Eine junge Frau hat geheiratet. Kurz darauf legt sie ein Album für ihre Aufzeichnungen an, gibt ihm den Titel „Allerlei“ und porträtiert sich dafür selbst. Allerdings klebt sie nicht nur ein Bild von sich hinein, sondern gleich acht. Die ersten sieben zeigen je eine Facette ihrer Person. Sie malt sich als Träumerin, als spielendes Kind, als würdige Hausfrau, als Mischung aus antiker Göttin und Ritter mit Helm, Lanze und Schild, als romantische Dichterin, preußische Soldatin und graugewandete alte Frau – unter jeder dieser kolorierten Federzeichnungen steht ein Buchstabe ihres Vornamens. Das achte Bild aber bringt alle Facetten zusammen. Die Gestalt dort trägt die Zipfelmütze der Phantastin, die Rose der Dichterin, den Schild der Kämpferin und dergleichen mehr. Gut zusammen passt das nicht, man sieht es der Porträtierten an, dass sie mit dieser Bürde hadert. Aber nur so ist sie komplett. Unter dem Bild selbst steht nun der aus den einzelnen Buchstaben zusammengesetzte Vorname: Ottilie.
So sah sich Ottilie von Goethe, geborene Freiin von Pogwisch, in dieser Zeit selbst. Wie eine andere über sie urteilte, zeigt ein Brief, den Annette von Droste-Hülshoff am 30. Juli 1845 an Elise Rüdiger schrieb. In ihrer winzigen Schrift versprüht sie so viel an Ressentiment, übler Nachrede, ja Gift, dass man nur den Kopf schütteln kann. Die „liebessieche“ Ottilie hätte sich in Weimar diversen Männern an den Hals geworfen, sei später einem Spielsüchtigen, der für die Droste „der Jude“ heißt, nach Wien gefolgt; der „innerlich gemeine Kerl“, der Ottilie im Verlauf eines Jahres um ihr Vermögen gebracht habe, stehe außerdem im Verdacht, aus Habgier ihre Tochter Alma vergiftet zu haben und dergleichen mehr – sollte sich Ottilie jedenfalls, schreibt die Droste, je wieder nach Weimar wagen, würde sie dort von den aufgebrachten Bürgern „mit Koth und Steinen“ beworfen werden, und bei Hof dürfe sie sich ohnehin schon nicht mehr blicken lassen. Nichts davon ist wahr.

Selbstporträt als Phantastin: Aus Ottilie von Goethes Album „Allerlei“
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Bild: Klassik Stiftung Weimar
Zwischen diesen beiden Zeugnissen liegen knapp drei Jahrzehnte, in denen aus der wenig bekannten jungen Frau aus altem Adel eine Gesellschaftsdame wurde, die stilsicher, einfallsreich und versiert im Haus ihres Schwiegervaters am Frauenplan in Weimar die Gäste empfing und ein weitverzweigtes Korrespondentennetz unterhielt. Wie sehr sie zur Vertrauten des alt gewordenen Goethe avancierte, kann die Ausstellung, die von heute an im Deutschen Romantik-Museum zu sehen ist, nur andeuten, aber die Belege sind aufregend genug und jedenfalls geeignet, die Aufmerksamkeit der Besucher auf eine Frau zu lenken, die das darin enthaltene Versprechen mühelos einlöst. Und das mit einer Fülle von Lebensspuren, die teils eng mit denen Goethes verbunden, teils von großer Eigenständigkeit sind.
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