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Als im Juni die erste Hitzewelle des Jahres in Hamm ankommt, weiß Wilma Großmaas noch nicht, dass ein relativ milder Sommer folgen wird. Was Großmaas weiß: So früh, so heiß – das ist neu in Hamm. Und das ist Großmaas’ Problem. Die 34 Jahre alte Frau arbeitet für die Stadt unter dem behördenkühlen Titel Klimafolgenanpassungsmanagerin.
Sie wurde angestellt, weil die Hitze da ist, weil der Klimawandel da ist, weil einiges sich ändern muss, wenn das Wetter in den gemäßigten Breiten häufiger das alte Maß verliert: Nicht nur die Hitze nimmt zu, auch der Regen, der in kurzen Zeiträumen fällt; so viel, dass Flüsse über die Ufer treten. Hamm liegt direkt an der Lippe. Großmaas rät mittlerweile allen, Geburtsurkunden und andere wichtige Dokumente nicht mehr im Keller aufzubewahren. Denn dass der irgendwann vollläuft, sei wahrscheinlicher als noch vor einigen Jahren.
Großmaas arbeitet gegen die Wahrscheinlichkeit an, so gut wenigstens, wie das geht. Gerade steht sie am Rand der Innenstadt an der Lippe, die hier renaturiert wurde, indem Deiche ein Stück zurückgesetzt wurden. Die Klimafolgenmanagerin zeigt auf neugeschaffene Überflutungsflächen, in die sich der Fluss nach starkem Regen ausdehnen kann. Viele Bewohner kämen in ihrer Freizeit in die Wiesenlandschaft, sagt sie. Großmaas sieht in dem Gebiet aber auch eine wichtige Kaltluftschneise, eine Art Klimaanlage für das Stadtzentrum.
Ein Fahrradweg durchzieht die wiederhergestellten Flussauen, er sieht eher ocker aus anstelle des gewohnten Asphaltgraus, und das ist Absicht. Großmaas hat eine Wärmekamera dabei. Der spezielle Bodenbelag heizt sich weniger auf, wenn die Sonne darauf scheint. 35 Grad Celsius Bodentemperatur hat er an diesem Sommermittag, 42 Grad der klassische Straßenbelag einige Meter weiter. Aber der ockerfarbene Belag ist teurer, nichts für jeden Weg, sagt Großmaas.

Den Klimawandel kann Hamm nicht aufhalten, auch Deutschland nicht, aber leben damit muss man am Rand des Ruhrgebietes und auch überall sonst in der Republik. Nach dem Krieg bis zum Jahr 1980 gab es in Hamm im Schnitt 25 Sommertage im Jahr; mittlerweile sind es deutlich mehr. In manchen Jahren gibt es mittlerweile dreimal so viele Tage, an denen es mindestens 25 Grad warm wird. Und es wird noch einige Grad wärmer werden, daran haben Fachleute keinen Zweifel.
In Hamm rechnen sie damit, dass die Durchschnittstemperatur der Luft bis zu vier Grad höher liegen könnte am Ende des Jahrhunderts. Großmaas soll vorausdenken in diese wärmere Welt. „Es wird viel schlimmer sein“, sagt sie in ihrem Büro im Technischen Rathaus, in das sie schon jetzt kalte Luft aus dem Keller pumpen, weil man dort sonst an einem Sommertag wie diesem nicht mehr vernünftig arbeiten könne.
Der Mensch ist fähig, sich an verschiedene klimatische Bedingungen anzupassen. Er kann in der Wüste leben und in der Arktis, da sollte das auch in Hamm weiter möglich sein. „Mein Ziel ist, dass die Stadt lebenswert bleibt trotz Klimawandel“, sagt Großmaas.
Nicht jeder Mensch kann sich an die Hitze anpassen
Das Problem ist, auch wenn das hart klingt: Nicht jeder Mensch ist fähig, in einem heißeren Hamm zu leben. Im Sommer denkt Großmaas an die älteren Menschen in den Seniorenheimen, denen wie überall in Deutschland oft die Klimaanlagen fehlen; an die alten Menschen in ihren Wohnungen, wo sie vergessen zu trinken. An die Schwangeren und an die Kleinkinder, die ihre Körpertemperatur noch nicht so gut regulieren können. Das Robert Koch-Institut schätzt, dass bis Anfang August 1600 Menschen in Deutschland hitzebedingt gestorben sind.
