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So etwas hat man hier noch nie gesehen: Auf der New York Fashion Week, wo sonst Chanel und Versace ihre Couture-Kollektionen inszenieren, läuft im September 2025 eine Frau aus den peruanischen Anden über den Runway. Sie trägt einen wallenden Faltenrock nach kolonialer Machart, die Säume handbestickt mit floralen Motiven der Quechua-Kultur.
Designerin Qarla Quispe aus Lima hat das geschichtsträchtige Kleidungsstück, eine „Pollera“, neu interpretiert – für die erste Indigenous New York Fashion Week. „Es war ein emotionaler Moment“, erinnert sich Quispe heute an jenen Abend. „Die Pollera auf einer internationalen Plattform zu sehen, war für mich auch eine Form von Widerstand: Wir sind hier.“
Rentier-Parkas und Kängurufell-Capes
New York, Paris, London, Mailand – in allen großen Modemetropolen haben in den letzten Jahren indigene Fashion Weeks Einzug gehalten. Was dort gezeigt wird, folgt keinem Trend und keiner Saison: Kängurufell-Capes aus dem australischen Outback, Rentier-Parkas im Inuit-Style oder Rindenbaststoff-Silhouetten aus Ozeanien. Uraltes Handwerk von den Ursprungsvölkern aller Kontinente, neu interpretiert als Haute Couture.

Chelsa Racette organisierte 2012 die erste National Aboriginal Fashion Week in Kanada. Seit 2019 trägt die Angehörige des Cree-Volks die Bewegung in die großen Modestädte. „Als ich anfing, gab es keine einzige Modenschau, die sich indigenen Designern widmete“, sagt Racette per Videoanruf. Mittlerweile kollaboriert sie im Rahmen der International Indigenous Fashion Week mit Modeschöpfern aus Indien, Neuseeland oder Peru.
Hinter deren Kollektionen verberge sich ein lebendiges Erbe, sagt Racette, jenseits der Hollywoodklischees von Federschmuck und Kriegsbemalung: „Indigene Mode erzählt immer auch eine Geschichte. Und sie ist der Inbegriff von Nachhaltigkeit.“ Wenn man ein Tier für Kleidung nutze, werde jedes einzelne Teil verwertet – Fell, Sehnen, Knochen. Je nach Volk und Region kämen verschiedene Materialien zum Einsatz: Manche nutzten Biber-, manche Robbenfelle, andere wiederum Fischhaut. „Jedes Tier hat seine eigene Symbolik“, so Racette. „Adler etwa sind mächtig, frei, erhaben.
Meister aus der Provinz
Der Mainstream, glaubt sie, ist längst bereit. Ihre Shows sind ausverkauft, die Anfragen reißen nicht ab. In Paris richtet Racette dieses Jahr die fünfte Ausgabe ihrer Indigenous Fashion Week aus, in Sydney integriert die Australian Fashion Week erstmals First-Nations-Designer in ihr Hauptprogramm.

Für Qarla Quispe, die Frau, die dem peruanischen Faltenrock neues Leben einhauchte, war es ein weiter Weg bis nach New York. Er führte sie zuerst in die entgegengesetzte Richtung: hinaus aus Lima, in die Hochebene der Anden, wo Stickkunst seit Generationen weitergegeben wird, hinab in die Täler, wo Kunsthandwerkerinnen Mate-Kürbisse gravieren, bis an die Pazifikküste, wo sie lernte, wie Silberschmuck nach präkolumbianischer Tradition entsteht.
Quispe, 43, erzählt von dieser Reise per Videoanruf, aus ihrem kleinen Laden in Lima, hinter sich Stoffe und halb fertige Kleider. An der Kunsthochschule habe sie den Professoren von den Meistern aus der Provinz erzählt, so Quispe. „Sie sagten mir, dass diese Menschen keine Künstler seien, weil sie keine akademische Ausbildung hätten. Das hat mich tief getroffen.“
Ohne Massenware in den Mainstream?
Quispe ließ sich davon nicht beirren und machte die Volkskunst zum Fundament ihres Labels Warmichic. Heute besticken Kunsthandwerkerinnen aus Cusco für sie Bomberjacken, Silberschmiede von der Küste fertigen Accessoires. Es sind Unikate, die Zeit brauchen. Quispe versteht sie bewusst als Gegenentwurf zur globalisierten Modeindustrie, handgemacht und enkelfähig: „Wir machen keine Massenware, sondern Stücke, die lange halten und weitergegeben werden können.“ Zeitlos eben, so wie die Pollera.

