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In diesem Fall, in dem es um schwierige Antworten auf schwierige Fragen geht, hat sich der FC Bayern München schon bei einer der einfacheren Fragen um eine Antwort gedrückt. Und der Debatte damit nur die nächste Frage hinzugefügt: Was sagt das, wenn der größte und einflussreichste deutsche Fußballklub weder seine Haltung noch sein Handeln erklären will?
Seit fast drei Wochen wird nicht nur in München wieder diskutiert über den Fall Jérôme Boateng, den Fall des früheren Fußballspielers, der jetzt Fußballtrainer werden will und deswegen beim FC Bayern hospitieren wollte. Eine der einfacheren Fragen des Falls ist diese: Wer hat entschieden, dass Boateng, der zwischen 2011 und 2021 einer der besten und bekanntesten Spieler beim FC Bayern war, nun doch nicht dort hospitieren wird?
Am vergangenen Samstag hat der FC Bayern versucht, die immer größer werdende Diskussion mit einer Mitteilung auf seiner Website zu beenden. Die Überschrift: „Erklärung des FC Bayern zu Jérôme Boateng“. Der erste und entscheidende Satz: „In einem konstruktiven Austausch, den der FC Bayern und Jérôme Boateng in dieser Woche hatten, wurde entschieden, dass Jérôme Boateng nicht beim FC Bayern hospitieren wird.“
Mit der Passivkonstruktion („wurde entschieden“) ist der Klub der Frage ausgewichen, wer entschieden hat. Der FC Bayern? Jérôme Boateng? Beide? Auf F.A.S.-Anfrage wollte ein Sprecher des Klubs darauf nicht antworten. So ist der FC Bayern fürs Erste als Sieger aus diesem Kommunikationsspiel gegangen: weil die Diskussion seit der Mitteilung auf der Website immer kleiner geworden ist.

Doch an diesem Sonntag (Beginn 10.30 Uhr), an dem die Mitglieder des FC Bayern die Entscheidungsträger des FC Bayern bei der Jahreshauptversammlung öffentlichkeitswirksam kritisieren können, wird man womöglich sehen, wie nachhaltig ein Sieg sein kann, der errungen wurde mit einer Erklärung, die nichts erklärt.
Allerdings hat die Richterin ihn nicht, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert, wegen gefährlicher, sondern wegen einfacher Körperverletzung verurteilt, weil er seiner früheren Freundin 2018 entweder mit der Faust oder mit dem Handballen einen Schlag gegen das Auge verpasst hat, nachdem diese ihn an der Lippe verletzt hatte.
Jérôme Boateng ist nicht vorbestraft
In ihrer Urteilsbegründung sagte die Richterin, dass „nichts, aber auch gar nichts […] von den Vorwürfen übrig“ sei, dass es sich bei Boateng um einen „notorische[n] Frauenschläger“ handle. Er sei in einer „absolut toxischen Beziehung“ gewesen und „einmal über Gebühr ausgerastet“. Auch wenn man anmerken sollte, dass das nicht das letzte Mal war, dass eine seiner Beziehungen zu einer toxischen wurde, ist Boateng durch dieses Urteil, eine sogenannte „Verwarnung unter Strafvorbehalt“, nicht vorbestraft.
Damit zu der schwierigeren, der zentralen Frage: Sollte Jérôme Boateng, 37 Jahre alt, beim FC Bayern München hospitieren dürfen?
Man kann zu dem Schluss kommen, dass er das dürfen sollte. Weil er, wie jeder Verurteilte, ein Recht auf Resozialisierung hat. Weil er anders als die meisten Verurteilten wegen der medialen Begleitung des Verfahrens schon einen hohen Preis bezahlt hat, immer wieder angefeindet worden ist, im Internet, aber auch im Stadion. Und weil eine etwa zweiwöchige Hospitanz, selbst eine beim FC Bayern, immer noch nur eine zweiwöchige Hospitanz ist.
Man kann aber auch zu dem Schluss kommen, dass er das nicht dürfen sollte. Weil er ein Recht auf Resozialisierung hat, aber kein Recht darauf, dass diese Resozialisierung auf der Bühne des FC Bayern stattfindet. Weil die Rückkehr auf diese Bühne mit einer Überzeugung verbunden sein sollte und diese Überzeugung in seinem Fall angezweifelt werden darf, wenn er ein provozierendes Bild mit dem Rammstein-Sänger Till Lindemann und einer Zeitung mit der Schlagzeile „Von Lindemann bis Boateng: ‚Schuldig!‘“ veröffentlicht. Und weil man an einen Mann, der Trainer werden will, die strengen Maßstäbe anlegen darf, die das Traineramt erfordert.
