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#„Jetzt sterben viele Menschen“

„Jetzt sterben viele Menschen“

Herr Latif, lässt sich die Frage, ob der extreme Stark- und Dauerregen, den wir derzeit in mehreren Teilen Deutschlands erleben, klima- oder wetterbedingt ist, eindeutig beantworten?

 Nein, aber der Klimawandel ist sicherlich ein Faktor von mehreren. Es muss ja erstmals eine bestimmte Wettersituation vorhanden sein, und die war mit dem Tiefdruckgebiet gegeben. Es gibt drei Faktoren, die mit der Erderwärmung zusammenhängen und hier eine Rolle gespielt haben. Zum einen kann durch die höheren Temperaturen mehr Wasserdampf in der Luft gespeichert werden. Dementsprechend kann auch mehr Niederschlag fallen. Der zweite Punkt, der bei dieser Lage besonders wichtig war, ist die starke Erwärmung des Mittelmeers. Das heißt dieses Tief konnte die feuchtwarmen Luftmassen vom Mittelmeer anzapfen. Das ist eine Folge der globalen Erderwärmung. Wir haben auch in Studien gezeigt, dass sich die Wetterphänomene gar nicht ändern müssen. Allein das wärmere Mittelmeer sorgt bei dieser Wetterlage für stärkere Niederschläge. Der dritte Faktor ist umstritten, aber wissenschaftlich durchaus plausibel.ANTWORT: Wir haben gerade in der Arktis eine ganz besonders starke Erwärmung. Der Temperaturgegensatz zwischen der Arktis und den Breiten weiter südlich ist geringer geworden. Dadurch könnte der Jetstream ins Stottern geraten und unsere Wetterphänomene würden nicht mehr so schnell durch ziehen und länger an einem Ort verharren. Dadurch kamen die ganzen Wassermassen in einer Region runter.

Wie sieht der aktuelle Forschungsstand zu dieser Frage aus?

Es gibt aus den letzten Jahren Beobachtungen dazu, aber die Datenlage ist einfach noch zu schlecht, als man dazu etwas sicher sagen kann. Bei der Temperatur haben wir Daten, die über hundert Jahre zurückreichen. Da können wir sicher sagen: Ja, die Erderwärmung gibt es und der Mensch ist die Ursache. Das ist bei diesen dynamischen Geschichten schwieriger. Das kann man heute nicht genau quantifizieren.

Kann man in Deutschland eine Häufung von Extremniederschlägen in den vergangenen Jahren beobachten?

Nein, das ist eben genau der falsche Schluss. Die Datenlage ist einfach so schlecht, dass man weder das eine noch das andere nachweisen kann. Das ist die Krux. In Deutschland gibt es Statistiken für Extremniederschläge noch nicht so lange. Wenn man das aber weltweit betrachtet, also die Statistik im globalen Mittel anschaut, sieht man, dass Rekordniederschläge zunehmen. Wir müssen handeln!

Im Ahrtal oder auch in Passau kommt es immer wieder zu Hochwasser. Nun heißt es aber von Politikern in Rheinland-Pfalz, dass es so eine Katastrophe in der Region noch nie gegeben habe.

Genau! Das ist nämlich auch ein Anhaltspunkt dafür, dass die Extreme zunehmen. Wir reden jetzt schon wieder von einer Jahrhundertflut. Ich frage mich, wie viele Jahrhundertfluten wir eigentlich in den letzten 30 Jahren hatten. Dabei sollten sie, wie der Name schon sagt, im statistischen Mittel nur einmal im Jahrhundert vorkommen.

Was ist das Ungewöhnliche an den Überschwemmungen der vergangenen Woche?

Es gab bisher materielle Schäden. Jetzt sterben viele Menschen. Das war vorher nur in Entwicklungsländern so. Wenn wir noch die anderen Extreme betrachten, wie zum Beispiel die Hitzewellen mit Rekordtemperaturen, verlassen wir als Menschheit gerade den Wohlfühlbereich. So langsam wird es gefährlich und ich habe manchmal das Gefühl, die Politik begreift es nicht. Ich habe jetzt wieder von einigen Politikern gehört: Ja, das sei eine Jahrhundertflut. Als ob das in diesem Jahrhundert nie wieder vorkommt. Das ein Trugschluss. Natürlich wird es wiederkommen.

Wären die Überschwemmungen im Westen Deutschlands auch ohne den Klimawandel passiert?

Die Wahrscheinlichkeit wäre extrem gering. Die Erderwärmung spielt schon eine Rolle. Wie stark dieser Einfluss ist, ist schwer zu quantifizieren. Aber es ist offensichtlich, dass sich während der letzten Jahrzehnte etwas mit dem Wetter tut.

Wie genau kann man solche Extremwetterereignisse auf lokaler Ebene vorhersagen?

Ganz schwer. Ich glaube, der Deutsche Wetterdienst hat einen guten Job gemacht. Er hat bis zu 200 Liter pro Quadratmeter vorhergesagt. Also daran liegt es nicht. Aber natürlich gibt es Grenzen der Vorhersagbarkeit. Ab und zu sind die Sachen so lokal, das kann man einfach nicht vorhersagen. Und ich glaube, woran es im Moment noch hapert, sind die Warnsysteme. Das dauert einfach zu lange. Wir müssen uns vielleicht wieder auf die alten Methoden besinnen, auf die Sirenen. Das geht schnell. Das ist wirksam. Aber diese Sirenen sind vielerorts abgebaut worden. Und die noch da sind, funktionieren nicht mehr. Wir versuchen irgendwie immer alles perfekt zu machen, aber hier braucht es schnelle, pragmatische Lösungen.

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