Jonas Rutsch im Tagebuch über Schmerzmittel und Stress

Jonas Rutsch im Tagebuch über Schmerzmittel und Stress

Inhaltsverzeichnis

Jonas Rutsch bestreitet in diesem Sommer zum dritten Mal die Tour de France. Rutsch stammt aus Erbach im Odenwald und absolviert in diesem Jahr seine siebte Saison bei einem WorldTour-Team. Der 27 Jahre alte Rennfahrer startet für die belgische Equipe Intermarché-Wanty. Das Tagebuch von der Tour de France 2025 wird an dieser Stelle regelmäßig aktualisiert. Aufgezeichnet werden seine Berichte von David Lindenfeld und Michael Eder.

Tag 17: Der vergangene Samstag war der schlimmste Tag, den ich jemals auf dem Rad erlebt habe. Dabei hatte es ganz gut angefangen. Ich dachte, ich bin jetzt über den Berg nach meinem Sturz, es geht wieder aufwärts. Der Körper hat sich besser angefühlt und ich bin beruhigt in diese schwere Bergetappe gegangen. Ich habe mir keine Gedanken über das Zeitlimit gemacht.

Es ging auch erst gut. Das Tempo war von Anfang an sehr hoch. Ich bin dann in den Col du Tourmalet reingefahren, war in der zweiten Gruppe. Vorne ging das Attackieren munter weiter, das Team UAE hat ein mörderisch hohes Tempo angeschlagen. Ich war in der Gruppe dahinter, in einem großen Sammelsurium von Fahrern. Irgendwann bin ich zurück in die nächste Gruppe, bin noch über den Col d’Aspin gefahren und dann, in der Abfahrt, habe ich von einer Minute auf die andere Magenkrämpfe bekommen und dachte mir: Boah, shit, nicht gut. Also nicht irgendwelche Krämpfe, sondern Krämpfe, die mich wirklich gekrümmt haben.

Ich habe schon in der Abfahrt per Funk das Teambegleitfahrzeug gerufen. Das Problem aber war: Ein Teamwagen war noch hinter der letzten Gruppe, also irgendwie zehn Minuten hinter uns, und der andere war weiter vorne bei einem Kollegen. Ich hatte also niemanden. Aber ich brauchte das Auto, ich brauchte Hilfe. Doch von hinten hieß es: Wir sind blockiert, wir können nicht direkt kommen. Also bin ich den Aspin runtergefahren. Unten, in einer Ortschaft, habe ich gemerkt, das wird nichts mehr. Ich muss austreten. Ansonsten gibt’s ein Malheur. Ich hatte solche Krämpfe – Magenkrämpfe des Todes.

Dann habe ich hinten das Auto von EF Education gesehen. Da bin ich hin zu meinem ehemaligen Sportlichen Leiter und habe gesagt: Gib mir Papier oder irgendwas! Er hat mir was zugesteckt und mir noch viel Glück gewünscht. Ich wollte in die Büsche, mich entleeren, aber überall standen Menschen. Da habe ich einfach angehalten und bin zu einem Camper, zu einem Fan und habe gesagt, ich muss auf die Toilette. Der gute Mann – tausend Dank noch mal – hat mich in sein Wohnmobil gelassen. Da habe ich dann drei Minuten mit Durchfall auf der Toilette gesessen.

Dann bin ich raus, wieder aufs Rad, war aber immer noch vor der letzten Gruppe. Ich habe wieder am Funk gerufen: Ich brauche euch, ich brauche euch! Dann endlich sind sie gekommen. Der Doktor saß auf dem Beifahrersitz, und ich habe gesagt: Gib mir was, sonst wird das nichts mehr, also Buscopan, Elotrans. Wer schon mal so richtig Magen-Darm hatte, weiß, wie man sich danach fühlt. Und wenn dann noch zwei Pässe kommen mit insgesamt fast 25 Kilometern bergauf, da kann man schon mal Panik kriegen. Und ich habe Panik gekriegt.

