„„Jetzt gibt es einen kleinen Pieks““
Kurz vor dem Ziel kommt die Nachricht: kein Impfstoff mehr. War der ganze Aufwand vergebens? Doch die beiden Krankenschwestern vor mir bleiben gelassen. Es handelt sich nur um einen vorübergehenden Engpass. Also nehme ich wieder einmal auf einem dieser schreiend orangefarbenen Plastikstühle Platz und tue das, was ich seit über einer Stunde tue: Ich warte. Der Weg zum finalen Pieks ist lang.
11 Uhr. Raus aus dem Auto und Maske auf. Heute ist mein Impftermin. Alle Unterlagen habe ich mehrfach überprüft: die Terminbestätigung, die Einwilligungserklärung, das Aufklärungsmerkblatt, das Anamneseblatt, den Personalausweis und die Versichertenkarte. Station eins: Einlass-Check vor der Halle. Hier wird meine Terminbestätigung überprüft. Ruck, zuck hat der Mann vom Sicherheitsdienst in dem Container meinen Namen auf der Liste gefunden, ruck, zuck geht es weiter. Aber nur drei, vier Meter. Dort steht eine jüngere Frau einsam im Weg – mit auffälligen blauen Halbstiefeln. Ich frage, auf was sie warte. Sie schaut kurz von ihrem Handy auf und zeigt nach rechts. Die Schlange beginnt aber links. Also gehe ich an ihr vorbei und reihe mich links ein. Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Diese Frau in den auffälligen Halbstiefeln wird in den kommenden anderthalb Stunden meine Begleiterin sein. Allerdings: Sie weiß es auch noch nicht.
11.15 Uhr. Ich betrete das Zelt. Es ist angenehm warm. Der Weg zur Station zwei ist lang und wird durch Baustellenabsperrband vorgegeben: Ähnlich wie auf dem Flughafen windet sich ein Weg durch den vorderen Teil der Halle. Knapp 30 Menschen, auf Abstand und mit FFP-2-Maske, warten schon darin. Alle paar Meter Plastikstühle und Bistrotische, wie man sie von Sommerfesten kennt. Die haben eine prima Höhe, genau richtig, um meine Zeitung darauf abzulegen und zu lesen. Während die meisten in ihr Handy schauen, lese ich Zeitung. Gehöre zur Gruppe Ü60. Langsam schiebt sich der Wartewurm weiter. „Bitte weiter aufschließen, damit draußen nicht so viele in der Kälte stehen müssen“, ruft der Mann vom Sicherheitsdienst. Alle folgen, niemand murrt.
11.35 Uhr. Station Nummer zwei: Aufnahme. Hier muss ich einer Dame hinter Plexiglas alle Unterlagen geben. Eine Unterschrift fehlt, zudem meine Telefonnummer. Aber: ruck, zuck erledigt. Weiter geht’s, zur nächsten Schlange. Die Frau mit den auffälligen Schuhen hatte ich aus den Augen verloren, jetzt entdecke ich sie wieder – als Übernächste hinter mir. Ich habe einen Platz gutgemacht. Hier sind die Korridore weiter, kommen immer wieder Hochbetagte an mit ihren Rollatoren. Und immer wieder werden sie von Sicherheitsleuten freundlich an der Schlange vorbei nach vorne geführt, wo sie sitzend die nächste Etappe erwarten können.
11.50 Uhr. Mit einem Schritt durch einen Ganzkörperscanner, der die Temperatur misst, verlasse ich die Vorhalle des Wartens. Die Schlange bis zur nächsten Station ist lächerlich kurz: vier, fünf Meter. An Station Nummer drei, einem Stehpult mit Plexiglas oben drauf und jungem Mann dahinter, werden meine Daten überprüft, vor allem Details der Anamnese. „Medikamente zur Blutverdünnung?“ – „Nein!“ – „Setzen Sie sich auf Stuhl Nummer elf.“
12.05 Uhr. Eine junge Frau im auberginefarbenen Dienstpolohemd ruft verschiedene Zahlen. Auch die elf. Das ist die Aufforderung für mich. Zusammen mit drei weiteren führt sie uns in die nächste Abteilung und weist auf vier Stühle, die versetzt hintereinander stehen. Erinnert mich an die Reise nach Jerusalem. Kaum Platz genommen, geht es weiter. An Station Nummer vier sitzt medizinisches Personal hinter Plexiglas und überprüft die Angaben der Anamnese. Nein, keine Immunschwäche, nur leichter Heuschnupfen. Ob das schwierig sei? „Leichte Allergien sind kein Problem.“ Also weiter. „Bitte in die Reihe Nummer vier.“
12.15 Uhr. Der Nachschub an Moderna-Impfstoff ist da. Eine freundliche Krankenschwester bittet mich, ihr in Kabine zehn zu folgen. Station Nummer fünf. „Heute ist es etwas schleppend“, sagt sie bedauernd. Den linken Oberarm hätte sie gerne frei. Pullover aus, Hemd hochkrempeln, sie desinfiziert die Stelle. „Jetzt gibt es einen kleinen Pieks.“ Die Nadel ist so fein, dass ich den kaum spüre. Ein Pflaster drauf – und fertig. „Melden Sie sich bitte vorne am Auscheckschalter.“ Geschafft. Wir schauen uns freundlich an. Der erste persönliche Kontakt im Impfzentrum. An einem der Auscheckschalter werden alle meine Unterlagen gescannt. Dann sagt der Mann in seiner Kabine: „Nehmen Sie bitte noch Platz und warten eine Viertelstunde.“
12.32 Uhr. Es war – nichts. Leicht verspätet, mache ich mich auf zur letzten Station: Laufzettel abgeben, im Vorbeigehen. Die junge Frau mit den hellblauen Halbstiefeln habe ich kurz aus den Augenwinkeln wahrgenommen. Ich glaube, ich habe noch einen Platz gutgemacht.
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