Diese Zahl schwankt von Jahr zu Jahr mit dem Wetter. Beeinflussen können sie aber auch Leute wie Wilma Großmaas. Hunderte Klimaanpassungsmanager gibt es mittlerweile im Land. Der Bund fördert ihre Anstellung, übernimmt für die ersten Jahre fast die gesamten Kosten.
„Manager“, das klingt nach der Macht, Dinge auch mal im Alleingang entscheiden zu können. Aber das ist nicht das, wovon Großmaas spricht, wenn sie von ihrer Arbeit berichtet. Sie muss sich absprechen mit dem Gesundheitsamt, mit dem Stadtplanungsamt, mit den Kollegen im Tiefbau- und Grünflächenamt. Allein könne sie nicht dafür sorgen, dass sich Hamm an die wärmeren Temperaturen anpasst, sagt Großmaas.
Tags zuvor habe sie mit Kollegen aus der Wirtschaftsförderung gesprochen, diese wollen ein klimaresilientes Gewerbegebiet erschließen. Aber nicht alle würden so weit denken. Dafür sei sie dann da, ruft an, fragt nach: Mit welchen Temperaturen plant ihr? Als sie mit dem Gedanken spielte, über der Fußgängerzone Düsen anbringen zu lassen, aus denen an heißen Tagen kühler Sprühnebel hätte fallen können, legte das Gesundheitsamt ein Veto ein: Legionellengefahr in der Wasserleitung.
Hamm will einen Hitzeaktionsplan beschließen
Die Richtung gibt ohnehin nicht die Verwaltung vor, sondern die Politik. Der Rat der Stadt Hamm soll noch in diesem Jahr einen Hitzeaktionsplan beschließen, Großmaas analysiert dafür die Ausgangslage: Wie ist die Bevölkerungsdichte in den verschiedenen Stadtteilen? Wo leben viele Menschen über 65, wo viele Kinder unter zehn Jahren? Eine Karte soll künftig kühle Orte in der Stadt verzeichnen, die öffentlich zugänglich sind. Großmaas hat die Einwohner aufgerufen, bei der Erstellung zu helfen, sie melden schattige Spielplätze, kühle Kirchen, Friedhöfe. Geht man die Eingaben durch, merkt man, dass die Menschen in Hamm nicht nur Hitze fürchten, sondern auch den Mangel an Toiletten im Kurpark.
Am Ende werde der Hitzeaktionsplan 60 bis 70 Seiten haben, schätzt Großmaas. Die Kühlkarte soll nur ein Ergebnis sein, sie will auch andere Maßnahmen skizzieren. Hamm brauche „mehr blaue und grüne Infrastruktur“. Also mehr Wasserflächen und mehr Begrünung. Auch Umbaumaßnahmen in der Stadt könnte sich Großmaas vorstellen – aber das könne schnell mal ein paar Millionen Euro kosten und sei vom Willen des Rats abhängig.
Großmaas’ Urteil jedenfalls beim Spaziergang rund um ihr Büro ist eindeutig. Die Innenstadt? „Hochversiegelt.“ Ein großer Parkplatz dort? „Eine Hitzeinsel.“ Autos sieht sie nicht nur als Fortbewegungsmittel, sondern als mobile Heizungen, die auch parkend noch lange Wärme abgeben. Aber wenn es nun mal keinen guten öffentlichen Nahverkehr gebe, müssten die Leute irgendwie ins Zentrum kommen.

Dieses Zentrum stuft der NRW-Klimaatlas an vielen Stellen als „Siedlung mit ungünstiger thermischer Situation“ ein. Bis es verlässliche eigene Daten gibt, arbeiten sie in der Verwaltung damit. Großmaas geht davon aus, dass die Gebiete bis zur Mitte des Jahrhunderts noch wärmer werden und dann in die heißeste Kategorie fallen, die es in diesem Atlas gibt. Dann wäre empfohlen, dort überhaupt keine Fläche mehr zu versiegeln, Fassaden und Dächer zu begrünen, wo möglich, Asphalt aufzubrechen und für mehr Pflanzen zu sorgen.
