Interview Carolin Kebekus über Mutterschaft und Geburt

Interview Carolin Kebekus über Mutterschaft und Geburt

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Frau Kebekus, wann haben Sie zuletzt über Ihr Kind gelacht?

Heute Nacht. Eigentlich weint das Kind nachts nur kurz, weil es ein Fläschchen will. Heute war es wach und hat geredet: „Mama. Hahaha. Viele Kinder. Heia. Boden. Bum. Aua. Pipi. Hahaha.“ Es hat sich kaputtgelacht über die Sachen, die es tagsüber erlebt hatte. Gerade ist Kita-Eingewöhnung, und dieses Lachen klang nach: Achtung, overload. Es ist zu viel. Und ich so: Bitte schlaf! Ich habe den ganzen Tag Interviews, es werden Fotos von mir gemacht, ich muss schlafen! Gleichzeitig denkt man auch: Wie witzig ist das denn? Ich finde das typisch für dieses Muttersein. Himmelhochjauchzend – und die Frage: Wie soll ich je mein Leben wieder in den Griff kriegen?

Und was machen Sie, wenn Sie es zum Lachen bringen wollen?

Einer meiner größten Skills ist es ja, mit der Hand Flatulenzgeräusche zu machen. Das findet auch das Baby cool.

Hat Ihr Kind – dessen Geschlecht Sie bewusst nicht verraten – Humor?

Absolut. Die Gesichtsakrobatik, die es jetzt schon an den Tag legt, kommt angeblich von meiner Seite. Es macht auch Witze. Zum Beispiel nimmt es so einen Stofftierhasen und sagt: „Tiger“.

Hat gerne alles im Griff: Carolin Kebekus
Hat gerne alles im Griff: Carolin KebekusMarcus Simaitis

Mit gut anderthalb? Nicht wahr!

Doch. Ich sage dann: „Nee, ist ein Hase.“ Und das Kind: „Tiiiieger“.

Und da heißt es immer, Kinder und Ironie, das geht nicht. Im Hause Kebekus ist das offensichtlich anders.

Klar, bei uns ist natürlich auch kurz vor hochbegabt (lacht).

Der Beginn Ihrer Mutterschaft war alles andere als lustig, habe ich in Ihrem Buch gelesen. Würden Sie rückblickend sagen, das war eine Wochenbettdepression?

Gute Frage. Ich glaube aber, das ist noch mal tiefer, länger. Mich hat bloß erstaunt, dass ich null vorbereitet war auf diesen Absturz. Ich war wahnsinnig gut vorbereitet auf die Geburt. Dabei hat mir dieses ganze Geatme, wie man wohin drückt und wo man entspannen soll, nichts gebracht. Gar nichts! Auf das Wochenbett war ich nicht vorbereitet.

Es ging mir so beschissen, das kann man sich gar nicht vorstellen. Ich bin eine Person, die gerne alles im Griff hat. Wenn ich vor einem Problem stehe, kümmere ich mich darum, dass ich mir die nötigen Skills aneigne, um das hinzubekommen. Nach der Geburt habe ich gar nichts hinbekommen. Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Ich hatte unglaubliche Schmerzen. Dann hatten sich bei mir nach dem Kaiserschnitt so Wundwassereinschlüsse gebildet. Ich konnte einfach nicht aufstehen. Ein Albtraum: Andere Leute tragen das Baby rum, und ich musste liegen. Und auch das Stillen . . .

„Man muss dem Kind die Brust ja wirklich geben – zusammendrücken wie ein Butterbrot“: Carolin Kebekus macht im Interview vor, was sie meint.
„Man muss dem Kind die Brust ja wirklich geben – zusammendrücken wie ein Butterbrot“: Carolin Kebekus macht im Interview vor, was sie meint.Marcus Simaitis

Angeblich etwas ganz Natürliches . . .

Nee: Man muss dem Kind die Brust ja geben. Wirklich geben, zusammendrücken wie ein Butterbrot. Jetzt konnte ich mich aber noch nicht mal gerade hinsetzen! Und natürlich dieser Hormonabsturz. Gott sei Dank hatte mir auf dem Weg ins Krankenhaus meine liebe Freundin Hazel Brugger geschrieben: „Nur dass du es mal gehört hast. Der Hormonabsturz in den ersten Tagen nach der Geburt ist vergleichbar mit der hormonellen Umstellung in der gesamten Pubertät.“

Was folgt für Sie aus Ihren Erfahrungen?

