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#Interview: Lisa Eckhart: „Ich lebe jetzt so ungeniert wie nie zuvor“

„Interview: Lisa Eckhart: „Ich lebe jetzt so ungeniert wie nie zuvor““



Die streitbare Kabarettistin und Bestsellerautorin meldet sich mit einem neuen Roman zurück. Ein Gespräch über Sex und Serienkiller, ihre Meister und die Moral.

Frau Eckhart, Sie bezeichnen Ihren zweiten Roman selbst als „Hochliteratur unter der Gürtellinie“. Tatsächlich wird in „Boum“, das von der noch sehr jungen Österreicherin Aloisia beim Umzug nach Paris erzählt samt Wandel zur Prostituierten, auf viele unterschiedliche Arten sehr viel koitiert. Warum? Was ist für Sie so interessant an Sex?

Lisa Eckhart: Interessant finde ich, wie ich mich von meinem ersten Roman, „Omama“, was ein sehr fäkaler Roman war, zu einem genitalen Werk aufgerafft habe – in der Freud’schen Hierarchie ist das ein großer Fortschritt.

Was würde das für den nächsten Roman dann bedeuten?

Eckhart: Ich entwickle mich zyklisch. Also werde ich wohl wieder zum Fäkalen zurückkehren. Ich hatte immer den Eindruck, dass wir Österreicher uns eher beim Fäkalen ansiedeln im Humor und die Deutschen eher beim Sexuellen – wenn ich also zwischen denen lustig hin- und her springe, ist sicher für jeden etwas dabei.

„Omama“ war aber auch gleich in Deutschland ein Bestseller – und für Sie die Erfüllung des Lebenstraums vom eigenen Buch. Sie hatten nun also doch die Freiheit zu schreiben, was immer Sie wollten. Warum ist es wieder etwas Humoriges, Knalliges, Groteskes?

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Eckhart: Man schreibt eben dem eigenen Geschmack entsprechend. Aber bei „Boum“ habe ich doch auch viel weniger als Kabarettistin geschrieben. Wo bei der „Omama“ noch der Zwang zur Pointe gebändigt werden musste, habe ich mir jetzt den Luxus gegönnt, eine Handlung zu ersinnen und Figuren, die dann doch mehr sind als Schablonen. Und ich habe schon mit dem Respekt vor einem zweiten Teil geschrieben, denn wie wir alle wissen, hätten manche Autoren, bei denen das Erste gleich ein Bestseller war, von der Fortsetzung lieber die Finger gelassen. Der zweite Teil des „Faust“ und „Das Neue Testament“ bezeugen das.

Aber der Humor ist das, ohne das es bei Lisa Eckhart nicht geht?

Eckhart: Ich sehe da keine andere Gattung, die mich reizen würde, weder als Schreiber noch als Leser. Bei einem Werk ohne Humor klappe ich die Buchdeckel nicht auf.

Man findet viele Anspielungen auf andere Werke im neuen Buch, Victor Hugos „Die Elenden“ in der Beschreibung der Armut, man denkt an Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ bei Ihrer Figur eines Bettlerkönigs, eine Figur heißt in Anspielung an Virginie Despentes’ Vernon Subutex bei Ihnen Werner Subtext … Ein kleines Literaturfestival der Referenzen an geliebte Autoren?

Eckhart: Sicher mehr als mir das selbst bewusst ist. Oft spiele ich auf Autoren an, die ich gar nicht kenne. Meine Literaturkenntnisse enden schließlich mit Brecht. Zeitgenössisches habe ich mir nicht mehr zu Gemüte geführt, da lasse ich erst die Literaturgeschichte filtern, ob das in hundert Jahren noch Bestand hat, und dann lese ich es vielleicht nach. Die eigene Leseliste ist einem jedenfalls in die Haut tätowiert. Das trieft dann immer wieder durch die Poren und tropft vor einem aufs Manuskript, dagegen kann man sich nicht wehren.

Gibt es etwas für Sie, das die Spitze in der Mischung aus Humor und hoher Literatur erreicht?

Eckhart: Ich glaube nicht. Denn wenn ich etwas in Perfektion vorgefunden hätte, hätte ich mir gar nicht angemaßt, zur Feder zu greifen. Jemandem hinterherschreiben, das hätte ich nicht gemacht. Ich glaube also, da war noch eine Leerstelle. Was mich am meisten amüsiert hat und da sicher mit einfließt, sind ein paar Franzosen wie der Marquis de Sade oder auch die späteren, sehr spielerischen, leichten Russen wie Gogol, den ich mit wahnsinniger Freude gelesen habe. Das sind Anhaltspunkte. Aber natürlich muss man seinen Meistern letztlich das Genick brechen, wenn man selber gedenkt, etwas zu schreiben, weil es einen sonst andauern beschämt – und im Schatten der großen Meister schreibt es sich einfach sehr kalt.

