#…in dem ich mich nicht mehr sicher fühlte

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…in dem ich mich nicht mehr sicher fühlte

Vorsichtig bin ich schon länger. Während ich mit Anfang 20 noch bei jeder Tages- und Nachtzeit fröhlich und unbedarft durch sämtliche Parkanlagen Kölns gelaufen bin, habe ich meine Joggingzeiten längst angepasst. Das Leben hat mir leider viel beigebracht über Parks und Wälder und das Allein-darin-herum-laufen als Frau. Also stellte ich mir selbst Regeln auf: Nie im Dunkeln, nie, also wirklich: nie! Ab einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr die Abzweigung nehmen, die am Parkplatz vorbeigeht, der direkt auf die Schnellstraße führt. „Da bist du weg“, hatte ich mal zu einer Freundin, die auch auf meiner Strecke joggt, gesagt, und sie hatte nur genickt. Und wenn es doch mal nicht anders als zu einer sogenannten Randzeit geht, immer lieber zu zweit als allein joggen!

Johanna Dürrholz

Bevor ich loslaufe, teile ich meinem Freund außerdem routinemäßig mit, welche Runde ich wohl nehmen werde. Die „große“ das sind etwa neun Kilometer, wird’s selten, die kleine, das sind nur fünf, auch nicht oft. Also laufe ich die „normale“ Runde, und mein Freund weiß, dass ich zirka 40 Minuten später wieder da sein werde, im Flur rufen werde, dass es „heute ganz schrecklich“ war oder dass „ich heute richtig im Flow“ war und auf jeden Fall wohlbehalten zurückgekehrt bin.

Als ich vor ein paar Tagen statt nach 40 Minuten eher nach anderthalb Stunden nach Hause kam, weil ich im Park Bekannte getroffen und mich auf Abstand verquatscht hatte, kam von meinem Freund – nichts. Er hatte telefoniert und und sich nichts weiter bei meinem längeren Fernbleiben gedacht. „Hast Du Dir gar keine Sorgen um mich gemacht?“, bretterte ich vorwurfsvoll los, als ich hereinkam. Immerhin war es inzwischen dunkel geworden. „Sorgen? Eigentlich nicht“, meinte er, halb erstaunt, halb belustigt. So oder so ähnlich haben wir schon oft gesprochen. „Ich hätte gekidnappt worden sein können“, sage ich dann manchmal, oder „Mir hätte ja was passiert sein können.“ Na, was schon, denkt mein Freund, und denke dann auch ich, immerhin wohnen wir in einem ruhigen Stadtteil in Köln und nicht in Detroit.

Ein Fall, der allen Regeln widerspricht

Man kann all diese Vorsichtsmaßnahmen für übertrieben, die Sorgen für verfehlt halten – vielleicht sind sie das auch. Doch es sind Maßnahmen, mit denen Frauen und Mädchen sozialisiert werden. Ich habe in der Schule Selbstverteidigung gelernt, und meine Eltern schärften mir stets ein, ich solle im Dunkeln nicht allein mit dem Rad nach Hause fahren. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, gefährliche Situationen einzuschätzen, unberechenbare oder gewaltbereite Menschen zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen, und sei es nur, den potentiellen Störenfried auf einer Party auszumachen. Statt an einem Unfallort auszusteigen und Hilfe anzubieten, so lernte ich, sollte ich lieber im sicheren Wagen bleiben und die Polizei rufen. Es könnte ja eine Falle sein.

Auch an diesem Tag will ich mich gerade zum Joggen umziehen, da schickt eine Nachbarin ein Bild in unseren Haus-Chat mit dem Hinweis „Mädels, passt auf Euch auf!“ Es ist ein Screenshot von einer WDR-Meldung. „Polizei warnt: Vergewaltiger am Weiher“. Ich kann es kaum glauben: Mein Weiher? An dem ich fast jeden Tag laufe oder zumindest spazieren gehe? Ich lese in der Zeitung nach, was passiert ist: An einem Mittwochmorgen, um viertel vor neun, ist eine Joggerin von einem Mann angesprochen, bedroht und vergewaltigt worden. Er ist danach entkommen. Viertel vor neun, denke ich, das ist doch meine Laufzeit! Und es ist auch mein Weiher! Und es widerspricht meinen Sicherheitsregeln von wegen Dunkelheit und Randzeiten (Parkplatz stimmt aber offenbar).

Mir wird schlecht. Ich packe meine Laufsachen zurück in den Schrank und setze mich hin. Der Täter ist nach Angaben der Polizei gefährlich, sein ungewöhnliches Vorgehen (ansprechen statt überfallen) könnte ein Hinweis darauf sein, dass er ein Wiederholungstäter ist. Ich schicke die Meldung an sämtliche Freundinnen aus der Umgebung, es gibt in diesen Tagen viele, die hier laufen gehen. Von fast allen dieselbe Reaktion: Entsetzen. „Ich war heute Morgen um acht noch allein im Park spazieren“, schreibt eine. „Jetzt brauche ich erst mal eine neue Joggingstrecke“, eine andere. Wir denken an die Frau, die dem Vergewaltiger zum Opfer gefallen ist, obwohl sie nur eine Morgenrunde joggen gehen wollte. „Was für ein Arschloch“, schreibt eine Freundin. Ja, denke ich.

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