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#Kommentar zu Prof. Bhakdis Einlassungen – rupture de caténaire

Kommentar zu Prof. Bhakdis Einlassungen – rupture de caténaire

Achtung: Da dieser Artikel durch Suchmaschinen häufig gefunden wird und weiterhin Kommentare provoziert, habe ich einige Updates vorgenommen. Der ursprüngliche Artikel wurde von mir am 23. März 2020 veröffentlicht – in einiger Eile, so dass in den Kommentaren einige Präzisierungen vorgenommen werden mussten. Ggf. lohnt sich also die Lektüre der bisherigen Kommentare.

Der Artikel bezieht sich auf überzogene Behauptungen von Sucharit Bhakdi, Professor emeritus aus Mainz, welche er in einem Video (das ich ursprünglich nicht verlinken wollten, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit zu provozieren – was mittlerweile überflüssig ist) diverse rhetorische Stilmittel verwendet und Behauptungen aufgestellt hat, die mich störten. Inzwischen hat der Bayrische Rundfunk ein, wie ich finde, sehr gutes und faires Kommentar geschrieben — allerdings zu seinem offenen Brief an die Kanzlerin, den er im Nachgang zu dem erstgenannten Video veröffentlicht hat.

Auch Sucharit Bhakdi, Professor emeritus aus Mainz, kommentiert die Pandemie. Er reiht sich mit seinem Kommentar ein in diejenigen, die von von einem nun bekannten Lungenarzt zitiert werden (einschlägiges Kommentar gibt es nebenan) und bei ähnlich unseriösen Seiten (Beispiel, Beispiel). Seine Videos werde ich nicht direkt verlinken. Im Grunde hat Bettina Wurche nebenan bereits einschlägig und gut kommentiert.

Disclaimer: Mein Bisschen Wissen zu genetischer Epidemiologie und diagnostischer Statistik versetzen mich nicht in die Lage hier dieses Wissen zu versprühen. Warum ich Herrn Bhakdis Videos dennoch kommentiere, liegt an einer lange zurückliegenden Bekanntschaft. Während meiner Promotion haben wir zusammengearbeitet und ich habe ihn als freundlichen und kompetenten Biochemiker wahrgenommen. Durch ihn erhielt ich Material für eine Publikation. Mathematische Modellierung gleich welcher Art gehört nicht zu seiner Expertise.
Sein Hauptvideo (sein Kanal ist neu und enthält bis zum heutigen Morgen nur drei Videos) kommt als Pseudo-Interview daher. Eine Interviewerin fragt aus dem Off und er selber lenkt das “Interview”.  Es beginnt mit der Frage “Was sind Coronaviren?” Herr Bhakdi beschreibt allgemein Coronaviren und kommt dann auf den neuen Virus zu sprechen. Dann kommt er sogleichauf die “scheinbaren Todesraten”. Man dürfe nicht alle Todesursachen auf den Virus schieben.

Er fragt:

Was haben China und Italien gemeinsam? Die horrende Luftverschmutzung!

Dann folgt:

Das (an Maßnahmen) was beschlossen wurde ist eigentlich sinnlos.

Es gäbe drei Fragen (wovon nur eine herausgearbeitet wird):

Trifft dieses Virus nur Ältere nur Menschen mit Vorerkrankungen?

Herr Bhakdi beschreibt dann, dass (Stand des Videos) ca. 10.000 Leute erkrankt seien und das Infektion nicht gleich Krankheit sei. Schlußfolgerung zu dieser Zeit: eine Todesrate von einem Promille. Dann folgt die Behauptung, man wolle mit den Maßnahmen nur verhindern, dass die 30 Coronatoten in dem ersten Monat, die – aufgrund div. Ursachen – ohnehin Sterbenden ersetzen. Es wird hierbei linear extrapoliert.

Es folgt:

Was halten sie von den Maßnahmen?

Mit der Antwort — Achtung festhalten:

Ich finde sie grotesk. … Jeder Mensch hat das Recht sich zu bemühen nicht zu den 2200 (normalen Todesursachen) zu gehören, die jeden Tag uns verlassen. Er treibt Sport, besucht Veranstaltungen undsoweiter undsofort. Wir können davon ausgehen, dass diese Maßnahmen die Lebenserwartung (…) verkürzen.