Wenn am ersten Berg nicht mein Teamkollege Laurenz Rex und die im Auto hinten drin gewesen wären, um mir gut zuzureden, dann wäre ich ausgestiegen. Ich war komplett kraftlos, leer. Keine Power mehr – Unterzuckerung des Todes.

Laurenz hat gesagt: Guck einfach auf mein Hinterrad, wir bringen dich ins Ziel. Und das habe ich gemacht. Ich habe nur noch auf sein Hinterrad geschaut. Wie ich den letzten Berg hochgekommen bin, weiß ich nicht mehr. Wirklich nicht. Ich weiß nur, dass es unendlich lange gedauert hat, dass es sich angefühlt hat wie tausend Jahre. Dann, nach dem Ziel, musste ich noch mal eine Abfahrt runter – das war auch ein fürchterliches Ding. Ich habe nur gedacht: Bleib bei mir, Laurenz. Ich war mir sicher: Wenn du nicht bei mir bleibst, liege ich auf der Fresse. Wenn man so unterzuckert ist, fängt man wirklich an zu zittern.

Wir sind durch die Menschenmengen runter – es hat sich angefühlt wie eine halbe Ewigkeit, obwohl ich nicht treten musste. Ich war kalt. Komplett kalt. Am Bus angekommen, haben sie mich unter die Dusche gesetzt. Ich habe zehn Minuten das heiße Wasser auf mich einrieseln lassen. Dann habe ich acht Snickers gegessen. Eine Tafel Schokolade. Alles, was mir in die Finger kam, weil es mir so elend ging. Sie haben mich von den Kollegen isoliert, um sicherzugehen, dass ich niemanden anstecke, falls es ein Infekt ist. Wir sind losgefahren. Zweieinhalb Stunden Transfer zum nächsten Startort. Ich habe mich hingelegt und mein Licht ist ausgegangen. Ich bin erst wieder aufgewacht, als wir ankamen. Dann ging’s ins Hotelzimmer.

Unser Arzt hat mir Elotrans zusammengerührt, damit ich wieder Salz reinkriege. Ich bin dann wieder das erste Mal auf die Toilette – zum Pinkeln. Und so was habe ich noch nie gesehen. Es sah aus, als hätte ich Blut gepinkelt. Es war so dunkel. Es war nichts mehr im Körper. Normalerweise würde man da sagen: Häng ihn an den Tropf, gib ihm eine Kochsalzlösung. Aber das ist im Radsport nicht erlaubt. Keine Nadeln. Das verkompliziert alles. Man muss dem Körper alles oral zuführen. Und das dauert. Der Körper muss es annehmen, gerade in so einer Stresssituation. In der Nacht habe ich zwölf Stunden geschlafen. Und habe vorher gesagt, stellt mir den Wecker, damit ich überhaupt aufwache.

Was war mit mir passiert an diesem Tag? Der Arzt hat gesagt, mein System hatte die Faxen dicke. Deshalb hat es beschlossen: Schluss jetzt. Ich hatte die Tage davor meine Ressourcen aufgebraucht, musste vom Sturz regenerieren, und bin trotzdem jeden Tag wieder aufs Rad. Und dann hat der Körper eben gesagt: Jetzt reicht’s.

Vor der nächsten Etappe habe ich mit dem Doktor gesprochen: Wenn heute irgendwas so wird wie gestern, habe ich gesagt, bin ich raus. Das halte ich körperlich und mental nicht mehr aus. Dann ist Schluss. Aber ich probiere es. Und es hat funktioniert. Ich bin durchgekommen und habe den Ruhetag am Montag erreicht. Einen Tag Pause, ich hoffe, danach bin ich wieder auf einigermaßen normalem Niveau. Dann kommt schon der Mont Ventoux. Da könnte man mit etwas Galgenhumor sagen: Er kann kommen. Denn ich bin leichter geworden, habe zweieinhalb Kilo abgenommen in den letzten Tagen.

