„Joachim Löw und Oliver Bierhoff verstehen Kritik an DFB-Team nicht“
In den kommenden sieben Tagen stehen die drei letzten Länderspiele des Jahres an. Eines Jahres, das den Anbruch einer neuen Zeit für die Fußball-Nationalelf markieren sollte. Doch das Jahr 2020 ist für den viermaligen Weltmeister bisher ein Jahr der verpassten Chancen. Und das liegt nicht (nur) an Corona. Im Endspurt geht es rund um die wichtigste Mannschaft des Landes nur noch um Schadensbegrenzung.

Wegen der unerfreulichen Krisenstimmung, die sich seit der WM 2018 breitmacht und sich in den vergangenen Monaten nochmals verstärkte, hat Oliver Bierhoff zuletzt viel telefoniert. Der DFB-Direktor Nationalmannschaften sprach mit Leuten aus ganz unterschiedlichen Branchen, weil er hoffte, so ein ehrliches deutsches Stimmungsbild rund um die Nationalelf zu erhalten. Man muss kein Wahrsager sein, dass Bierhoff in diesen offenen Gesprächen ein paar unangenehme Erkenntnisse nicht erspart worden sein dürften. Zum Beispiel, dass einige Fußballanhänger vor allem der Führung der Nationalelf überdrüssig sind.
Bierhoff hat aus den vielen Gesprächen, von denen er am Montag berichtete, seine eigenen Schlüsse gezogen. Er hielt auf einer Zoom-Pressekonferenz vor ausgewählten Medienvertretern eine fünfzehnminütige Rede. Bierhoff sprach von sich aus, noch bevor die erste Frage gestellt wurde, von einer „dunklen Wolke“, die über die Nationalmannschaft geschoben worden sei. Er lenkte dann den Fokus auf die Medien, die angeblich die jungen und hochtalentierten Spieler zu hart kritisierten.
In der Kabine sehe er deswegen „müde Gesichter“. Er spüre „Anspannung“ und „Frust“ unter den Spielern. Man könne, so Bierhoff, „gerne Jogi und mich als Verantwortliche kritisieren. Aber die jungen Spieler haben unser Vertrauen verdient. Und sie werden es zurückzahlen.“ Bierhoff verteidigte die jungen Spieler zweifellos leidenschaftlich – allerdings, so darf man feststellen, nur gegen eine angeblich überharte Kritik.
In der Rhetorik nennt man diese Art der Verwendung von Argumenten, wie sie Bierhoff benutzt hat, ein Strohmann-Argument. Dabei wird der Eindruck erweckt, dass man ein Argument eines Gegners widerlegt, während in Wahrheit jedoch nur ein Argument zurückgewiesen wird, das sein Gegenüber gar nicht benutzt hat. Ins Sportliche übersetzt, heißt das: Dass hochtalentierte Spieler wie Serge Gnabry, Leroy Sané, Timo Werner oder Kai Havertz, die schon jetzt internationale Klasse besitzen und über viele Jahre das Gerüst der Nationalelf bilden werden, in der Öffentlichkeit massiv kritisiert würden, kann man ernsthaft kaum behaupten. Vielmehr ist das Gegenteil richtig: Diese herausragenden jungen Spieler werden wegen ihrer Qualitäten und ihres Tempostils in den Medien gelobt und gefeiert – und sind bei internationalen Topklubs hochbegehrt.
In der Wirklichkeit des Jahres 2020 sind diese jungen Spieler die Hoffnungsträger der Nationalelf. Und genauso werden sie von den Fans und Medien grundsätzlich gesehen. Sie sind die Sonnenstrahlen über den dunklen Wolken.
Den eigenen Anteil, den die Führung der Nationalelf mit Bierhoff und Löw an den dunklen Wolken hat, blendete der DFB-Direktor am Montag allerdings aus. Er verlor darüber kein einziges Wort. Tatsache ist jedoch, dass sich in den gut zwei Jahren seit dem Scheitern bei der WM in Russland gezeigt hat, dass die sportliche Führung beim Neuaufbau zu einem Ballast geworden ist. Das zeigt sich exemplarisch an der seit Monaten anhaltenden Debatte um die im März 2019 aussortierten Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng. Die Frage einer möglichen Rückkehr der drei Altstars, die seit Monaten beim FC Bayern und Borussia Dortmund herausragende Leistungen liefern, wird längst nicht mehr dort diskutiert, wo sie hingehört: auf der sportlichen Ebene. Denn gerade die hohe Qualität der beiden Defensivspezialisten im Aufbauspiel würde der Nationalelf guttun. An dieser Fähigkeit mangelt es Löws Team am stärksten.
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Die Frage, ob die Weltmeister zur Europameisterschaft im kommenden Sommer zurückkehren dürfen, wird stattdessen seit Monaten vor allem mit Blick auf die Autorität des Bundestrainers diskutiert. Der hat sich seinen eigenen Spielraum mit seiner als endgültig deklarierten Entscheidung im März 2019 selbst eng gemacht. So geht es in diesen Personalfragen nicht mehr um sportliche Notwendigkeiten, sondern um die Frage der Glaubwürdigkeit des Bundestrainers.
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