Lisa Eckhart ist nicht unumstritten.

Foto: Peter W. Czernich für Marquis Magazine

Ihr Buch macht auch vor dem Märchenhaftes, dem Fantastisches nicht Halt.

Eckhart: Letztlich funktioniert eine solche Bremse doch sowieso nie. Und einen Funken Magie oder Surrealismus braucht es womöglich auch, um ein – welch grässliches Wort – „authentisches“ Bild etwa der Stadt Paris abzugeben. Die ist doch tatsächlich surreal und magisch, das ist kein Klischee und keine Einbildung. Das hat sie sich verdient.

Ohne die eigentlichen Figuren damit abwerten zu wollen: Paris ist im Buch die lebendigste Person.

Eckhart: Das hat sie sehr eigenmächtig so hingedreht. Meine Ursprungsgeschichte hat sich nur auf die Protagonistin konzentriert, aber Paris hat sich dann einfach hinter meinem Rücken in dieses Buch geschlichen und hat da ihren Platz zurückerobert.

So ist eine Liebeserklärung daraus geworden.

Eckhart: Ja, denn diese Stadt hat mich tatsächlich in den Wahnsinn getrieben. Weil ihr nichts genug ist. Nicht nur nicht schön und nicht anmutig, sondern auch nicht elend und hässlich genug. Das ist natürlich herrlich für ein Buch, aber nur sehr schwer lebbar.

Sie haben ja selbst vier Jahre dort gelebt dereinst. Haben Sie damals dort geschrieben?

Eckhart: Nein, nichts für die Öffentlichkeit jedenfalls. Meine damaligen Schriften waren lediglich Liebesbriefe – und ja, derer gab es viele, ich gebe es zu. Ich kann mich an keinen Tag erinnern, an dem ich nicht schwer und natürlich auch unglücklich verliebt war in Paris.

Aber Sie sind nicht wie Ihre Aloisia der Liebe wegen dorthin, oder? Sondern?

Eckhart: Um dort Russisch zu studieren. Das erscheint manchem absurd, erschien es auch damals den Franzosen. Für mich zu jener Zeit war es das Vernünftigste, was ich hätte tun können. Denn ich wollte unbedingt alle Sprachen der Alliierten sprechen können für den Fall, dass sie zurückkehren. Englisch konnte ich schon und so schlug ich dazu zwei Fliegen mit einer Klappe, Französisch auf der Straße, Russisch an der Uni. Ich hätte auch in Moskau Französisch studieren können, aber dort war’s mir einfach einen Tick zu kalt.

Der zweite Strang Ihres Romans erzählt samt Hingabe an Gewaltschilderungen den Fall eines Serienkillers. Auch das kippt sehr lustvoll in die Groteske. Warum?

Eckhart: Als eine Parodie auf ein mir unbegreifliches Phänomen: dass dem Anschein nach nämlich die Hälfte von Netflix nur noch aus Serienmörder-Dokumentationen besteht. In einer Zeit, in der sich jeder am Tag durch hundert Mikroaggressionen belästigt fühlt, erstaunt es mich immer wieder, dass die Menschen sich in Massen abends blutigstes Gemetzel reinziehen können – ohne davon scheinbar Schaden zu nehmen oder sich getrübt zu fühlen, daran nehmen die zarten Seelen keinen Anstoß. Aber Serienmörder sind natürlich auch Figuren, die passen wunderbar in diese Zeit, völlig anders als das vorige Jahrhundert, das des Massenmords. Die individualistischen Täter, die im Einzelnen handverlesen ihre Opfer aussuchen – das ist natürlich jemand, mit dem sich die jungen, hippen, neoliberalen Unternehmer sehr identifizieren können.

Apropos Mikroaggressionen: Zur Zeit der Veröffentlichung von „Omama“ ballten sich solche gegen Sie gerade zu einer mächtigen Welle, angefangen beim Vorwurf, Sie bedienten sich in einem Kabarettprogramm antisemitischer Klischees. Sind Sie seitdem eigentlich fortlaufend auf dem Empörungsradar?