Tag 13: Den Sturz und die Verletzungen, die nimmt man mit in die nächsten Tage. Was kann man machen? Augen zu, ganz konkret: Augen zu und möglichst jedes Geräusch vermeiden. Jede unnütze Lichtquelle weghalten und einfach den Körper runterfahren. Ein bisschen Ruhe nach dem ganzen Trubel, den man sonst jeden Tag aufs Neue hat. Für mich ist der Geräuschpegel entscheidend, der in einem Radrennen den ganzen Tag auf einen einwirkt. Ich meine das Gehupe der Autos, das Radio, das, was die Sportlichen Leiter reinbrüllen. Und auch die Fans, die einen anfeuern – das ist eine enorme Lautstärke. Und das wird mir dann irgendwann zu viel, meist in der dritten Woche.

Ein spezielles Entspannungsprogramm oder so etwas habe ich nicht. Ich lese, lese, lese. Ich lese keine E-Books, ich lese ganz normale Bücher. Für die Tour habe ich mir drei gekauft, für jede Woche eines. Das aktuelle ist „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari. Einfach mal was anderes, mal nichts über Radsport. Wenn du dein Handy anmachst, hast du ja immer gleich diverse Social-Media-Kanäle, Radsportnews, Zeitungen – da steht meistens noch irgendwas zur Tour drin. Und auch das ist für mich dann einfach zu viel. Ich will dann nicht übers Radfahren nachdenken, sondern über irgendwas anderes.

Manche sagen, dass ich ein harter Hund bin. Einer, der auch weitermacht, wenn es aussieht, als würde es nicht weitergehen. Das stimmt schon. Wo das herkommt? Ich denke, es ist so, dass es meinen Werdegang widerspiegelt. Ich bin immer selbst mein größter Gegner gewesen. Das hat mit fünf Jahren angefangen, als ich erste Radrennen gefahren bin – und oft mit Älteren trainiert habe, weil es in meinem Alter keine anderen gab. Da war ich natürlich meist der Schwächste und habe früh gelernt, über meinen Schatten zu springen und weiterzugehen, wenn es eigentlich nicht weiterging.

Natürlich gibt es auch Grenzen. Wenn es keinen Sinn mehr macht, wenn du so verletzt bist, dass du eine Gefahr für dich und für andere bist, dann macht es keinen Sinn, sich irgendwie aufs Rad zu setzen. Das kriegt man bei der Tour auch ganz schnell von der medizinischen Seite gesagt. Aber es gibt einen Graubereich – in dem befinde ich mich. Ich muss step by step wieder ins Rennen finden.

Gezeichnet: Jonas Rutsch nach seinem Sturz bei der Tour de France 2025
Gezeichnet: Jonas Rutsch nach seinem Sturz bei der Tour de France 2025picture alliance/dpa/Belga

Man lernt viel über sich und wächst jedes Mal ein Stück, wenn man eine Grenze verschiebt. Deshalb habe ich auch gesagt, dass ich selbst mein größter Gegner bin. Man muss sich gegen die eigenen Widerstände durchsetzen. Dadurch lerne ich viel über mich selbst.

Und zur Schmerztoleranz: Es ist definitiv so, dass ein Tour-de-France-Fahrer anders mit Schmerzen umgehen kann. Ich glaube, der Grund ist einfach: Training. Es ist im Endeffekt so – wenn man sich das Prinzip der Superkompensation anschaut –, dass man ein bestehendes System ein Stück weit erstmal schädigen oder schocken muss. Danach erholt sich das System und hat einen höheren Leistungsstandard erreicht. Ich denke, dass das mit der Schmerztoleranz ähnlich verläuft. Wenn man den Schmerz auf einem neuen Level ausgehalten hat, hat man die Grenze verschoben. Dann kann man den nächsten Schritt machen.

Es ist auch so, dass jeder Radprofi, der die Tour fährt, einen langen Weg hinter sich hat, der häufig schon im Kindesalter begonnen hat. Jeder, der die Tour nicht zum ersten Mal fährt, weiß, was auf ihn zukommt. Und dass dies das Ende der Fahnenstange ist.