Letztlich vergleicht er die Maßnahmen, die von demokratisch Repräsentanten beschlossen wurden und mit sehr viel Unwohlsein von unseren Repräsentanten verkünden werden mit “kollektivem Selbstmord“.

Mittlerweile gibt es zwei Nachtragsvideos:

Im Ersten geht er auf die Frage ein, ob denn das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch stünde und beruhigt mit dem Unterschied zwischen Infektion und Erkrankung. Selbstbeschreibung zum Video “Es wird erklärt worin der Fehler bei diesen Hochrechnungen liegt.” Tenor: 90 % der Infizierten keine Symptome entwickeln und folglich müsse man die Zahl der apparent Infizierten durch 10 teilen um zu sehen, dass die Erkrankten das Gesundheitssystem nicht zum Zusammenbruch bringen können.

Im Zweiten geht es um die Frage “Was ist mit Italien?” Auch hier stellt er wieder fest: Das Virus breite sich deshalb so schnell aus, weil es so harmlos ist. Die Coronatoten in Italien würden vielfach auf den Virus geschoben, während andere Ursachen nicht mehr berücksichtigt werden. Oder in seinem eigenen Untertitel zum Video:

Was viele nicht wissen: Italien und Spanien gehören zu den wenigen Ländern, die post mortem, also bei Verstorbenen, nachträglich testen, ob Corona Viren anwesend waren. Völlig unabhängig von der Todesursache führt allein die Tatsache, dass diese gefunden werden, automatisch zur Aufnahme in die Statistik der Corona-Toten. Das schafft grundsätzliche Probleme.

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Mein Kommentar:

Ich glaube Herr Bhakdi ist ernsthaft besorgt, Zitat: “Wenn wir so weitermachen dürfen wir unsere Lieben nicht mehr im Krankenhaus besuchen.”

Der Reihe nach:

  • Zur Modellbildung: Thilo hat nebenan schon das SEIR-Modell (Susceptible → Exposed → Infected → Removed) kurz per Video eingeführt. Ich finde es einfach zu verstehen — fast zu einfach, die Wirkung multimodaler Intervention lässt sich so nicht gut schätzen. Das ist eben Wissenschaft, wir kämpfen darum unsere Modelle zu verbessern. Wer mal mit den Zahlen spielen möchte: Der beste Onlinesimulator, der mir bislang untergekommen ist, findet sich hier — zeigt gerne in den Kommentaren an, wenn es noch bessere Simulatoren gibt. Überhaupt: Ich werde in den nächsten Tagen wenig Zeit haben. Wenn jemand mehr zur Simulation schreiben möchte (als Gast oder in einem Blog nebenan), wäre das großartig! Hier jedoch geht es im Wesentlichen um einen einfachen Fehler: Herr Bhakdi extrapoliert linear. Klar, die prozentualen Anteile, derjenigen die erkranken und derjenigen, die Hilfe benötigen, werden in etwa konstant bleiben. Das Problem aber ist: Das potentiell schnelle Wachstum der Zahl der Infizierten. Dadurch droht ohne staatliche Maßnahme eine Überlastung des Systems.
  • Dieses Virus ist neu, die Vergleichbarkeit mit anderen Coronaviren ist durchaus gegeben. Allerdings sollte sie wissenschaftlich seriös erfolgen. Einfach zu sagen: Coronaviren kennen wir und alle sind sie ähnlich, ist zu kurz gegriffen. Schon lange wissen wir, dass wenige Mutationen (manchmal eine Einzige) ausreichen können, um ein relativ harmloses Pathogen in ein höchst virulentes zu transformieren. Herrn Bhakdi als Experten für Mikrobiologie und Staphylococcus aureus sollte das Prinzip klar sein. Noch urteilt die Virologie nicht abschließend über die ausschlaggebende Veränderungen (diskutiert werden Mutationen in einem Schneideenzym oder/und veränderte Bindeeigenschaften an den ACE2-Rezeptor — um mehr zu sagen möchte ich selber erst Veröffentlichungen abwarten, lesen, drüber nachdenken …).
  • Die Sache mit der Luftverschmutzung ist ein Schuss ins Blaue ohne jegliche Evidenz. Egal welche Sorte Wissenschaftler jemand ist: Das gehört an den Stammtisch und dort widersprochen. So etwas sollte man nicht mit seinem Renommee verknüpfen. Aber ja: Wo die Luft richtig mies ist, kann das zu Lasten der Wiederstandfähigkeit gehen und Komplikationen verschärfen. Das gilt es — ähnlich der Frage nach den genauen Todesursachen, s. u. — zu klären. Es ändert nichts an der Tatsache, dass die Luftqualität keine primäre Ursache für Komplikationen durch SARS-CoV-2 sein kann, denn wir sehen ähnliche Krankheitsverläufe überall auf der Welt.