Beim nächsten Mal würde ich mich eher auf das Wochenbett vorbereiten als auf die Geburt. Und wenn Besuch kommt, lasst euch Essen mitbringen, richtiges Essen, Bolognese, eine dicke Suppe. Nicht: gesunde Snacks fürs Wochenbett. Meine Hebamme wollte mich auf Schlagsahnediät setzen. Nun bin ich ja schwer privilegiert. Ich habe Geld, ich habe Familie, ich habe einen fähigen Vater für das Baby und mir sehr früh Kinderbetreuung gekauft. Ich weiß nicht, wie andere Frauen das machen. Dass die Gesellschaft davon ausgeht, dass wir Mütter das alles aushalten, weil wir das immer schon gemacht haben – das ist gewagt, finde ich.

Mutter zu werden, sei der krasseste Job, den Sie je angenommen haben, schreiben Sie. Angesichts der Tatsache, dass Sie es in der männerdominierten Comedy-Branche ganz nach oben geschafft haben, finde ich das eine beeindruckende Ansage.

Ich mache einen Menschen – was gibt es Krasseres? Und dann bin ich auch noch dafür verantwortlich! Nicht nur, dass er lebendig bleibt, sondern auch, dass er ein guter Mensch wird und ein gutes ­Leben hat.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Eltern heute machen sich aber auch ganz schön verrückt.

Nur Holzspielzeug kaufen, ganz lange kein Zucker, diese ganzen Sachen, die man sich vornimmt – nicht machbar. Wenn man als Mensch und Person noch vorkommen will, ist das nicht zu erfüllen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass mich Instagram total stresst. Instagram weiß ja genau, wann das Kind geboren und in welcher Phase es gerade ist. Dementsprechend kriege ich angezeigt: Ah, in der soundsovielten Woche soll es für tummy time soundsoviele Minuten auf dem Bauch liegen. Mein Baby hat aber gar nicht auf dem Bauch gelegen. Hat es gehasst. Falsch! Dieser Druck! Auch jetzt so: fördern. Mit sensory play zum Beispiel: Chia-Samen in eine Schüssel mit Wasser, und dann Farben rein, da kann das Kind matschen. Wo soll das Kind denn matschen? In der Wohnung? Und dann Chia-Samen, getrocknet, auf dem Kind, an der Kleidung, auf dem Parkett? Was wollt ihr von mir?

An welcher Stelle hat Ihr Perfektionismus Sie am meisten überrascht?

Ich wollte gut gebären. Es sollte ein schönes Erlebnis werden, so unproblematisch wie möglich, keine Medikamente. Wahrscheinlich ist der Instinkt da richtig, eine natürliche Geburt verursacht im Nachhinein weniger Probleme. Aber ich habe mich damit sehr gestresst. Und ich kam nicht gut klar damit zu sagen: Ich habe Schmerzen, mir geht es schlecht, ich habe ein Kind geboren und bin überfordert mit der Verantwortung.

Wann ist es Zeit für „tummy time“, wann für „sensory play“? Die Erwartungen an Mütter, nicht zuletzt bei Instagram, können Frauen verrückt machen.
Wann ist es Zeit für „tummy time“, wann für „sensory play“? Die Erwartungen an Mütter, nicht zuletzt bei Instagram, können Frauen verrückt machen.Picture Alliance

Hilft es in solchen Momenten, wenn man als eine der lustigsten Frauen Deutschlands gilt?

Schon. Aber ich hatte auch sehr lustige Menschen um mich. Eine gute Freundin hatte drei Tage nach mir einen Kaiserschnitt. Wir haben uns Bilder von Blut und Stuhlgang geschickt und uns gebattelt: Welches dieser zerknitterten Babys sieht noch weirder aus? Auch Hazel hat mir oft geschrieben: „Ah, das kenne ich! Furchtbar!“ Oder einfach nur: „Das ist so am Anfang. Das ist nicht verrückt.“ Aber ich hatte diesen Perfektionismus. Ich hatte Holzscheiben, in die „dritte Woche“, „vierte Woche“ eingraviert war. Ich wollte Fotos machen mit immer demselben Stofftier, damit man sieht, wie das Baby wächst, weil das Stofftier kleiner wird. Nichts davon ist passiert.

