Keltenkönig war in Wirklichkeit eine Frau

Keltenkönig war in Wirklichkeit eine Frau

Das keltische Britannien war für die Römer eine harte Nuss: Fast 100 Jahre lang widerstand die Insel allen Eroberungsversuchen durch römische Truppen, auch Julius Cäsar scheiterte daran. Erst im Jahr 43 nach Christus wandelte sich die Lage: Bei einem neuerlichen Invasionsversuch unter dem römischen Kaiser Claudius gelang es den Römern, den größten Teil Britanniens zu erobern. Britannien blieb anschließend mehrere Jahrhunderte lang unter römischer Herrschaft.

Wer war Verica rex?

Das Interessante jedoch: Römischen Geschichtsschreibern zufolge gab erst ein Keltenfürst den Anstoß für die römische Invasion. Demnach reiste „Verica rex“, Oberhaupt der südenglischen Atrebaten, im Jahr 40 nach Rom und bat bei Kaiser Claudius um Hilfe gegen konkurrierende Stämme. Verica soll Claudius dazu überredet haben, mit seiner Flotte den Ärmelkanal zu überqueren. Für den römischen Kaiser war dies zudem ein willkommener Anlass, innenpolitische Kritiker ruhigzustellen und sich als sich als erfolgreicher Feldherr zu beweisen.

„Verica lieferte den Anlass für einen Machtwechsel, und der Kaiser ergriff diese Gelegenheit“, erklärt der Archäologe Miles Russell von der Bournemouth University. „Vericas Rolle bei der britischen Expedition war jedoch weitaus bedeutender: Das Keltenoberhaupt lieferte taktische Informationen und leistete Unterstützung vor Ort. Erst dies stellte sicher, dass das Vorhaben erfolgreich sein konnte.“

Doch wer war Verica? Bisher gingen Historiker davon aus, dass es sich bei diesem Eisenzeit-König wahrscheinlich um einen Sohn des aus römischen Quellen bekannten keltischen Herrschers Commius handelte. Verica herrschte über einen Keltenstamm, dessen Gebiet große Teile der heutigen Grafschaften Hampshire und West Sussex umfasste. „Die Verwendung des lateinischen Titels ‚rex‘ auf den Münzen zeigt, dass Verica mit der uneingeschränkten Zustimmung des Kaisers herrschte““, berichtet Russell.

Neue Forschung enthüllt Vericas wahres Geschlecht

Jetzt zeigt sich: Der Keltenkönig Verica war kein Mann, sondern eine Frau. „Man ging davon aus, dass Verica männlich war, weil die klassischen Historiker des 19. Jahrhunderts von einem patriarchalischen Weltbild geprägt waren“, sagt Russell. Aber Verica sei zweifelsfrei eine Frau. Ein Indiz dafür sind Bilddarstellungen Vericas auf eisenzeitlichen Münzen. „Während andere britische Herrscher der Eisenzeit auf den von ihnen geprägten Münzen eindeutig männliche Krieger abbildeten, wird Verica als schlanke Frau mit entblößtem Oberkörper dargestellt, die auf einem Pferd reitet“, berichtet der Archäologe.

Silbermünze

Diese eisenzeitliche Silbermünze zeigt Verica als halbnackte, eindeutig weibliche Reiterkriegerin. — © Chris Rudd Ltd

Auch der Beiname „rex“ wurde bislang missverstanden: „Viele Menschen gehen davon aus, dass Verica ein Mann war, weil auf ihren Münzen der Begriff ‚rex‘ steht“, erklärt Russell. „Dabei handelt es sich um einen geschlechtsneutralen Herrschertitel“, erläutert der Archäologe. „Sowohl männliche als auch weibliche Könige wurden von Rom anerkannt. Das bekannteste Beispiel hierfür ist Kleopatra von Ägypten.“

Name und historische Quellen als weitere Indizien

Ein weiteres offensichtliches Indiz ist der Name Vericas: Die Endung „a“ war bei den Kelten typisch für weibliche Namen, wie Russell erklärt. Beispiele dafür sind unter anderem die Keltenköniginnen Cartimandua und Boudica. Letztere ist wegen ihres Aufstands gegen die römischen Besatzer im Jahr 60 bis heute berühmt. Nach Ansicht von Russell könnte Verica zu jener Zeit aber sogar mächtiger und einflussreicher gewesen sein als Boudica.

Auch die römische Geschichtsschreibung liefert Hinweise auf das wahre Geschlecht von Verica: „Den Aufzeichnungen des Cassius Dio zufolge hat sich Claudius nur deshalb zur Invasion entschlossen, weil eine Frau es ihm eingeflüstert hatte. Im Grunde behauptet Dio, der Feldzug sei einzig und allein auf das Flüstern einer barbarischen Femme fatale zurückzuführen“, berichtet Russell. Dies passe in die zeitgenössische Kritik dieses Kaisers als eher willensschwach und von Frauen beherrscht.

„Eine der frühesten und bedeutendsten Herrscherinnen Britanniens“

Die Enthüllung des wahren Geschlechts der Keltenkönigin Verica schreibt damit ein wichtiges Stück der römisch-britischen Geschichte neu. „Wir sollten uns an Verica als weibliche Königin und als eine der frühesten und bedeutendsten Herrscherinnen Britanniens erinnern“, betont Russell. „Wäre sie nicht entmachtet worden und zu Claudius geflohen, um militärische Unterstützung zu erhalten, hätte Rom Britannien möglicherweise überhaupt nie angegriffen.“

Nach Ansicht des Archäologen passt das neue Bild von Verica rex zu neueren Erkenntnissen über das Britannien der Eisenzeit und die Rolle der Frauen bei den Kelten dieser Region. Bereits 2025 hatten Forschungen der Bournemouth University Hinweise auf eine eher matriarchalisch geprägte Gesellschaft gefunden. Anders als in vielen anderen Kulturen wechselten dort beispielsweise die Ehemänner in die Gemeinschaft ihrer Frauen und lebten fortan dort.

Quelle: Bournemouth University; Current Archeology

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