Irvine Welsh über seinen Roman „Men in Love“

Neulich stieß ich über ein Online-Forum auf einen Brief, den Sie 1995 dem Drehbuchschreiber für Danny Boyles Verfilmung Ihres Epochenromans „Trainspotting“ geschrieben haben. Sie bitten darin ganz höflich darum, die Charaktere weniger freundlich sprechen zu lassen, sondern so, wie sie im Buch sind: „total abgefuckt und ohne Kompromisse“.

Ja, der Entwurf gefiel mir nicht recht: Er sollte wohl, um ein internationales Publikum anzusprechen, geglättet werden. Das passt aber nicht zur Geschichte.

Es ging zum Beispiel auch darum, dass in den Dialogen zunächst Amerikanismen auftauchten und sie zu generisch wirkten.

Wenn man etwas Schottisches macht und es dann wie die Imitation von etwas Amerikanischem klingt, wird jeder in Schottland darüber lachen.

Aber so kam es zum Glück nicht. Ihr Brief muss viel gebracht haben, denn wohl die meisten haben den letztlich entstandenen Film – so wie den Roman selbst – als originell, sprachlich ziemlich rotzig und überaus regionaltypisch in Erinnerung. So stark sogar, dass damals eine Art Hype um das schottische Englisch entstand. Und um die Figuren – Renton, Sick Boy, Spud, Begbie –, die Sie inzwischen in mehreren Büchern wiederbelebt haben. Hängt bei Ihnen an der Wand ein Masterplan zur Entwicklung der Stoffe aus dem „Trainspotting“-Universum?

Er will keine Fortsetzungsgeschichten schreiben: Irvine Welsh
Er will keine Fortsetzungsgeschichten schreiben: Irvine WelshPicture Alliance

Nein, kein Plan, es ist einfach so, dass sich auf meinem Computer ganz viele verschiedene Erzählungen rund um diese Figuren angesammelt haben. Ich habe die Bücher aber nicht chronologisch entwickelt, wie das normalerweise empfohlen wird bei Fortsetzungsgeschichten. So baut man eigentlich eine Marke – ich aber nicht, was die Verleger zur Verzweiflung bringt.

Was auch die Leser womöglich überraschen wird, die ja von Ihnen Geschichten über Clubkultur, harte Drogen, soziale Brennpunkte und Kriminalität gewohnt sind: Im neuen Roman, der nun auf Deutsch erscheint, geht es um Liebe – sogar solche, die von Dauer ist.

Es kam Verschiedenes zusammen, das dazu führte: Zunächst der Eindruck, dass unsere Zeit immer dunkler wird, dann die Beobachtung, dass die Welt des Onlinedatings so dermaßen überprofessionalisiert wirkt heute. Ich wollte zurück in eine Zeit, in der Typen, die sich verlieben, dafür denkbar schlecht aufgestellt waren. Das brachte mich dazu, die Figuren aus „Trainspotting“ – großteils notorisch bindungsunfähig – an einem Punkt im Leben zu beschreiben, sozusagen direkt im Anschluss an die Handlung von „Trainspotting“, wo sie zum ersten Mal versuchen, richtige Beziehungen aufzubauen. Es fällt ihnen freilich schwer, denn sie stecken in Mustern der Männerfreundschaft und der Sucht.

Sind Sie etwa altersmilde geworden?

Nun, man kann oder sollte mit Mitte sechzig nicht versuchen, wie Mitte zwanzig zu sein.

Verstehe, aber gerade bei den „Trainspotting“-Figuren fällt es schwer, sich vorzustellen, wie sie erwachsen oder gar weise werden.

Genau darum geht es mir ja: Die waren so verhaftet im Moment, in ihrer Männerkultur, in der Freundinnen höchstens Statussymbole sind und Glück nur der nächste drogeninduzierte Dopaminschub, dass es mich interessierte, wie sie darauf reagieren, plötzlich mit bedingungsloser romantischer Liebe konfrontiert zu sein. Das eröffnet auch Möglichkeiten für eine gewisse Komik.

Besonders, wenn Sick Boy, der bislang nur eine feste Beziehung zum Heroin hatte, in diesem Roman heiratet! Und der Schläger Begbie ist Trauzeuge.

Es hat mir Spaß gemacht, die Gegensätze und vor allem auch die Klassenunterschiede, die bei dieser Hochzeit zutage treten, erzählerisch auszureizen.

Komik ist aber auch ein gutes Stichwort: Schon als der Roman „Trainspotting“ 1993 herauskam, war sein drastischer, sexistischer Humor eine Provokation. Als „Men in Love“ vor Kurzem im englischen Original erschien, schrieb der Kritiker des „Guardian“, die Vorstellung eines „Trainspotting“-Fans, inzwischen mittleren Alters, der noch immer über die kindischen Grenzüberschreitungen der Fortsetzung kichere, wirke tragisch.

Aber das ist doch eine typische „Guardian“-Reaktion. Typisch auch für eine humorlose Gegenwart, die Sex verdrängt und in der bestimmte kulturelle Phänomene nicht mehr ihren Platz „auf der Straße“ haben dürfen, sondern von einer standardisierten Onlinewelt ersetzt werden. Auf den Begriff gebracht: eine „post culture“-Gesellschaft. Es ist offensichtlich geworden, dass das von Konzernen dominierte Internet kein Ort für Kultur mehr ist. Aber immerhin gibt es jetzt Anzeichen dafür, dass manche genug von dieser Standardisierung haben, genug auch von Social Media, dass offline wieder neue Kultur entsteht.

Das klingt romantisch und passt zum Thema des neuen Romans: Den Monologen der teils vom Leben gebeutelten Figuren sind Zitate von Blake, Wordsworth oder Coleridge vorangestellt. Wollen sie die Welt re-romantisieren?

Ich glaube, wir stecken in einer ähnlichen Transformation wie der, die William Blake zur Zeit der Industrialisierung beschrieben hat: von Feldern zu Fabriken, jenen „dark satanic mills“. Heute geht es um den Übergang vom industriellen Kapitalismus zu einer Art des Konzeptualismus, in dem Ideen alles verändern können. Beide Vorgänge haben etwas Bedrohliches. Ich dachte, es könnte zum Nachdenken anregen, die alten Texte mit der Erzählung zu kontrastieren.

Irvine Welshs Roman „Men in Love“ erscheint in der Übersetzung von Stephan Glietsch und Markus Naegele bei Kunstmann.

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