Das alles, sagt Großmaas, wäre schon jetzt sinnvoll. Aber eben auch: teuer. Wer günstigen Wohnraum will, der gönne sich kaum die Zusatzkosten für die Fassadenbegrünung. Dabei wäre es wichtig, jetzt schon im Städtebau so zu planen, als wäre die thermische Situation sehr ungünstig, findet Großmaas. Manchmal geschehe das auch, aber eben nicht immer.
Denn Klimaschutz und Anpassung sind keine Pflichtaufgabe für Kommunen. „Wir sollen was machen – aber sollen heißt eben nicht müssen“, sagt Großmaas, die dafür ist, die Anpassung zur Pflichtaufgabe zu machen. „Selbst wenn jemand nicht an den menschengemachten Klimawandel glaubt: Vor der Notwendigkeit der Anpassung kann man die Augen nicht verschließen, die Ereignisse werden kommen.“
Werden Klimaschutz und Anpassung zur Pflichtaufgabe?
Der Deutsche Städtetag will darüber diskutieren, ob Klimaschutz und Anpassung zur Pflichtaufgabe gemacht werden sollten. Dann müssten die Kommunen ran, und andere politische Ebenen müssten sie entsprechend mit Geld versorgen. Aus dem Bundesumweltministerium hieß es kürzlich, „langfristig“ müsse man die Verfassung ändern, damit Kommunen ausreichend Geld für die Anpassung an den Klimawandel bekommen können. Den Klimaschutz aber zu einer Pflichtaufgabe für die Kommunen zu machen, sei eine Frage, über die die Länder entscheiden müssten, sagt ein Sprecher des Ministeriums.
Bis dahin sieht es oft so aus: Der Bund fördert Stellen wie die von Wilma Großmaas. Es werden Konzepte geschrieben und Aktionspläne, und dann endet die Förderung damit, dass all dieses Papier in einer Schublade zur Ruhe kommt. Kommunen müssen sich Klimaschutz leisten wollen, und das, obwohl so viel anderes zu tun ist.
Großmaas, die sich auch in einem deutschlandweiten Netzwerk von Klimaanpassungsmanagern engagiert, kennt Fälle, in denen die Klimaanpassung wieder und wieder gegen andere Themen verliert. Oft sei gar nicht Widerwille das Problem, sondern Kurzsichtigkeit – und die Fähigkeit, das Extreme am neuen Wetter zu vergessen, sagt sie. „Es gibt Hochwasser- und Hitzeamnesie. Wenn so etwas nicht mehr akut ist, denken viele, dass sie sich damit nicht beschäftigen müssen.“

Was hat sie bisher erreicht? In der Innenstadt gibt es seit einem Jahr einen Trinkbrunnen mit kostenlosem Wasser. Als Großmaas ihn zeigen will, waschen sich dort gerade zwei Männer kalt das Gesicht ab. Ein paar Kilometer weiter, im Wald, gab es den nächsten Wassererfolg. Jahrelang hatte man dort Gräben angelegt, um Wasser abzuleiten, damit es nicht moorig wird. Aber jetzt will man „Schwammstädte“ mit Gebieten, die viel Wasser aufnehmen und halten können, wenn es heftig regnet. Also wurden die Gräben wieder zugebaggert. „Das hat vielleicht nicht den Rieseneffekt auf die gesamte Stadtgesellschaft, aber das ist dann schon mal ein kleines Erfolgserlebnis“, sagt Großmaas.
Sie würde Hamm gerne noch viel mehr zur „Schwammstadt“ machen; gerade bereitet sie den Beitritt zu einem Netzwerk vor, in dem es um diesen Gedanken geht. Das könnte Fördermittel bringen. Auf dem Bürgerfest der Stadt will sie einen Stand aufstellen, damit jeder sehen kann, was sie tut.
Anders als viele Kollegen in manchen anderen Kommunen kann Großmaas dabei auch persönlich lange vorausplanen. Der Stadt ist ihre Arbeit so wichtig, dass sie ihren Arbeitsvertrag entfristet hat. Und genug zu tun wird jede Klimaanpassungsmanagerin sowieso haben. Selbst wenn es der Weltgemeinschaft gelingt, in einigen Jahrzehnten klimaneutral zu werden: Bis die Temperaturen sinken, vergehen dann noch mal einige Jahre.
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