Ihr bester Witz im Kreißsaal?

Den hat der Vater gemacht. Er hat das Ärzteteam gefragt: „Ist das auch Ihr erster Kaiserschnitt? Sind Sie auch aufgeregt?“ Alle haben gelacht. Und ich habe mich beschwert: „Moment, ich bin die, die hier Witze macht.“

Warum haben Sie Ihr Buch Ihrer Mutter gewidmet?

Das klingt vielleicht abgedroschen. Aber seit ich selbst Mutter bin, tut es mir leid, dass ich so oft gedacht habe: Hoffentlich werde ich mal nicht wie meine Mutter. Heute denke ich: Wie hat diese Frau zwei Kinder großgezogen und den Haushalt gemacht, nur mit Vormittagsbetreuung im Kindergarten? Und man sieht ja auf den Fotos: Wir waren immer angezogen. Gestern war ich mit dem Baby im Innenhof, Müll wegbringen. Baby hatte keine Hose an, keine Schuhe. Und der Body war auf. Dazu dieser mental load. Man liegt abends im Bett und organisiert: Wann muss geimpft werden, ist die Babytasche für morgen gepackt, wer holt ab, wer bringt, hat das Kind überhaupt noch Hosen, die passen, wir brauchen Gummistiefel, wann probieren wir die an? Also: Hoffentlich werde ich für mein Kind wenigstens ein bisschen so, wie meine Mutter für mich war.

Gibt es auch Dinge, die Sie ganz anders machen wollen?

Ich arbeite. Das finde ich auch gut, weil ich glaube, dass es wichtig ist, dem Kind zu zeigen, dass man sich nicht aufgibt, sondern sich auch um sich selber kümmert. Meine Mutter war Vollzeit zu Hause, und ich weiß, dass das nicht ihre Entscheidung war.

„Wir Frauen erschaffen das Leben“: Kebekus in ihrem aktuellen Bühnenprogramm „SHESUS“.
„Wir Frauen erschaffen das Leben“: Kebekus in ihrem aktuellen Bühnenprogramm „SHESUS“.Marvin Ruppert

Sieben Monate nach der Geburt standen Sie wieder auf der Bühne. Warum zu diesem Zeitpunkt?

Wenn man mit 42 schwanger wird, weiß man nicht, was daraus wird. Wird die Schwangerschaft ein gutes Ende haben? Was, wenn nicht? Wir hatten eine Tour geplant, die Anfang 2024 starten sollte. Okay, hab ich gesagt, ich verschiebe die Tour um ein halbes Jahr. Das finde ich realistisch. Haben mir Leute gesagt: Vielleicht ist es nicht realistisch. Ich aber dachte: Wenn ich am Ende kein Baby habe und keine Tour, kann man mich weglegen. Dann habe ich mir das alles so gebaut, dass es klappt.

War das rückblickend eine gute Idee?

Für mich war es richtig. Ich konnte die Wochenbettsachen erzählen, die Schwangerschaftssachen. Ich habe gestillt hinter der Bühne, nach der Show, vor der Show, in der Pause. Und so schlecht, wie es mir im Wochenbett ging – wenn ich da nicht auf die Bühne gedurft hätte, das wäre mein Ende gewesen. Ich übertreibe. Aber ich brauchte es so. Es war hart, weil ich die Nächte nicht mitbedacht hatte. Ich wollte, dass das Baby früh die Flasche nimmt, damit der Papa übernehmen kann. Ging nicht. Hat keine Flasche genommen. Nicht ein Milligramm von meiner abgepumpten fucking Muttermilch hat das Baby je getrunken. Für mich war das grenzwertig, das muss man sagen. Aber tagsüber war das Baby super betreut. Wenn das Kind beim Papa in der Trage ist, kann es ihm nicht besser gehen.

Sie heben den Zeigefinger?

Ich wurde oft gefragt, wo das Kind jetzt ist. Beim Vater? Da kriegt man dann zu hören: „Oh, das hätte ich mich aber nicht getraut.“ Oder: „Du bist aber mutig. Da muss man auch loslassen können!“ Dabei ist der Vater sonst immer der Beste. Für einen Mann ist es superleicht, als guter Vater zu gelten. Ich wundere mich immer, wie die Leute das daran festmachen, dass er mit dem Baby spazieren war. Ich gehe jeden Tag mit dem Baby spazieren.

