Jonas Vingegaards aussichtsloser Kampf gegen Pogacar

Jonas Vingegaards aussichtsloser Kampf gegen Pogacar

Immer wenn eine Etappe der Tour de France auf einem Berg endet, einem berühmten Anstieg, und der letzte Fahrer oben ist, bricht nach und nach das Chaos aus. Es steigert sich von Minute zu Minute. Abertausende Fans schieben sich bergab in den nächsten Ort, am Samstag nach Bagnères-de-Luchon. Viele eilten dorthin, wo die Teambusse stehen. Viele zu Fuß, viele auf dem Rennrad, alles kreuz und quer, dazwischen dutzende blau blinkende und hupende Polizeimotorräder, die im Slalom durch die Massen fahren – viel schneller als die Polizei erlaubt.

Die mächtigen Teambusse sehen aus wie Festungen, tapeziert mit den Namen von Sponsoren. Sie bieten neugierigen Blicken nicht das kleinste Schlupfloch. Selbst die mächtigen Scheiben vorn sind akkurat verhüllt. Dann schieben sich diese Riesen ins Chaos, auch der Bus des Teams Visma-Lease a Bike. Und plötzlich fangen ein paar Leute an zu klatschen und andere machen mit. Kein anderer Bus wird so verabschiedet.

Wie bei Asterix und Obelix

Die Frage ist: Warum? Ist es Mitleid mit einem großen Verlierer? Mit Visma-Kapitän Jonas Vingegaard, der sich mit allem, was er hatte, gegen das Unvermeidliche gewehrt hat – gegen Tadej Pogačar. Der bei aller Anstrengung aber immer wieder nur gegen eine Wand fuhr.

Das Bergzeitfahren am Freitag fuhr er mit letzter Entschlossenheit. Auf einem Zeitfahrrad. Nicht wie Pogačar, der sein gewohntes Rennrad wählte. Als vorletzter Starter fuhr Vingegaard großartig, das kann man nicht anders sagen. Er fuhr auf elf Kilometer 44 Sekunden schneller als Primož Roglič, der nächstbeste von 166 Startern. Doch dann kam als Letzter Pogačar und nahm ihm noch einmal 36 Sekunden ab.

Vielleicht hatten die klatschenden Zuschauer ja ein feines Gespür dafür, dass der Däne mit dem Mute der Verzweiflung unterwegs war, alles riskiert, alles gegeben hatte, und man mehr nicht verlangen kann. Doch das änderte nichts daran, dass im gelben Bus nur Verlierer davonfuhren. Das niederländische Team, das bis zum Start dieser 112. Tour de France als das stärkste galt, als eine Weltmacht auf zwei Rädern, hat in den Pyrenäen seinen Nimbus verloren.

Niemand hatte das in dieser Form erwartet. Es war wie bei Asterix und Obelix: Die römische Legion zieht voller Selbstvertrauen und Siegesgewissheit in den Kampf – und wird von den Galliern übel vermöbelt. Die Gallier kommen in diesem speziellen Fall aus den Emiraten, was das Bild ein wenig schräg macht, aber sei’s drum. Es ist das Team UAE mit seinem Anführer Tadej Pogačar.

Ein taktisches Meisterwerk

Er und Vismas Kapitän Vingegaard, so war die allgemeine Vorhersage, würden wie schon in den vergangenen Jahren den Kampf um den Gesamtsieg, um das Gelbe Trikot, unter sich ausmachen. Ein Kampf auf Augenhöhe sollte es werden, aber davon konnte in den Pyrenäen keine Rede sein. Und es war nicht nur Vingegaards großer, aber aussichtsloser Kampf im Zeitfahren.

Das wahre Debakel hatten er, sein Team und die Taktiktüftler im Hintergrund schon zum Auftakt der Pyrenäen-Trilogie am Donnerstag erlebt. Visma war angetreten, Pogačar und seine Helfer in Grund und Boden zu fahren. Befeuert wurde der Plan von schönen Erinnerungen an die Tour 2022, als sie den Slowenen erst von seinen Helfern isoliert und dann am Galibier mit wechselnden Angriffen von Vingegaard und Roglič, der damals noch für Visma fuhr, geknackt hatten.