Schmerzmittel? Da gibt es die Medikamentenliste der Antidoping-Agentur, da steht genau drauf, was man nehmen kann und was nicht. Ich habe nach dem Sturz abends im Zuge einer medizinischen Medikation etwas Schmerzlinderndes bekommen. Natürlich kann man den Schmerz nicht einfach mit Medikamenten auf Dauer stark betäuben. Schmerz hat ja auch eine Schutzfunktion. Und jeder, der beim Zahnarzt mal ein starkes Schmerzmittel bekommen hat, hat danach den Satz gehört: Bitte nicht mit dem Auto fahren. Und ich würde sagen: Eine Autofahrt vom Zahnarzt zurück nach Hause kommt nicht ganz an eine Etappe im Peloton der Tour de France ran. Man muss sehr genau überlegen, was man seinem Körper zumutet – und was nicht.

Tag 10: Nach meinem Sturz auf der achten Etappe geht es mir den Umständen entsprechend okay. Ich habe Schürfwunden, Prellungen und Schnittwunden erlitten und bin mit der linken Schulter ziemlich hart aufgeschlagen. Die hat es sehr in Mitleidenschaft gezogen. Das Gute ist, dass nichts gebrochen ist.

Wie es zum Sturz gekommen ist, weiß ich noch genau. Ich bin den ganzen Tag wieder von vorne gefahren im Peloton. Nach 130 Kilometern war mein Job beendet, und es wurde kurz nervös im Feld, weil die Straße an einer Stelle schmaler wurde. Da waren auch die Teams, die auf Gesamtwertung fahren, involviert. Das Einzige, was ich dann noch machen konnte für das Team, war es, hinten Flaschen zu holen. Es war ja wieder extrem heiß an diesem Tag. Wir haben dafür eine Weste, in die man die Flasche reinstecken kann. Mit der bin ich aber gar nicht mehr bis ganz nach vorne gekommen, weil die Straße da schon komplett blockiert war.

Zwei Leute habe ich noch erreicht. Dann habe ich mich zurückfallen lassen, um die Weste wieder am Auto abzugeben. Eine Flasche, die noch übrig war, wollte ich in den Halter an meinem Rad stecken und habe runtergeschaut. Die Lücke nach vorn war eigentlich groß genug. Dann wurde gebremst. Warum, weiß ich nicht genau. Und als ich wieder hochgeschaut habe, war ich schon zu nah dran, habe mich bei jemandem am Hinterrad aufgehängt bei Tempo 50 und bin abgeflogen. Ein Fahrer von Movistar ist mir noch in den Rücken reingefahren. Es war ein blöder Sturz.

„Bin ziemlich hart aufgeschlagen“: Jonas Rutsch stürzt bei der Tour de France.
„Bin ziemlich hart aufgeschlagen“: Jonas Rutsch stürzt bei der Tour de France.AFP

Wenn du mit dieser Geschwindigkeit aufschlägst, machst du erst mal nichts. Bei mir ist es jedenfalls so, dass ich immer kurz liegenbleiben, mich ein paar Sekunden sammeln und durchatmen muss, bevor alle angerannt kommen. Es wird ja dann immer schnell gecheckt, ob man eine Gehirnerschütterung hat und vielleicht besser nicht weiterfahren sollte.

Wie es weitergeht, kann ich noch nicht genau sagen. Man muss jetzt von Tag zu Tag schauen, wie sich die Schmerzen entwickeln. Klar ist: Ich brauche nicht damit rechnen, dass die Verletzung in zwei Tagen wieder weg ist und es dann wieder rund läuft. Die erste Nacht nach dem Sturz war sehr bescheiden. Man weiß nicht, wie man liegen soll. Die Haut ist ab an mehreren Stellen. Da schläft man dann mal kurz ein, wacht aber ständig wieder auf, weil irgendwas zwickt. So geht das die ganze Nacht. Wie lange ich wirklich geschlafen habe, kann ich gar nicht sagen. Ich hatte meinen Schlaftracker nicht an, habe einfach versucht, die Augen so lange wie möglich zuzumachen. Lange und gut war der Schlaf auf jeden Fall nicht.