Mütter haben es schwerer?

In meinem Fall gab es unheimlich viel Hate. Zu spät schwanger geworden. Zu alt. Auf der Bühne schwanger reden. Schwanger sein. Schwanger zunehmen, zu schnell abnehmen nach der Schwangerschaft. Ich habe mittlerweile ein dickes Fell, was Hate-Kommentare angeht. Über einige musste ich wirklich lachen. Aber es sagt viel aus über unsere Gesellschaft, wie tief der Frauenhass verankert ist. Gerade jetzt, wo sich alles ein bisschen nach rechts dreht, sagen Leute auf ihrem Profil mit Klarnamen und echtem Foto: „Fette Sau, halt die Fresse.“ Oder: „So spät schwanger zu werden – peinlich.“

Während Ihrer ersten Show war das Baby beim Papa und hat kein einziges Mal geweint. „Auch irgendwie blöd“, schreiben Sie. Warum?

Mich hat das irgendwie angefasst, man will schon gebraucht werden. Inzwischen habe ich gelernt, dass man all diese verschiedenen Gefühle gleichzeitig haben kann. Man ist total gestresst vom Kind, es schläft endlich ein – und was macht man als Erstes? Guckt sich Bilder an vom Kind.

Schwangere, Geburt und Mutterschaft gelten nicht gerade als humoraffine Themen. Warum machen Sie daraus Comedystoff?

Noch in der Schwangerschaft dachte ich: viel zu uncool.

„8000 Arten, als Mutter zu versagen“ von Carolin Kebekus erscheint am 6. November bei Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 22 Euro.
„8000 Arten, als Mutter zu versagen“ von Carolin Kebekus erscheint am 6. November bei Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 22 Euro.Kiwi Verlag

Frauen halten sich im Job oft zurück mit Kinderthemen, um nicht in die Mütterkiste gesteckt zu werden. Väter können lässig den Schnuller auf den Konferenztisch legen.

Ich wollte auch nicht in diese Kiste nach dem Motto: Jetzt macht die nur noch Babyprogramm und keine politischen Sachen mehr. Dabei ist das alles hochpolitisch. Und noch gar nicht richtig bearbeitet. Warum wissen wir so wenig über den Hormonabsturz im Wochenbett? Weiblichkeit wird in der Medizin total vernachlässigt. Stattdessen gibt es tatsächlich Studien darüber, welcher Hoden im Hodensack wärmer ist. Das sagt schon alles. Absurd!

Ihr Bühnenprogramm heißt „SHESUS“. Deutlicher kann man kaum auf den Punkt bringen, was für ein ungeheuerlicher Akt es ist zu gebären.

Ich hatte mal einen sehr guten Frauenarzt, der sagte: Die ganze Unterdrückung der Frau hängt damit zusammen, dass schon die Steinzeit-Männer sahen: Die Frau macht das Leben – und ich? Ich mache gar nichts. Man braucht nämlich gar nicht viele Männer, um die Menschheit am Laufen zu halten. Für ein Dorf reicht im Grunde eine Handvoll. Es braucht aber viele Frauen. Also haben Männer angefangen zu sagen: „Ich bin aber auch wichtig. Ich trommele, ich bin der tolle Mann mit Trommel.“ Oder: „Ich bin der Regenmann, ich mach den Regen.“ In allen großen Weltreligionen ist heute die Frau das Böse, vor dem man sich in Acht nehmen muss. Dabei sind wir die Heiligen. Wir erschaffen das Leben.

Zur Person

Geboren 1980 in Bergisch Gladbach; die Mutter ist Sozialpädagogin, der Vater Bankkaufmann.

In Köln aufgewachsen mit einem jüngeren Bruder; Abitur.

Praktikum bei einer Filmfirma, die die RTL-Comedysendung „Freitag Nacht News“ produziert. Erste Parodien vor der Kamera.

Erste eigene TV-Show mit „Broken Comedy“ bei Pro Sieben 2009. Die ARD-Sendung „Pussy Terror TV“ geht 2015 auf Sendung und wird 2020 von „Die Carolin Kebekus Show“ abgelöst.

Solo-Shows in großen Hallen seit 2011, aktuelles Programm „SHESUS“.

Ihr zweites Buch „8000 Arten, als Mutter zu versagen“ erscheint am 6. November bei Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 22 Euro.

Lebt in Köln.

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