KI muss kein Jobkiller sein

Lange galt für den Arbeitsmarkt ein Grundsatz: Je besser ausgebildet ein Arbeitnehmer, desto sicherer sein Arbeitsplatz. Zwischen dem Jahr 2015 und dem Jahr 2024 belief sich die Akademiker-Arbeitslosenquote in Deutschland stets auf weniger als drei Prozent, also dem Wert, bei dem üblicherweise von Vollbeschäftigung ausgegangen wird. Erst im vergangenen Jahr ist die Ziffer leicht über diese Grenze gestiegen, auf nunmehr 3,3 Prozent, was gut der Hälfte der durchschnittlichen Arbeitslosenquote hierzulande entsprach.

Als Hauptgründe für diesen Anstieg nennt die Bundesagentur für Arbeit die wirtschaftliche Schwächephase sowie die Folgen der wirtschaftlichen Transformation. In den nächsten Jahren könnte ein weiterer Faktor hinzukommen und die Quote ungünstig beeinflussen: die Ausbreitung der Künstlichen Intelligenz (KI).

Zwar gebe es bisher noch keinen messbaren negativen KI-Effekt auf die Beschäftigung, betonen Arbeitsmarktforscher und Ökonomen. Dass vielerorts Stellen für Berufseinsteiger fehlen, liege eher an der konjunkturellen Lage als am technischen Fortschritt. Gleichwohl ist zu erwarten, dass sich das ändert, wenn KI sich weiter verbessert und noch mehr Aufgaben übernimmt, die bisher Menschen erledigt haben.

Immer mehr Tätigkeiten lassen sich automatisieren

In Verbindung mit KI werden Computer oder auch Roboter immer besser darin, den Menschen zu ersetzen, wie die regelmäßig aktualisierte Forschung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zum „Substituierbarkeitspotential“ von Berufen zeigt. Darin berechnen die Arbeitsmarktforscher, wie hoch in einem bestimmten Beruf der Anteil von Tätigkeiten ist, die sich automatisieren lassen.

Zwar liegt das Substiuierbarkeitspotential von Berufen, für die ein Studium notwendig ist, im Durchschnitt deutlich unter jenem von Berufen, für die eine geringere Qualifikation ausreicht. Doch ist der Anteil der automatisierbaren Tätigkeiten in hochqualifizierten Jobs zuletzt am stärksten gestiegen. Dagegen gab es in der Kategorie der Helferjobs, für die es keine besondere Ausbildung braucht, sogar einen kleinen Rückgang, sie wurden also ein bisschen weniger anfällig dafür, von Technik ersetzt zu werden, wenngleich auf einem hohen Niveau.

Dass Künstliche Intelligenz Tätigkeiten oder womöglich ganze Berufe übernehmen kann, heißt indes noch nicht, dass es auch dazu kommt. Aber schon die Möglichkeit sorgt für Verunsicherung unter Schulabgängern. Sollen sie nun studieren oder vielleicht doch ein Handwerk erlernen? Schließlich kann die KI keine Fliesen legen und kein Dach decken. Und wenn ein Studium gewählt wird, welches Fach ist dann besonders KI-sicher?

Das Lernen wieder lernen

Das Dilemma besteht darin, dass sich solche Fragen aus heutiger Sicht kaum beantworten lassen. Erstens ist es wahrscheinlicher, dass sich Berufe verändern, als dass sie ganz verschwinden. Dabei kann die KI sogar Treiber sein, weil sie dem Menschen Zeit verschafft, sich Themen zu widmen, die bisher womöglich brachlagen. Zudem werden gerade wegen der KI ganz neue Berufe entstehen. Welche das sein werden? Auch das lässt sich heute nicht seriös voraussagen.

Deshalb gilt es, sich auf die Unwägbarkeiten der weiteren KI-Entwicklung bestmöglich einzustellen. Das beginnt in der Schule. Dort sollten Schülerinnen und Schüler neben dem unverzichtbaren Grundlagenwissen vor allem lernen zu lernen. Das bedeutet, sich Themen selbst zu erschließen, eigenständig darüber nachzudenken, mit anderen darüber zu diskutieren und Argumente und Gegenargumente abzuwägen. Die KI kann dabei assistieren und vielleicht auch Zeit einsparen, sie sollte aber keinesfalls dazu dienen, diesen Prozess zu umgehen, auch wenn die Verlockung groß ist. Zu viele Abkürzungen zu nehmen führt in die Abhängigkeit.

Widerstandsfähig werden gegen die Ersetzbarkeit

Ob dann nach der Schule ein Studium folgt oder ein Lehrberuf ergriffen wird: Auf ihrem weiteren Ausbildungsweg sollten sich junge Menschen Fähigkeiten aneignen, die sie geistig wendig und widerstandsfähig machen gegen die Ersetzbarkeit. Entscheidend wird sein, abstrahieren und gut kommunizieren zu können, neugierig und flexibel zu bleiben.

Schließlich wird es darum gehen, einen berufsqualifizierenden Abschluss nicht als Ende der Ausbildung anzusehen, sondern als Ausgangspunkt für das schon lange beschworene lebenslange Lernen. Dafür sollten Weiterbildungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz aber auch an Bildungseinrichtungen geschaffen werden, die mit weniger organisatorischem Aufwand und für mehr Menschen als bisher zugänglich sind. Je besser die menschliche Intelligenz trainiert wird, desto mehr kann sie der Künstlichen Intelligenz etwas entgegensetzen.

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