Eckhart: Im Gegenteil. Mir scheint, ich bewege mich außerhalb jeglicher Radare. Der ausgelutschte Satz, hier stimmt er: „Ist der Ruf erst ruiniert …“ Ich jedenfalls lebe jetzt so ungeniert wie nie zuvor. Es macht den Kritikern offenkundig keinen Spaß mehr, sich an mir abzuarbeiten, weil sie da in einem kurzen Sommer ihr gesamtes Pulver verschossen haben. Sie haben sich aber auch wirklich alles herausgenommen bis hin zur Menschenfeindlichkeit – jetzt bleibt halt leider nichts mehr übrig. Und wenn ich jetzt noch stehe, dann könnten sie es wohl nur noch mit Silberkugeln probieren.

Inszeniert wie ein Popstar, irgendwie Lady Gaga, aber eben doch Lisa Eckhart, Kabarettistin und Autorin.

Foto: Peter W. Czernich für Marquis Magazine

Und warum stehen Sie noch?

Eckhart: Ich konnte mich gegen all diese Anfeindungen als unverwüstlich erweisen, denn ich bin so etwas wie immun gegen die Moral, weil ich mich ihrer selbst nie bedient habe. Das war ein schöner Satz von Bernd Stegemann: „Wer durch Moral aufsteigt, wird durch Moral fallen.“ Und da ich nie an ihrer Schulter emporgeklommen bin, kann man mich auch nicht mit ihrer Hilfe vom Podest holen.

Stoff für weitere Mikroaggressionen wird im Buch aber reichlich ausgestreut. Da spricht eine Ihrer Figuren von Negern, eine barbusige Feministinnen-Demo auf einer Automesse läuft aus dem Ruder, der Bürgermeister sagt stolz, die postkolonialistisch bewegten Studenten feierten ihn dafür, dass er seinen als bar fungierenden Globus so drehte, dass die Südhalbkugel nun oben ist … Ist das nicht mit der Freude an neuen Provokationen geschrieben?

Eckhart: Nein. Denn wenn man diese Menschen empören will, tut man das nicht mit einem Roman – diese Aufmerksamkeitsspanne haben sie nicht. Da müsste ich einen Tweet absondern oder dergleichen. Die suchen ihr Material ja in den „Sozialen Netzwerken“, aus denen ich mich immer herausgehalten habe. Diese Facetten dienen also lediglich der Geschichte und den Figuren, die nun mal sich aller Übel schuldig machen, die da draußen so herumwuseln in den Menschen. Es wäre unrealistisch, also dann wirklich surreal, wenn die sich nicht eines gewissen Rassismus und Sexismus schuldig machen würden.

In welchem Verhältnis steht Ihre doch oft ins Groteske kippende Geschichte zur Wirklichkeit?

Eckhart: Ich bin keine Expertin für Wirklichkeit. Dafür lebe ich zu zurückgezogen. Ich bin nicht befleckt von der sogenannten echten Welt. Womöglich gelingt sie mir dadurch aber besser als jemandem, der ständig gesellige Feldstudien betreibt. Überhaupt wird in der Literatur viel zu viel recherchiert. Die Leute meinen, nur dann dürften sie über ein Thema schreiben, wenn sie es selbst erlebt haben. Es sollte umgekehrt sein. Erfahrungen verwirken das Schreiben. Außerdem ist es doch meine Aufgabe als Schreiberling, mir etwas vorzustellen und die Leute nicht mit noch mehr Wirklichkeit zu belästigen, sondern sie mit aus dem Geist geschaffenen Erfindungen zu erfreuen. Oder mit einer Form von erhöhten, weil zur Kunst sublimierten Wirklichkeit. Mir wird heute zu viel als Kunst verkauft, was eigentlich nur schale Reportage ist.

Und in welchem Verhältnis steht die Kabarettistin zur Literatin Lisa Eckhart?

Eckhart: Das Verhältnis zu einem Roman ist wie eine Ehe: Man weiß, da ist dieses Werk, das jeden Morgen auf einen wartet, wenn man sich an den Schreibtisch setzt. Die Beständigkeit ist schön. Dagegen ist aber auch wichtig, dass man kleine Affären pflegt. Kurze, schnelle Pointen und Nummern, mit denen man sich vergnügt und sie am nächsten Tag vergisst. Ich möchte beides nicht missen. Die große Liebe würde sich schnell zerrüt

Das Buch Lisa Eckhart: Boum. Zsolnay Verlag, 365 Seiten, 25 Euro (erscheint am 22. August)

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