Überhaupt: ein Argument gewinnt nicht an Gewicht durch die Person, die es äußert. Häufige ScienceblogsleserInnen werden hier gähnen – sorry.

  • Die genaue Erfassung der Todesursachen ist epidemiologisch und medizinisch sehr interessant. Herr Bhakdi hat recht, wenn er sagt, dass hier (in der Presse — nicht unbedingt in der klinischen Praxis!) viel über einen Kamm geschoren wird. Allerdings: So wie es für die Konzeption neue Sicherheitsmaßnahmen und Behandlungen in der Vergangenheit interessant war bei Autounfällen zu ermitteln, was die genauen Verletzungsursachen und Verletzungen waren (und immer noch sind), so ist auch hier, bei der SARS-CoV-2-Pandemie die Differenzierung der Vorerkrankungen, ihrer Auswirkungen, die geographische Stratifikation usw. usw. interessant und wichtig — und zugleich ziemlich irrelevant für das medizinische Personal, dass sich mit akuter Pneumonie befasst.  Und sicher ist eine Stratifikation auch ein wenig überfordernd für eine deskriptive Übersichtsstatistik wie wir sie z. Zt. in allen Zeitungen und anderswo zu sehen bekommen.

In diesem Sinne gönne ich Herrn Bhakdi seinen Ruhestand. Er muss sich darin nicht mit epidemiologischer Statistik befassen. Doch er und andere Experten sollten grundsätzlich kritisch überprüfen wo die eigene Expertise endet. Vielleicht vor der Veröffentlichung der eigenen Gedanken mal einen ehemaligen Kollegen anrufen?

Und bitte: einer der am häufigsten zitierten Medizinforscher Deutschlands ist — egal ob zutreffend oder nicht — bestimmt kein Kriterium für das Gewicht eines einzelnen Argumentes.

Wichtig ist: Die Politik muss zu unserem Schutz jetzt handeln und sie tut es! Das kann und darf man kritisieren. Es passiert ja auch … edit: Dabei bitte Augenmaß walten lassen – unsere Politik steht z. Zt. unter gewaltigem Druck.

Update (27: März): Hier ein lesenswerter Artikel von Alexander Kekulé. Er behandelt den Weg aus den Lockdown und viele Hintergründe zu Fragen, die im Thread diskutiert wurden.

Update (1. April): Inzwischen gibt es einen offenen Brief an die Kanzlerin von Herrn Bhakdi:

Alternativ als PDF.

Das Video und der Brief sind sachlich, ich nehme ihm seine Sorge ab. Insgesamt verweise ich eher darauf, dass es an der Zeit ist über bessere Schätzungen nachzudenken. Dort stehen auch Links auf Interviews mit Herrn Antes und Herrn Grigerenzer, die vielleicht bei der Einordnung helfen können.

Mittlerweile, Stand 29. April 2020, gibt es zwei weitere Interview-Videos mit Herrn Bhakdi:

  • Einmal ein Interview von Ken Jebsen (Link zum Video). Herr Jebsen ist in der Vergangenheit schon als Liebhaber von Verschwörungstheorien aufgefallen (vgl. Link zu Herrn Jebsen). Herr Bhakdi schreibt als Kommentar zum Video (siehe dort):

    In einer Demokratie erfüllen Medien eine grundlegende Funktion: Sie sollen durch kritische Berichterstattung und offene Diskussion zur Meinungsbildung und Information beitragen. In diesen Zeiten, in denen nur noch einseitig berichtet wird und öffentlich-rechtliche Sender wie das ZDF zur Plattform für Fehlinformationen und Halbwahrheiten geworden sind, sollten wir dankbar sein, dass es noch Journalisten gibt, die nicht dem „Systemjournalismus“ zum Opfer gefallen sind. Ken Jebsen von KenFM führt hier ein Gespräch mit Prof. Dr. Sucharit Bhakdi, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, zu COVID-19.