Die erste Etappe nach dem Sturz war wie erwartet beschwerlich. Auf dem Papier sah alles nach einem Massensprint und einem nicht ganz so anstrengenden Tag aus. Daraus wurde aber leider nichts, weil es leider die zweitschnellste Etappe der Tour-Historie war, die wir da gefahren sind. Das ist dann natürlich nicht das Schönste, wenn man am Tag vorher auf der Nase gelegen hat. Da habe ich schon sehr gelitten.

Ich bin niemand, der oft stürzt. Aber manchmal ist die Situation, wie sie ist. Dann passiert so etwas. Vielleicht auch, weil man eine verzögerte Reaktionszeit hat, wenn man den ganzen Tag schon von vorne gefahren und dehydriert ist. Nach der neunten Etappe kam der Fahrer, der vor mir gebremst hat, dann auch noch mal zu mir und hat sich entschuldigt. Das war eine schöne Geste. Mit der Situation muss man sich dann abfinden und sie akzeptieren. Es bringt ja jetzt nichts, hier Trübsal zu blasen. Weiter geht’s. Und wenn’s nicht geht, geht’s nicht. So nehme ich das.

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Tag 6: Nach fünf Etappen bei der Tour de France, ist man an einem Punkt, an dem man die Beine schon merkt, aber das passt. Es ist nichts, was ich nicht erwartet hätte. Ich konnte mich ja in der Vorbereitung darauf einstellen, was auf mich zukommt. Wir waren mit einem Teil vom Team drei Wochen in Andorra im Höhentrainingslager. Und ich habe mich dann daheim noch eine Woche in einem Sauerstoffzelt, das die Höhe simuliert, vorbereitet. Danach bin ich die Tour de Suisse gefahren, war anschließend eine halbe Woche daheim, bin zur Deutschen Meisterschaft und dann mehr oder weniger direkt zur Tour. Die Vorbereitung war relativ hart, aber auch gut. Heutzutage muss man das so machen, um bei der Tour nicht völlig unterzugehen.

Ich habe mir das Höhenzelt vor ein paar Jahren gekauft, weil man so ein Höhentrainingslager daheim quasi noch mal nachbereiten kann. Man kann zwar in der Theorie auch ein ganzes Höhentrainingslager in so einem Zelt absolvieren, das ist in der Praxis allerdings eher unangenehm. Man muss sich das wirklich vorstellen wie ein Zelt, in das ein Schlauch reingeht, der an einen Generator angeschlossen ist. Durch den wird die katalysierte Luft reingepumpt, der zuvor der Sauerstoff entzogen wurde. Weil die ganze Zeit Luft reinkommt, in einem Zelt aber nicht viel davon entweichen kann, ist das Klima im Inneren nicht so angenehm. Man schläft nicht so gut. Die Luft hat auch eine komische Konsistenz, die Qualität ist nicht so super. Und man soll da zehn bis zwölf Stunden drinnen sein pro Tag. Wenn man das drei Wochen macht, wird man verrückt.

Generell ziemlich unter Strom

Ich benutze das hauptsächlich immer, um mich auf ein richtiges Höhentrainingslager vorzubereiten oder um eines noch mal ein bisschen zu strecken. Aber die beste Anpassung hat man meiner Meinung nach in einem richtigen Höhentrainingslager. Dort gibt es im Grunde zwei Prinzipien: In der Höhe trainieren oder in der Höhe schlafen. Wir Radfahrer schlafen meistens in der Höhe, halten uns also den ganzen Tag und die Nacht dort oben auf und fahren nur zum Trainieren runter. Es gibt noch Fahrer im Peloton, die vor der Tour kein Höhentrainingslager absolvieren, aber die gehören meistens der Sprinterfraktion an. Und selbst dort würde ich sagen, dass bei 80 Prozent das Höhentrainingslager zum Ein-mal-eins der Vorbereitung inzwischen dazugehört.

