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„Kampf gegen Corona: Schon wieder zu sorglos“

Bis vor fünf Wochen war die Corona-Pandemie für die Deutschen die „größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“ (Angela Merkel), die zu bewältigen zwei Jahre lang oberste Priorität der Politik war. Jetzt hat Russlands Überfall auf die Ukraine das Virus auch hierzulande in den Hintergrund gedrängt, und die Kassandrarufe von Virologen und des Gesundheitsministers Karl Lauterbach, dass uns wieder ein schlimmer Herbst drohen kann, wenn wir abermals zu früh alle Vorsicht fahren lassen, werden weniger gehört als je zuvor. Es ist eine gefährliche Mischung: ein Krieg, dessen dramatische Auswirkungen die Sorge vor einer Überlastung des Gesundheitssystems fast wie ein Luxusproblem des Westens erscheinen lassen. Und ein Virus, das gesellschaftliche Sorglosigkeit und politischen Wankelmut bislang noch immer genutzt hat.
Dabei pfeifen, nein, schreien die Virologen es seit vielen Monaten von den Dächern: Nur Impfungen schützen vor schweren Verläufen und reduzieren die Ansteckungsgefahr. Auch Jüngere können schwer erkranken, wenn sie nicht geimpft sind, Ältere und Kranke erst recht. Es ist zu spät, wieder erst im Herbst zu reagieren, wenn die Infektions- und Todeszahlen durch eine neue Mutante drastisch steigen sollten. Und auch in lauen Sommernächten können Masken und Abstand helfen vorzubeugen, dass nicht noch eine siebte oder achte Infektionswelle durchs Land läuft.
All das ist lange bekannt. Trotzdem fällt die Maskenpflicht in 14 von 16 Bundesländern an diesem Wochenende weitgehend, ist eine allgemeine Impfpflicht ab 18 gescheitert und fraglich, ob eine Mehrheit für eine Impfpflicht ab 50 zustande kommt. Und das im Wissen darum, dass die Impfquote in vielen Altersgruppen noch immer zu gering ist.
Politiker drücken sich vor nachhaltiger Strategie
Doch die Deutschen sind der Pandemie müde. Trotz immenser Inzidenzen ist der Kollaps des Gesundheitssystems bislang ausgeblieben, und zumindest für vollständig Geimpfte hat das Virus einiges von seinem Schrecken verloren. Auch die aktuelle Infektionswelle scheint ihren Scheitelpunkt überschritten zu haben. All das trägt zum weitverbreiteten Gefühl bei, dass jetzt endlich Schluss sein müsse mit Trübsal und Masken, und steht nicht ohnehin der Sommer vor der Tür? Die Politik wiederum ergreift angesichts des gesunkenen öffentlichen Drucks dankbar die Gelegenheit, sich vor einer nachhaltigen Strategie bei der Pandemiebekämpfung zu drücken, die nicht nur sechs Wochen, sondern sechs Monate im Blick hat. Was im Herbst kommt, sieht man dann.
Es stimmt ja: Bund und Länder haben seit dem Krieg andere Sorgen, die vieles auch an der Pandemie relativieren. Trotzdem bleibt Wachsamkeit angebracht. Wenn im Herbst neben horrenden Energiepreisen und einer drohenden Rezession auch noch eine neue Virusvariante auf viele Ungeimpfte träfe, dürfte das Wehklagen, wieso man auch den dritten Sommer in Folge zu sorglos war, groß sein.
Weil Bund und Länder in der Pandemiepolitik aber herumeiern, wird die Eigenverantwortung der Deutschen umso wichtiger. Wer weiter freiwillig Maske trägt, wenn es eng wird, wer sich doch noch impfen lässt, auch wenn es keine Pflicht ist, schließlich: wer das Virus noch nicht als besiegt abtut, kann auch ohne klare Ansagen aus Berlin viel dafür tun, dass uns kein schlimmer Winter droht.
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