#Keine Zeit für Trägheit

Keine Zeit für Trägheit

Vor dem wegen Corona verspäteten Klimagipfel kursiert das Gerücht, die Welt sehe den Abgrund jetzt schon unmittelbar vor sich. Einiges spricht dafür. Würde die Politik das Rumoren ernst nehmen, könnte sie fast schon einpacken. Wozu zwanzigtausend Weltrettungsbotschafter in den Norden Schottlands kutschieren lassen, wenn dem Planeten eh nicht mehr zu helfen ist? Deshalb bereiten die Weltrettungsbeauftragten aller Länder ihre eigene Bühne vor Glasgow: Das Paris-Ziel ist noch erreichbar, sagen sie, und das fatale Systemversagen damit auch abwendbar. An diesem Samstag, einen Tag vor Beginn des Glasgow-Gipfels, werden wir Zeuge dieses klimadiplomatischen Theatertreffens auf der G-20-Konferenz in Rom werden. Klimapathos-Routine vor dem Abflug zum Gipfel, business as usual im Expertenjargon.

Joachim Müller-Jung

Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

Der designierte Präsident der Glasgower Vertragsstaatenkonferenz – kurz: Cop26 – hat die Stimmung in einen Vergleich gepackt, der auch für die noch nicht krisenverängstigten jungen Menschen greifbar wird: Es ist, sagte er, als sitze die Menschheit im Klassenraum zum Ende einer Prüfung vor den schwierigsten Aufgaben der Klausur und habe kaum noch Zeit, sie zu lösen. „Schwieriger als Paris“, meint der Brite Alok Sharma. Die Botschaft hinter solchen Worten ist immer dieselbe – spätestens seit dem sogenannten Erdgipfel von Rio im Jahr 1992, als damals schon eine halbe Generation lang ernsthaft darüber hätte nachgedacht werden müssen, was zu tun ist. Was genau? Es muss geliefert werden. Die globale Klimadiplomatie hat längst kein Diskurs- oder Verhandlungsproblem mehr, sie hat auch nicht die geringsten Schwierigkeiten, den Kern und die Dimension der Erderhitzung intellektuell einzuordnen. Sie hat, wie der deutsche Klimaforscher Niklas Höhne das beklagt, ein gravierendes „Implementationsdefizit“. Liefern. Handeln. Jetzt!

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Das Fenster schließt sich, auch das eine der Floskeln, die in der schottischen Hauptstadt sicher wieder oft zu hören sein wird, von all jenen, die den politischen Druck noch einmal erhöhen wollen. Den gestressten Prüflingen im Glasgower Konferenzzentrum ist allen klar, was die Stunde geschlagen hat. Nur, erstarren vor Panik dürfen sie nicht. Deshalb ist es ganz gut, wenn sie sich gut vorbereitet an den Tisch setzen.

Vorglühen für den Klimagipfel, das geht immer gleich: Die Regierungen werfen ihren Hut in den Ring, die Wissenschaft kommentiert, die Zivilgesellschaft fordert, die Lobbyisten drohen. Vielleicht ist die wichtigste Frage diesmal, fünf Jahre nach Paris, nicht, welches Land was an neuen Nationalen Klimazielen anzubieten hat, sondern wie viele Lobbyisten unter den zwanzigtausend sind und die Interessen anderer durchdrücken wollen. Formal haben gut drei Viertel der Länder vor Glasgow angekündigt, mehr für den Klimaschutz tun zu wollen. Sogar einige der eingefleischten Klimaquerhandler wie Australien, Brasilien und Russland geben vor, als Anwälte des Planeten anzureisen.

Auf dem Papier und vor den Mikrofonen stellt sich die Lage so rosig wie nie in der hart umkämpften Klimapolitik dar. Es bewegt sich etwas. Auf dem Klimagipfel von Kopenhagen vor zehn Jahren war noch das Zwei-Grad-Ziel ausgehandelt worden – vor dem Hintergrund allerdings, dass der Planet bei einem Weiter-so auf eine durchschnittlich vier Grad wärme Welt und damit auf eine ökologische Katastrophe zusteuert. Kohle, Öl und fossiles Gas wurden geschont, die globale Energiewende war noch nicht auf dem Plan. Heute sprechen alle unter dem Eindruck der jüngsten Feuer- und Flutkatastrophen immerhin von der großen energetischen Transformation und nach dem zaghaften „möglichst unter 1,5 Grad zusätzlicher Erwärmung“ von Paris ist die große Mehrheit der klimapolitisch Verantwortlichen auf das ultimative Ziel 1,5 Grad Erwärmung maximal eingeschworen. Hinter den Kulissen des Klimatheaters ist also an den Absichten gefeilt worden.

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