Doch selbst wenn man alles in allem zu dem Schluss kommt, dass Boateng nicht beim FC Bayern hospitieren dürfen sollte, muss man sich schon fragen, ob denn eigentlich jedes Mal, wenn er die Bühne des deutschen Fußballs betritt, die Details seines Falles, wie auch in diesem Text, in der Öffentlichkeit verhandelt werden müssen. Und wenn man sich das fragt, kann man jedes Mal zu dieser Antwort kommen: dass diese Öffentlichkeit nicht zuletzt deswegen da ist und weiter da sein wird, weil er sie selbst hergestellt hat.
Am 3. Februar 2021 ist in der „Bild“-Zeitung ein Interview erschienen, das der damalige Fußballspieler Jérôme Boateng dem Fußballreporter Dennis Brosda gegeben hat. Die Männer sprechen über den Streit zwischen Boateng und seiner früheren Freundin. Es ist nicht die, die 2018 einen Schlag gegen das Auge erlitten hat. Es ist die, die – als Antwort auf sein öffentliches Statement, dass er die Beziehung beendet habe – auf Instagram geschrieben hat, dass sie die Beziehung beendet habe. Wegen der „Lügen“ und der „Untreue“. In dem Vorspann des Interviews steht: „Das will Boateng nicht so stehen lassen.“ Dann legt er los.
Er sagt, dass sie gedroht habe, „mich zu zerstören“. Er sagt, dass sie „massive[n] Alkoholprobleme“ habe. Und er sagt: „Ich hoffe, dass sie Hilfe bekommt, die sie dringend braucht.“
Der Fall Kasia Lenhardt ist der Grund, warum der Fall Jérôme Boateng bis heute von so vielen in der Öffentlichkeit verhandelt wird. Und diese große Aufmerksamkeit ist der Grund, warum auch in diesen Tagen wieder Texte erschienen sind, bei denen man den Eindruck hat, dass es nicht auf die Sache, sondern auf die Klicks ankommt.
Doch wenn man sich im Fall Boateng mit der Verantwortung der Medien auseinandersetzt, muss man mit seinem Interview in der „Bild“-Zeitung anfangen, in dem er sagte, dass Kasia Lenhardt ihn „zerstören“ wolle, und er dann eben das versuchte: eine Zerstörung, mindestens der Glaubwürdigkeit.
Im Gerichtssaal hat Boateng das Interview später als Fehler bezeichnet. Doch weil der Widerspruch schon damals so offensichtlich war, bleibt bis heute die Frage, ob „Bild“-Reporter und „Bild“-Zeitung nicht die Verantwortung gehabt hätten, die Beteiligten zu schützen. Vor allem die damals 25-jährige Kasia Lenhardt. Vielleicht aber auch den damals 32-jährigen Jérôme Boateng – vor sich selbst.
Spiel mit der Öffentlichkeit
Schreibt man dem „Bild“-Reporter Dennis Brosda eine Mail mit dieser und weiteren Fragen – Wie kam das Interview damals zustande? Finden Sie heute, dass es ein Fehler war, das Interview zu veröffentlichen? –, antwortet ein Sprecher des Axel-Springer-Verlags.
Er schreibt: „Frau Lenhardt stand bereits vor dem Erscheinen des Interviews […] in der Öffentlichkeit und wurde selbstverständlich mit den Aussagen von Jérôme Boateng […] vorab konfrontiert.“ Und er schreibt: „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns darüber hinaus wie üblich zu unseren Recherchen und redaktionellen Entscheidungen nicht äußern.“ Auf Bitte der Familie sei das Interview später von der Website entfernt worden. Das war am 4. Mai 2022.

Und was sagt Jérôme Boateng? Wie kann er, wenn er wirklich Trainer werden und damit auch in den deutschen Fußball zurückkehren möchte, die überzeugen, die er bisher noch nicht überzeugt hat? Will er sie überhaupt überzeugen? Spricht man mit Personen, die mit ihm sprechen, weisen sie auf eine ARD-Dokumentation hin, die im November erscheinen wird. Dort wird er sich äußern.