    Uff, also “In diesen Zeiten, in denen nur noch einseitig berichtet wird und öffentlich-rechtliche Sender wie das ZDF zur Plattform für Fehlinformationen und Halbwahrheiten geworden sind” ist ein starkes Stück. Wie auch immer, er wiederholt seine Thesen, erklärt über weite Strecken sehr gut und korrekt. In ~15:00 fängt er an und sagt dann “das ist ein Volk, das glaubt einfach Alles ohne zu hinterfragen”. Also, DAS ist definitiv falsch – Zeugnis darüber legen die jubelnden Kommentare unter seinen Videos ebenso ab, wie der Kommentarstrang unter diesem Beitrag und viele, viele andere Diskussionen zur Zeit. Auch hier bläßt er in das Horn der Verschwörungstheoretiker. Mir gefällt das nicht – es ist aber kein Grund ihn darüber hinaus zu kritisieren. Die folgende Medienschelte ist auch extrem. Ich überlasse den LeserInnen / ZuschauerInnen das Urteil … In ~18:40 sagt er “… wenn man Maßnahmen getroffen hat, die eigentlich potentiell verfassungswidrig sind, weil die Grundrechte der Menschen genommen werden, dann muss es verdammt gut begründet sein!” Wer wollte da widersprechen? (Erläuterungen zum rechlichen Hintergrund gibt u. a. neben an (hier und hier)). Ebensowenig kann ich seine folgende Behauptung der Unterdrückung kritischer wissenschaftlicher Stimmen nachvollziehen. So richtig interessant wird es nach 32:30 (nach weiteren richtigen und einigen gewagten Aussagen): “In Deutschland ist die Epedemie schon … länger am Abnehmen.” Ja, schon, kann man so sehen, aber … liegt das nicht an den Maßnahmen, die eingeführt wurden, um – angesichts eines unbekannten Erregers – eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden? Herr Bhakdi kann recht behalten mit der Behauptung, dass diese Masse von Erkrankten (mit einem Teil von schwer Erkrankten) nie auftreten werden. Wollen wir es hoffen! Und mit der Bemerkung, dass einige von uns leiden “wie die Hunde” hat er, wie ich fürchte, ebenfalls recht (nach 40:50).

  • Das zweite Interview wurde von Milena Preradovic durchgeführt (Link zum Video) Titel: “Punkt.PRERADOVIC mit Prof. Dr. Sucharit Bhakdi – Impfung gegen Covid-19 sinnlos”

In vielen Dingen kann ich Herrn Bhakdi recht geben, in manchen zustimmen. Über zu vielen jedoch liegt der Unterton des “wir werden unterdrückt” – angefeuert durch Herrn Jebsen. Ja, die Stimmung im Land ist mies. Ja, viele von uns leiden – penkuniär, körperlich, seelisch. Ja, das muss der ständigen Beobachtung unterliegen. Nur: Wissenschaftliche Stimmen werden gehört, inkl. des Für und Wieder. Politischen Streit gibt es auch. Und das ist gut so! Auch hier kann und darf jeder schreiben was gerade zum Thema einfällt – mit der einzigen Ausnahme von Hasskommentaren, ähnlichen Dingen und eben Derailing. Nach wie vor denke ich, Herr Bhakdi ist ehrlich und aufrichtig besorgt. Auch mit mancher Schlußfolgerung mag er recht behalten. Das ich Zweifel hege, mag ich eigentlich nicht weiter betonen …

Also: Bitte informieren Sie Sich bevor Sie Schlussfolgerungen ziehen. Wenn Sie Schlussfolgerungen gezogen haben, die Sie wütend oder fassungslos zurücklassen, schauen Sie nach, ob es auch gegenteilige Information gibt. Wichten Sie die Information: Was ist plausibeler? Was appelliert weniger an Emotionen? Ist die Information seriös oder versuchen die Quellen ihre Seriosität zu untermauern? Ist meine Schlußfolgerung überhaupt gravierend? Was wäre, wenn die andere Seite recht hat? Vor allem: Wie groß ist der Unterschied zwischen den verschiedenen Seiten? Rechtfertigt dies einen schweren Streit? Eine Demonstration? Oder “nur” eine schöne und respektvolle Diskussion?

Wer noch kommentiere möchte, hier geht es weiter.

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