Ganz vorn im Wind: Jonas Rutsch leistet Führungsarbeit bei der Frankreich-Rundfahrt, auf die er sich lange vorbereitet hat.
Ganz vorn im Wind: Jonas Rutsch leistet Führungsarbeit bei der Frankreich-Rundfahrt, auf die er sich lange vorbereitet hat.AFP

Vor der Tour steht man generell ziemlich unter Strom. Was in der Vorbereitung noch viel extremer geworden ist, ist die Überwachung der Ernährung. Wann die beginnt, ist von Fahrer zu Fahrer verschieden und wird an den Rennkalender angepasst. Bei mir ist das immer schwierig, weil ich ja noch die Klassiker in vollen Bezügen bestreite. Das ist ja eigentlich mein Metier als Rennfahrer. Man fängt dann im November an, sich gezielt auf diese Rennen im Frühjahr vorzubereiten. Dann beginnt im Februar die Klassikersaison, die mit Paris-Roubaix endet. Das war dieses Jahr am 13. April. Da hast du dann schon mal zwei intensive Monate hinter dir. Und das sind ja alles keine Hampelmann-Rennen, sondern richtige Bretter. Da kann es schon mal sein, dass man in einer Woche drei Rennen mit jeweils 250 Kilometern und Schneeregen absolvieren musste. Dafür braucht man eine ganz andere Körperkonstitution als für die Tour.

Für mich ist das jedes Jahr eine große Umstellung, weil ich Gewicht verlieren muss. In dieser Phase wiege ich das Essen dann auch grammgenau ab. Aktuell habe ich knappe vier Kilo weniger als bei den Klassikern. Es ist nicht so, dass man einfach aufhört zu essen und dann vier Kilo abnimmt. Das muss alles genau getaktet sein und ist ein extremer Stress, den man dem Körper zumutet. Bei uns im Team gibt es mehrere Ernährungsspezialisten, die da ein Auge drauf werfen. Auch das Ärzteteam ist involviert. Denn wenn man das auf die falsche Art und Weise macht, wird man auch anfälliger für Infekte jeder Art. Es ist also ein komplizierter Prozess, den man da jedes Mal vor der Tour durchläuft.

Mein Team und ich haben nun die nächsten Etappen im Blick. Wir kämpfen mit Bini (Sprinter Binian Girmay, d. Red.) weiterhin um die Punktewertung. Deshalb sind für uns nicht immer nur die Etappen an sich, sondern auch die jeweiligen Punkte, die vergeben werden, interessant. Da gilt es in den kommenden Tagen, alles unter einen Deckel zu bekommen.

Mit voller Kraft: Jonas Rutsch will bei der Tour de France ein Wörtchen mitreden.
Mit voller Kraft: Jonas Rutsch will bei der Tour de France ein Wörtchen mitreden.Picture Alliance

Tag 4: Die ersten Tage bei der Tour de France liegen hinter uns und die Kernaussage, die man treffen kann, lautet: Hier geht es richtig ab. Ich weiß nicht, ob das in den TV-Bildern so gut rüberkommt, aber es ist fast unmöglich, im Feld die Position zu halten, weil alle so hart darum kämpfen.

In der ersten Woche steht jeder noch voll im Saft. Das macht es sehr stressig. Zusammenfahren als Team ist schwer. Man merkt, dass das Level bei der Tour einfach extrem hoch ist. Du gewinnst in einer Kurve zehn Positionen und verlierst bis zur nächsten wieder neun. Es ist wie in einer Waschmaschine. Und so geht das den ganzen Tag. Das Feld ist sehr nervös. Wenn einer da in einer Abfahrt nicht aufpasst, liegen 50 Leute auf der Straße. Die Hektik wird sich im Laufe der Tour sicher etwas legen, wenn alle müder werden.

