#Kinder im Krieg

„Kinder im Krieg“

Anja tuscht einen Sonnenuntergang. Sie sitzt am Maltisch der improvisierten Kinderecke im Untergeschoss des Berliner Hauptbahnhofs, wo es zugig und kalt ist und nach Erbsensuppe riecht. Die wird nebenan ukrainischen Flüchtlingen ausgegeben. Anja ist neun Jahre alt, ein fröhliches, aufgewecktes, offenes Mädchen. In ihrer rosa Daunenjacke und mit der Mütze, unter der zwei lange, geflochtene Zöpfe hervorgucken, wirkt sie wie auf dem Sprung. Dabei geht der Zug Richtung Spanien, wo eine Familie sie und ihre Mutter aufnehmen will, erst am nächsten Tag.

Philipp Krohn

Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

Katharina Wagner

Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

Anja sind die Anstrengungen der Reise nicht anzumerken. Die lange Autofahrt, den völlig überfüllten Zug von der polnischen Grenze, die Nacht in der kalten Kinderecke. Sie springt fröhlich zu den Freiwilligen, wenn sie wieder neues Spielzeug verteilen, isst genüsslich einen der Muffins, die jemand für die Kinder vorbeigebracht hat. Anja freut sich auf Spanien. Dort soll sie mit ihrer Mutter bei einer Familie mit drei Kindern unterkommen. Sie habe schon ein paar Wörter Spanisch gelernt, erzählt sie stolz. Und Englisch spreche die Familie auch, so wie ihre Mutter, die Englischlehrerin ist, und die ihre Schüler in der Ukraine weiterhin online unterrichten will.

Als das Gespräch auf den Krieg kommt, verändert sich Anjas Gesicht. Das Lächeln verschwindet, die Augen weiten sich. Sie spricht nun plötzlich leise. Erzählt, dass ihr Bruder, ihr Vater und ihre Oma zurückgeblieben sind. Sie telefoniert aber oft mit ihnen: „Ich möchte ihre Stimmen hören.“ Anjas Heimatort, Horodyschtsche in der Zentralukraine, wurde nicht beschossen, solange sie noch dort war. Aber die vorbeifliegenden Raketen und die Sirenen haben sie gehört im Keller, in dem sie die meiste Zeit vor der Flucht verbrachten. Ob sie Angst gehabt habe? Anja sagt nur ein Wort, sie flüstert es: „Sehr.“

Anja mit ihrer Familie am Hauptbahnhof in Berlin


Anja mit ihrer Familie am Hauptbahnhof in Berlin
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Bild: Andreas Pein

Am 17. Februar, eine Woche, bevor Russland seinen Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine startete, traf eine Rakete den Kindergarten in Stanyzja Luhanska. Auf Bildern ist zu sehen, wie die Granate die Ziegelmauer durchschlagen hatte und in einem Raum mit bunter Tapete und voller Spielzeug landete. Reines Glück, dass nicht sie nicht explodierte. Die Kinder, die an diesem Vormittag dort waren, hatten sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Stanyzja Luhanska liegt im Osten der Ukraine, unweit der Großstadt Luhansk, und lag zu diesem Zeitpunkt in ukrainisch-kontrolliertem Gebiet. Am selben Tag schlug hundert Kilometer weiter eine Granate neben einer Schule ein.

Präsident Selenskyj erinnert an tote Kinder

117 Kinder seien seit Beginn des russischen Angriffskriegs mindestens getötet wurde, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstag vergangener Woche. „Aber 117 wird nicht die letzte Zahl sein“, sagte er den Abgeordneten der zwei italienischen Parlamentskammern in einer seiner Videoschalten, die seine eindringlichen Appelle an Parlamentarier der Welt ermöglichen. „Ihr wisst, wer den Krieg gebracht hat, wer die Bombardierungen anordnet, wer die Propaganda betreibt.“

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