#Immer ist irgendetwas faul im Staate

Immer ist irgendetwas faul im Staate

Dass alle Ausstellungen nur das Beste wollen, zumal die der großen Museen der Welt, das darf man unterstellen. Aber welchen Weg, fragt man sich bisweilen, mussten die Arbeiten nehmen, um aufgenommen zu werden in den Kanon der Kunst? Und prompt landet man wieder bei den großen Museen, die oft genug zeigen, was lange für gut befunden worden ist. Von ihnen selbst. Und von Kunsthistorikern, die sich wiederum auf den Bestand von Museen berufen. Mitunter von dem, an dem sie beschäftigt sind.

Freddy Langer

Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

So war das schon mit Beaumont Newhall, der im Museum of Modern Art die Fotografieabteilung aufbaute und als Katalog zu seiner ersten großen Ausstellung seine bis heute gültige „Geschichte der Fotografie“ verfasste, zunächst von den Anfängen des Mediums bis in die Dreißigerjahre, später in erweiterten Ausgaben bis zu den jungen, amerikanischen Farbfotografen der Siebziger. Wer sich in seinem Buch wiederfand, gehörte fortan zu einem Kanon, der seine Gültigkeit nie mehr verloren hat. Nachfolger Newhalls wie John Szarkowski und Peter Galassi taten viel dafür, den Reigen ein wenig zu erweitern. Und als Quentin Bajac seine hervorragende dreibändige „Große Geschichte der Photographie“ vorlegte, war dies keineswegs als Korrektur an deren Auswahl zu verstehen, sondern wiederum als Ergänzung – bis in die Gegenwart. Quentin Bajac, von 2013 bis 2018 Chefkurator für Fotografie am MoMA, stützte sich für seine drei Bücher sogar ausschließlich auf die Sammlung des Hauses. Sie umfasst knapp zweihunderttausend Arbeiten. Wohl dem, der auf solch einen Fundus zurückgreifen kann.

Guter Mond, du stehst so stille - Joel Meyeorwitz sammelt Licht und landet bei dem roten Innenraum einer Limousine, Provincetown, 1977


Guter Mond, du stehst so stille – Joel Meyeorwitz sammelt Licht und landet bei dem roten Innenraum einer Limousine, Provincetown, 1977
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Bild: Joel Meyerowitz, courtesy Howard Greenberg Gallery

Kaum zu glauben, dass die Albertina, Wiens Museum zunächst nur für Grafik, über einen kaum minder imponierenden Bestand verfügt. Dabei hat ihr Direktor Klaus Albrecht Schröder die Fotosammlung überhaupt erst 1999 gegründet, als Reaktion auf den Bedeutungsverlust der grafischen Künste. Heute betreuen drei Kuratoren hundertvierzigtausend Abzüge. Einer von ihnen, Walter Moser, blättert nun mit knapp zweihundert Arbeiten – die meisten aus dem Besitz des Museums, einige bei einem Sammler aus Wien ausgeliehen – die Geschichte der amerikanischen Fotografie vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute auf. Er beweist dabei ein sicheres Auge, folgt allerdings sehr eng den etablierten Vorgaben seiner Kollegen aus New York, als wolle er den Kanon des MoMA auch in Europa zementieren. Ebenso gut freilich könnte er sich auf Oscar Wilde berufen, der meinte, guter Geschmack sei leicht zu beweisen: Man wähle einfach immer das Beste. Besser als „American Photography“ in der Albertina geht es nicht.

Es fehlt kein großer Name. Und es gibt so viele berühmte Motive, dass man nicht weiß, wohin man zuerst schauen soll. Dabei sind die Bilder mit Bedacht angeordnet. Am Anfang stehen mit Lisette Model und Robert Frank zwei Europäer, als habe es in Amerika deren Anstoß als Ideengeber für kommende Generationen bedurft. Sie, in Wien geboren und in den Dreißigern nach New York geflohen, reichte dort als Lehrerin ihren ironisch-kritischen Blick auf soziale Verhältnisse weiter. Er, Schweizer, in den Fünfzigern nach Amerika ausgewandert, entwickelte aus seiner Enttäuschung vom Land eine Ästhetik des Schocks, die alle bis dahin üblichen Kompositionsprinzipien über den Haufen warf. Auch das war stilbildend. Als Etappenpunkte dienen Moser die in Amerika marketingtechnisch perfekt, fast marktschreierisch bezeichneten Bewegungen „New Documents“, „New Topographics“ und „New Color“, die sich auf einst kaum wahrgenommene oder zumindest vom Publikum abgelehnte Ausstellungen der Sechziger- und Siebzigerjahre beziehen, heute jedoch als heilige Momente in der Fotogeschichte verstanden werden. Die Themen verschoben sich von der subjektiven Sicht auf die Straße zum strengen Blick auf eine oft zerstörte Umwelt und weiter zu bonbonbunten Motiven aus dem Alltag der amerikanischen Provinz. Am Ende der Bilderschau steht Gregory Crewdson, der mit dem Aufwand einer Hollywood-Produktion Szenen arrangiert, in denen sich ein beklemmendes Gefühl vom Ende der Welt über alltägliche Situationen legt.

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