#Jens Wietschorke und Sinclair McKay über Berlin und Wien

„It was the best of times, it was the worst of times“ – mit diesem Paradox beginnt Charles Dickens’ Roman „A Tale of Two Cities“. In ihm geht es zwar um Paris und London zur Zeit der großen Revolution von 1789. Und doch kommt einem der Satz in den Sinn bei der Lektüre von „Wien – Berlin. Wo die Moderne erfunden wurde“ von Jens Wietschorke, einem in München lehrenden Kulturwissenschaftler, und „Berlin 1918–1989: Die Stadt, die ein Jahrhundert prägte“ von Sinclair McKay, einem Literaturkritiker des Londoner „Spectator“. Denn Wien und Berlin – die beiden Metropolen der europäischen Moderne des vorigen Jahrhunderts – sind auf unterschiedliche Weise mit guten wie schlechten Zeiten als Konsequenz grundlegender Umstürze bedacht worden.

Die aus soziologischen und kulturellen Motiven gemischte Gesellschaftsformation der „Moderne“ bescherte ihren Wiener und Berliner Protagonisten wie deren Feinden – und nicht zuletzt den Frauen – ungeahnte künstlerische und lebensweltliche Freiheiten und Chancen. Aber sie beinhaltete auch beträchtliche Risiken. Jens Wietschorke arbeitet instruktiv heraus, wie moderne Kunstformen und Lebensweisen zu Beginn des letzten Jahrhunderts sozusagen als Wiener Phänomen in Berlin erfunden wurden. Berlin galt als die protestantisch rationale Stadt; Wien sah man in Berlin und auch in der Habsburgerme­tropole selbst als gemütlich katholisch – sympathisch, kulturell produktiv, aber insgesamt auch ein wenig von gestern. Es gibt wohl kaum eine vollständigere Sammlung der Vorstellungen, Albträume, Klischees, Phantasien und Illusionen, die in Wien und Berlin über die jeweils andere Stadt im Schwange gewesen sind, als Wietschorkes Buch.

Lauter, schneller, erfolgsorientierter, vulgärer

Eine Schlüsselfigur im Pingpongspiel kultureller Zuschreibungen zwischen den beiden Städten ist der aus Wien stammende Kritiker Hermann Bahr, der als Talentscout des Berliner S. Fischer Verlags die Autoren des Jung-Wien – Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg, Felix Salten – gegen den Naturalismus, der damals auf den progressiven Theatern und in den tonangebenden Buchhandlungen des kaiserlichen Berlin dominierte, in Stellung brachte und ihnen damit große Auftritte verschaffte. Denn, auch das ist Wietschorkes Buch zu entnehmen, die Wien-Berlin-Dialektik beinhaltete auch das Paradox, dass einerseits nur Resonanz in der preußischen Hauptstadt Bücher, Bilder und Theaterstücke zu Weltereignissen machen konnte, andererseits aber die eigentlich innovativ modernen Inhalte – die Psychoanalyse, der Empiriokritizismus um Ernst Mach, die verschiedenen Kunst-Sezessionen – in Wien auf den Weg gebracht wurden.

Jens Wietschorke: „Wien – Berlin“. Wo die Moderne erfunden wurde.


Jens Wietschorke: „Wien – Berlin“. Wo die Moderne erfunden wurde.
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Bild: Reclam Verlag

Wien war die gemächlichere, ältere und altmodischere, aber auch die ideenreichere Metropole – nicht zuletzt, weil ihr über Jahrhunderte die vielfältigen Anregungen Süd- und Ostmitteleuropas zugeflossen waren. Berlin war, so will und wollte es die Wien-Berlin-Folklore, lauter, schneller, erfolgsorientierter, vulgärer. Aber eine dauerhafte und ausstrahlende Wirkung war nur dort möglich.

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