An Tag eins war es unser Plan, mich sofort in die Ausreißergruppe zu schicken. Wir hatten das Rennen ein bisschen anders eingeschätzt. Aber das gehört auch dazu. Mit Radsport-Manager am Computer, wo man eben mal die Leute losschicken kann und alles nach Plan läuft, hat das hier nichts zu tun. Der Hintergedanke war, dass das Rennen durch den Wind und die Nervosität hier sofort auseinanderfliegen könnte. Wenn das früher passiert wäre und es zwei Leute von uns in die vordere Gruppe geschafft hätten, wären wir mit drei Leuten dort gut aufgestellt gewesen.

Leider ist dann viel früher alles wieder zusammengelaufen, als wir dachten. Und als das Feld dann gegen Ende auf der Windkante auseinanderbrach, hat es nur Bini (Sprinter Biniam Girmay, d. Red.) in die erste Gruppe geschafft. Deshalb konnten wir nicht zufrieden sein, wie wir als Team gefahren sind. Das hat Bini auch zurecht kritisiert. Er hat dann trotzdem noch ein grandioses Rennen geliefert, wurde ohne Hilfe vom Team auf den letzten Kilometern Zweiter. Davor muss man den Hut ziehen.

Voll fokussiert: Jonas Rutsch (rechts) vor der Tour de France 2025
Voll fokussiert: Jonas Rutsch (rechts) vor der Tour de France 2025Picture Alliance

Bei mir war an diesem Tag auch noch ein bisschen das Bergtrikot im Hinterkopf. Aber da hört dann auch bei den vier Franzosen, mit denen ich in einer Ausreißergruppe war, untereinander die Freundschaft auf. Natürlich sprintet man oben an einer Bergwertung. Dass aber 100 Kilometer vor dem Ziel mehrmals so attackiert wird, ist schon wild. Die waren sehr motiviert, um es mal so zu sagen. Im Endeffekt war die Aktion auch ein bisschen schwachsinnig. Von hinten kommt das Feld angerast und dann attackiert einer die Gruppe wie ein junger Gott. Da habe ich mich schon gefragt: Wo will der denn hin?

Als das Feld von hinten kam, hat sich mein Fokus sofort verschoben. Es ging dann darum, Bini so gut es geht zu unterstützen, was leider nicht mehr möglich war, weil meine Beine es nicht mehr hergegeben haben. Zwei aus der Gruppe haben es dann noch mal probiert und sind oben an der zweiten Bergwertung bei einem Sprint gestürzt. Zu diesem Zeitpunkt habe ich nicht mal mehr eine Sekunde daran gedacht, den Goldenen Ritter zu spielen und da noch mal nach vorne rauszupeitschen.

Tag zwei lief dann schon deutlich besser für unser Team. Da war es unser Plan, einen Fahrer ganz vorn zu positionieren, um die Nervosität rauszunehmen. Das Team weiß, dass ich das drei Stunden lang durchhalte, ohne mich für eine halbe Woche komplett zu zerschießen, weil ich einen großen Motor habe. Deshalb fiel die Wahl auf mich. Dass wir dort jemanden platzieren konnten, hat das Rennen für meine Kollegen deutlich entspannter gemacht. Für mich war der Tag allerdings weniger erholsam. Wenn ich vorne Führungsarbeit geleistet habe, waren es selten unter 400 Watt, die ich treten musste. Man merkt nach so einer Etappe, dass man an diesem Tag etwas investiert hat. Aber ich denke, dass ich das gut wegstecken werde.

Die Stimmung bei uns war nach der zweiten Etappe deutlich besser als zum Auftakt. Der einzige Wermutstropfen: Bini hat sich das Knie angeschlagen, als er mit dem Hinterrad weggerutscht ist. Es schmerzt jetzt etwas. Aber ich hoffe, dass er sich schnell wieder erholt davon und dann alles wie am Schnürchen läuft. Es gibt noch einige Chancen für uns.

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Tag 1: Der Tour-Auftakt ist immer ein riesiges Spektakel. Ich habe ja schon zweimal erlebt, was in der Stadt vor dem Grand Depart los ist. Hier in Lille war es ähnlich wie bei den letzten Malen. Diesmal hat mich die Szenerie ein bisschen an die Flandern-Rundfahrt erinnert. Diese radsportverrückte Gegend ist ja räumlich nicht so weit weg hier vom Start.

