiten! Körperlich hat uns nichts gefehlt. Aber es war eine seelische Belastung.

Sie wurden am Wochenende mit dem Hubschrauber aus dem Hotel gebracht. Wo sind Sie jetzt gerade?

Ich bin in einem Chalet im Tal untergekommen. Die Solidarität der Schweizer ist bemerkenswert. Gerade kümmere ich mich um die Umverteilung von den privaten Gegenständen von Mitarbeitern, die vorher ausgeflogen worden sind, organisiere Koordinationsmaßnahmen und Mitarbeiterbesprechungen.

Blick in Richtung des verschütteten Ortes Blatten.
Blick in Richtung des verschütteten Ortes Blatten.Barbara Achrainer

Wie wird es finanziell weitergehen?

Wir rechnen mit einem Ausfall von mehreren Hunderttausend Franken. Aber die Be­triebs­aus­fall­ver­sicherung wollte die Kosten nicht übernehmen, weil das Haus nicht beschädigt wurde. Wir haben inzwischen um abermalige Prüfung gebeten. Mittlerweile liegen wir ja auch in der Evakuierungszone.

Unsere Saison 2025 ist gelaufen. Ein positives Zukunftsszenario wäre eine Wiedereröffnung des Hotels im Sommer 2026, zum 120. Jubiläum des Hauses. Wenn man sich das Ausmaß der Katastrophe ansieht und die Tatsache, dass das Tal mit Eis und unstabilem Material zugeschüttet ist, kann es unter Umständen noch zwei, drei Jahre dauern, bis wir wieder von einer regulären Erreichbarkeit über eine befestigte Straße sprechen können. In der Zwischenzeit bemühen wir uns, unsere Mitarbeiter eventuell an andere Betriebe zu vermitteln.

Am heutigen Mittwochabend wollen Sie im Lötschental vorbeischauen. Mit welchem Gefühl kommen Sie zurück?

Das Tal ist von einer großen Traurigkeit überschattet, die mich sehr betroffen macht und ein großes Mitgefühl in mir bewegt. Ich versuche aber auch mit einem gewissen Zweckoptimismus in die Zukunft zu schauen und aus der Krise eine Chance zu entwickeln. Mein Wunsch ist es, im Jubiläumsjahr eine Art des Betriebs einrichten zu können. Es geht um 120 Jahre Gastgeberkultur, die ich mit Verantwortung in die Zukunft tragen will. Bei uns stiegen schon Charlie Chaplin und Gerhard Schröder ab. Dieser Ort verdient eine Vision für die Zukunft.

Noch ist die Gefahr aber nicht gebannt.

Es gibt stetige Felsabbrüche, und die Bedrohung durch den Fluss Lonza, der durch die Geröllschubmassen gestaut wird, hat zugenommen. Wir können die Natur nicht komplett beherrschen. Aber gemeinsam können wir mit Solidarität Berge versetzen.

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