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Ein taktisches Meisterwerk wurde ihnen damals bescheinigt – und genau das wollten sie nun wiederholen. Der Versuch endete in einem Fiasko. Das Visma-Team ging mit fliegenden Fahnen unter, fuhr sich selbst in Grund und Boden. Zu schnell, zu selbstgefällig verloren sie sogar Vingegaards besten Helfer, den Amerikaner Matteo Jorgenson.

Nach dieser Etappe wirkte Vingegaard nicht verzweifelt. Schlimmer: Er wirkte zutiefst enttäuscht wie einer, der nicht verstehen kann, was gerade mit ihm geschieht. Enttäuscht von sich selbst. Nach der Auftaktetappe in den Pyrenäen, in der ihn Pogačar im Finale stehen ließ, sagte er mit steinerner Miene, er müsse zu seinem wahren Niveau zurückfinden.

Vingegaards letzte Hoffnung

Er glaubt also, auf Augenhöhe mit Pogačar fahren zu können. So sagt er es. Doch glaubt er es wirklich? Sein Blick erzählte eine andere Geschichte. Vingegaard wirkt, als fühle er sich im falschen Film. Das Drehbuch stimmt nicht. Die Besetzung des Helden nicht. Die Dramaturgie nicht, alles falsch. Mit diesem Gefühl wird er in die dritte Tour-Woche gehen.

Diese Woche ist der Schrecken aller Fahrer, der allermeisten jedenfalls. Die Kräfte schwinden, es wird härter von Tag zu Tag und die Gefahr, einen schlechten Tag zu erwischen, steigt. Auch Pogačar könnte es noch treffen – das ist Vingegaards letzte Hoffnung.

Er muss dran bleiben, muss hoffen, dass der bislang unantastbare Slowene doch noch eine Schwäche zeigt. Die Streckenplaner haben den Fahrern in dieser dritten Woche noch einmal drei brutale Bergetappen ins Programm geschrieben, drei Chancen noch für Vingegaard. Die erste schon am Dienstag, wenn es auf den Mont Ventoux geht, den legendären Riesen der Provence.

Ein Sieg dort fehlt Pogačar noch. Er will diese Etappe gewinnen. Es ist der nächste Showdown. Wenn Pogačar dort ernst macht, könnte er seinen Vorsprung in schier uneinholbare Höhen schrauben. Am Mont Ventoux müssen Vingegaard und Visma liefern. Sonst werden die Leute nach der Etappe am Bus vielleicht wieder klatschen, aber das wird dann noch stärker nach Mitleid klingen. „Wir müssen attackieren“, sagte Vingegaard an diesem Montag. Wohlwissend, wie er sagte, dass der Abstand zum Führenden Pogačar mit mehr als vier Minuten groß ist. Aber er glaube immer noch daran, dass er die Tour gewinnen könne. „Wenn du nicht mehr daran glaubst, dann wird es auch nicht passieren.“

„Er ist wirklich super drauf“

In Bagnerès-de-Luchon parkte zwei Plätze hinter dem Visma-Bus der des deutschen Teams Red Bull-Bora-hansgrohe. Daneben stand ein schwarzer Van, zu dem Primož Roglič unter dem Jubel der Fans geleitet wurde – eine besondere Mitfahrgelegenheit für den Noch-Kapitän seines Teams.

Der 35-jährige Slowene fährt bislang eine starke Tour, muss sich aber ständig fragen lassen, ob er den elf Jahre jüngeren Florian Lipowitz, die größte Überraschung dieser Tour und Dritten der Gesamtwertung nach den Pyrenäen, bald als Helfer unterstützen müsse – und ob er dazu bereit wäre. Roglič reagierte entspannt und lieferte nebenbei das Zitat des Tages: Natürlich werde er Lipowitz bei Bedarf helfen, sagte er. „Er ist wirklich super drauf. In seinem Alter bin ich noch nicht mal Rad gefahren.“

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