Angereist sind wir alle in guter Verfassung. Georg Zimmermann und ich konnten das schon bei der deutschen Meisterschaft am vergangenen Wochenende zeigen. Das war ein Rennen, auf das ich rückblickend sehr stolz bin. Was die deutsche Fraktion von Intermarché-Wanty da gezeigt hat, war große Klasse. Ich bin happy, dass es am Ende dann auch für Georg zum Titel gelangt hat und ich meinen Anteil daran hatte. Oft legt man sich einen fixen Plan zurecht und steht, wenn dann mal etwas schiefläuft, ganz schnell da und weiß nicht, was man machen soll. Obwohl das Glück in diesem Rennen mit dem platten Reifen von Georg nicht immer auf unserer Seite war, haben wir einen Weg gefunden, unsere Munition trocken zu lagern und im richtigen Moment zu verschießen.

Gut gelaunt vor dem Start in die Tour de France 2025: Jonas Rutsch
Gut gelaunt vor dem Start in die Tour de France 2025: Jonas RutschPicture Alliance

Bei der Tour geht unser Team in diesem Jahr auf Etappenjagd. Ich freue mich auf die nächsten Tage und Wochen, versuche jetzt aber auch ehrlich gesagt nicht, schon zu viel drüber nachzudenken, was passieren könnte. Die Tour ist drei Wochen lang. Es bringt nichts, sich über jede einzelne Etappe Gedanken zu machen, weil das Rennen oft ganz anders verläuft. Das haben wir bei der deutschen Meisterschaft gesehen. Es lässt sich nichts vorhersagen. Man muss einfach cool bleiben und sich auf die nächste Etappe konzentrieren. Das ist jetzt also die erste am Samstag (13.40 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Tour de France, in der ARD und bei Eurosport).

Wir haben mit Biniam Girmay den Sprinter hier, der im vergangenen Jahr das Grüne Trikot gewonnen hat. Es sieht so aus, als würde es auf der ersten Etappe einen Massensprint geben. Dafür werden wir uns einen Plan zurechtlegen und dann versuchen, ihn perfekt umzusetzen. Ich glaube, dass Bini im Vergleich zu den anderen Sprintern jemand ist, der eher besser als schlechter wird, je tiefer er im Rennen gehen muss. Bini ist ein atypischer Sprinter, der auch auf welligem Profil sehr gut klarkommt, wenn das Rennen schwer war, und weitere Chancen bekommen wird. Wir gehen deshalb jetzt auch nicht mit übergroßen Erwartungen in die erste Etappe.

Meine Aufgabe wird sich im Laufe der Tour immer mal wieder ändern, weil ich auf zwei Schlachtfeldern unterwegs bin. Zum einen bin ich im Leadout von Bini der Mann, der den Sprintzug mit den schnelleren Männern wie Laurenz Rex und Hugo Page auf Kurs bringen soll. Auf dem zweiten Schlachtfeld geht es für mich darum, die Offensivfraktion auf Etappenjagden zu unterstützen und zu verstärken. Für die hügligeren Etappen haben wir mit Georg Zimmermann und Louis Barré zwei heiße Eisen im Feuer, die beide dieses Jahr schon gezeigt haben, dass sie ein Wörtchen mitreden können, wenn die Straße ansteigt.

Ich bin als Rouleur, der auch ganz gut berghoch kommt, mittendrin und werde versuchen, die beiden zu unterstützen. Aber wenn sich dann irgendwann eine Chance auftun sollte, bin ich natürlich auch jemand, den man in eine Spitzengruppe senden und der dort erfolgreich sein kann. Bei all dem Leistungsdenken und all dem Druck, den wir haben, versuche ich aber auch ein bisschen stolz zu sein, dass ich hier sein kann und will das genießen. Wir sind bei der Tour de France, dem größten Radrennen der Welt. Diese Momente muss man für sich speichern.

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