Die Spanier zwangen sie einst den Frauen auf – ihre traditionelle Tracht mussten die Ureinwohnerinnen verbrennen. Im modernen Peru wurden Frauen mit Pollera später als Hinterwäldlerinnen verspottet. Quispe hat das traumabeladene Gewand für die Stadt neu interpretiert. „Es ist ein lebendiges Kleidungsstück“, sagt sie. „Jede Trägerin fügt ihm ein neues Kapitel hinzu.“
Die mexikanische Modedesignerin und Anthropologin Carla Fernández ist so etwas wie die Vordenkerin der Bewegung. Seit 25 Jahren studiert die 53-Jährige die DNA indigener Kleidung, hat Hunderte von Schnitten, Techniken und Bedeutungssystemen katalogisiert. Wir erreichen sie per Video auf der Halbinsel Yucatán, im tiefen Süden Mexikos, wo Maya noch auf der Straße gesprochen wird. Erst gestern, erzählt Fernández, habe ihr der hiesige Walmart-Kassenautomat Maya als Sprachoption eingeblendet.
Wie echte Kollaboration aussieht
In ihrem Showroom in La Roma, Mexiko-Stadts angesagtem Hipsterviertel, hängen derweil Kleider, die manchmal noch nach Rauch riechen. Für Fernández ein Gütesiegel: „Weil man weiß, woher es kommt.“ Die Kunsthistorikerin, einst Dozentin am renommierten MIT in Boston, versteht sich als Brückenbauerin zwischen jahrhundertealten Textiltechniken und Haute Couture. Sie betreibt drei Läden, hinter denen über 120 indigene Kunsthandwerkerinnen aus 16 Bundesstaaten stehen – und ein Modell, das zeigt, wie echte Kollaboration aussieht.

Herzstück ist das Taller Flora, ein mobiles Atelier, das durch Mexiko reist und indigene Frauenkooperativen aufsucht. Der erste Schritt ist immer derselbe: zuhören. „Unsere Frage lautet nicht: Wie setzen wir unser Design um?“, sagt Fernández, „sondern: Wer lernt hier von wem?“
Die Handwerkerinnen bringen Web- und Sticktechniken mit, mündlich von Generation zu Generation weitergegeben. Fernández und ihr Team bringen das Designhandwerk und den Marktzugang. Ein Beispiel: Die Gewebe eines traditionellen indigenen Gürtelwebstuhls lassen sich nicht zuschneiden wie Industriestoff – der Stoff wird so gewebt, wie das Kleidungsstück am Ende aussehen soll. „Wir passen unsere Designs ihrer Technik an, nicht umgekehrt“, sagt Fernández. „Sie sind die Expertinnen.“ Faire Bezahlung und regelmäßige Aufträge, zertifiziert durch das Nachhaltigkeitssiegel B Corp, sollen sicherstellen, dass die Handwerkerinnen wirklich davon leben können.
Fernández’ Modell ist die Ausnahme. Adidas brachte 2025 den „Oaxaca Slip-On“ heraus, eine Sandale, die dem handgefertigten Huarache aus dem Zapoteken-Dorf Villa Hidalgo Yalálag täuschend ähnlich sah. Zara wiederum kopierte das Huipil, ein weites Obergewand der Mixteken – und bestritt jede Anleihe. „Das Design eines Huarache oder Huipil hat keinen einzelnen Urheber“, findet Fernández. „Wenn es ein Modekonzern kopiert, bestiehlt er ein ganzes Volk.“
Dass es auch anders geht, beweist der Sportriese Nike. Dessen N7-Linie wird von einem Angehörigen der Sioux geleitet. Traditionelle Perlenstickerei wird so in Sportkleidung übersetzt, Stammeskunst in Laufschuhe – stets in enger Zusammenarbeit mit indigenen Designern. Rund 13 Millionen Dollar flossen seither über den N7-Fonds zurück in indigene Gemeinschaften.
Chelsa Racette plant, ihre International Indigenous Fashion Week 2027 erstmals nach Deutschland zu bringen. Ob deutsche Tracht dabei eine Rolle spielen könnte? Für Carla Fernández spricht nichts dagegen: „Die Zimmermannskluft finde ich faszinierend. Auch in Europa stirbt dieses Wissen langsam aus.“ Designerin Qarla Quispe aus Peru formuliert es grundsätzlicher: „Alle kulturellen Ausdrucksformen verdienen Respekt, solange sie innerhalb einer Gemeinschaft einen klaren Zweck hatten“, sagt sie und findet: „Die Pollera hat mit dem Dirndl mehr gemein, als man denkt.“
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