Vor fast drei Wochen, am 13. Oktober, ist auf der Website der „Sportbild“ aber schon ein Interview erschienen, das Dennis Brosda mit Jérôme Boateng geführt hat. Und das dann die neuesten Diskussionen auslöst. In dem Interview sagt Boateng: „Ich habe schon mit ihm gesprochen. Ich kann bei Bayern hospitieren und darauf freue ich mich sehr. Wir müssen nur noch den richtigen Zeitpunkt finden.“ Mit „ihm“ meint er Vincent Kompany, den Trainer des FC Bayern, mit dem er sowohl beim Hamburger SV als auch bei Manchester City gespielt hat.
Das Detail, dass Boateng mit Kompany gesprochen hat, ist wichtig: Er hat nämlich nicht den FC Bayern gefragt, ob er hospitieren darf, sondern den Trainer des FC Bayern, der von dem Gerichtsverfahren und den Diskussionen darüber angeblich nichts gewusst haben soll, was möglich ist, weil es zu der Parallelwelt passen würde, in der die Multimillionäre des Männerfußballs leben. Und noch ein Detail ist wichtig: Es ist wieder Boateng, der an die Öffentlichkeit geht – und damit das auslöst, was in der Öffentlichkeit folgt.
Als der Sportvorstand Max Eberl im Anschluss an das Spiel auf Boateng angesprochen wird, sagt er: „Es geht um keine Anstellung, es geht nicht um eine feste Position beim FC Bayern, es geht einfach darum, Trainingseinheiten anzuschauen und zu entscheiden, ob das in Zukunft für ihn ein Weg sein kann. Wir würden das billigen. Wir sagen: Das ist kein Problem, so eine Hospitation.“ Doch in den nächsten Tagen wird aus der Hospitanz, die der Vorstand Max Eberl und auch der Vorstandsvorsitzende Jan-Christian Dreesen zu dem Zeitpunkt für kein Problem halten, auf einmal doch eines.
Am vergangenen Freitag – sechs Tage nach dem Spiel gegen Dortmund und einen Tag vor der Veröffentlichung der Erklärung – ist die F.A.S. darauf hingewiesen worden, dass der FC Bayern Boateng die Hospitanz doch untersagen werde. Wenn man seitdem fragt, wer das entschieden hat, antworten verschiedene Personen aus verschiedenen Parteien in diesem Fall, dass es nicht die FC Bayern München AG gewesen sei, sondern der FC Bayern München e.V. An dessen Spitze steht Herbert Hainer, der Präsident, der an diesem Sonntag von den Mitgliedern wiedergewählt werden will.

Kann es sein, dass Hainer den Aufstand der Fans fürchtete, als diese nicht nur im Heimspiel gegen Dortmund, sondern auch noch danach im Heimspiel gegen Brügge Banner gegen Boateng gezeigt haben? Kann es sein, dass Hainer sich an die Jahreshauptversammlung 2021 erinnerte, als es wegen des Qatar-Airways-Sponsorings einen Aufstand gegeben hat, der damit geendet ist, dass die Mitglieder am Ende „Hainer raus“ gerufen haben? Kann es sein, dass er deswegen wollte, dass vor dieser Jahreshauptversammlung gegen eine Hospitanz von Boateng entschieden wird? Auf F.A.S.-Anfrage sagt ein Sprecher des FC Bayern, dass dem nicht so gewesen sei.
Doch wer hat es dann entschieden? Und warum? Denn selbst wenn man denen glaubt, die sagen, dass auch Jérôme Boateng die Hospitanz wegen des Widerstands nicht mehr wirklich wollte – in einer Instagram-Story hat er am vergangenen Samstag geschrieben, dass er zu dem Entschluss gekommen sei, sich auf seine Themen zu konzentrieren –, führt das zurück zur Frage: Was sagt das, wenn der größte und einflussreichste deutsche Fußballklub weder seine Haltung noch sein Handeln erklären will?
Es sagt, darauf deutet mit Blick auf die Jahreshauptversammlung einiges hin, dass der FC Bayern zu diesem Zeitpunkt nichts Falsches sagen wollte. Für solche Fragen wird es nie einen richtigen Zeitpunkt geben. Der Fall Boateng ist kompliziert, er wird wahrscheinlich kompliziert bleiben. Doch auch im kompliziertesten Fall gilt: Wer seine Haltung nicht erörtern will, der hat entweder keine – oder will aus Angst vor den Konsequenzen keine haben.
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