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Warum ist die deutsche Fußballnationalmannschaft im Sommer 2014 in Südamerika Weltmeister geworden? In der Heimat wird seither hartnäckig darauf hingewiesen, dass das auch daran gelegen habe, dass Joachim Löw, der Mann der freien Künste, damals akzeptiert habe, dass seine Spieler sich in der schwülen Hitze auch mal der praktischen Kunst hingeben müssen.
Dass der Bundestrainer auf Drängen seines Assistenten Hansi Flick das schöne Spiel um weniger schöne Elemente habe erweitern lassen, die in der deutschen Fußballsprache unter einem wirklich hässlichen Namen bekannt sind: Standardsituationen.
So gesehen könnte man nun einen Hoffnungsschimmer darin erkennen, dass die deutsche Mannschaft, die in Nord- und Mittelamerika Weltmeister werden will, sowohl das Qualifikationsspiel gegen Luxemburg (4:0) als auch das in Nordirland (1:0) mit solchen Standardsituationen entschieden hat. Am Montagabend war es ein Eckstoß von David Raum, der mit einem ungewollten Schulterstoß von Nick Woltemade („Wir arbeiten schon sehr viel an Standards“) vollendet wurde. Darum sorgen, dass diese Mannschaft in Schönheit stirbt, muss man sich gerade gewiss nicht.
Mit Standardsituationen alleine kann sie den nötigen Standard aber eben nicht erreichen. Es mag unter dem Bundestrainer Julian Nagelsmann einige Probleme geben, ein Henne-Ei-Problem gibt es weiterhin nicht. Wenn am Ende der nächste deutsche WM-Titel herauskommen soll, sind es nicht die Eck-, Frei- und Strafstöße, die zuerst da sein müssen, sondern das Pass- und Positionsspiel, das Pressing und Gegenpressing, die Details, die das Spiel einer Mannschaft schön machen. Und so muss man einsehen, dass die sogenannten ruhenden Bälle dem Trainer und seinem Team nach der unschönen Niederlage im September vor allem eines verschafft haben: etwas Ruhe.
„Es war viel Zufallsprodukt“
Vom schönen Spiel war die Nationalmannschaft nämlich noch so weit entfernt wie Lothar Matthäus von einem Männerurlaub mit Uli Hoeneß. Es war dann aber dieser Matthäus, der dem Bundestrainer in Belfast in seiner Rolle als RTL-Analyst eine gute Empfehlung gegeben hat. Das Wichtigste, sagte Matthäus, sei, dass Julian Nagelsmann jetzt acht, neun Spieler suche, denen er das Vertrauen schenke. Damit diese die Details finden können.
„Es war viel Zufallsprodukt“, sagte Nagelsmann selbst zum Spiel in Nordirland. Man muss es aber nicht für einen Zufall halten, dass seine Mannschaft in den Spielen die Pole Position in der WM-Qualifikation zurückerobert hat, in denen er das erste Mal in diesem Jahr zweimal nacheinander dieselbe Startelf ausgewählt hat. Und auch wenn es ein großes Aber bleibt, dass die Gegner nur Luxemburg und Nordirland waren, meinte man im Kleinen schon zu sehen, welchen Wert es hat, wenn ein Spieler weiß, welcher Spieler sich wie neben ihm bewegt.
Als er später auf die möglichen neuen Säulen seiner Mannschaft angesprochen wurde, hat Nagelsmann darauf hingewiesen, dass er, wenn er auf diese Säulen gesetzt hätte, ein Problem gehabt hätte, weil von diesen Säulen viele in den vergangenen Monaten nicht da gewesen wären. Ein bisschen was ist sicher dran an dem Bild des Bundestrainers als Jenga-Spieler, der auch deswegen keinen stabilen Turm bauen konnte, weil er dann an kritischen Stellen wieder ein Klötzchen wegziehen musste. Etwa die verletzten Offensivspieler Jamal Musiala und Kai Havertz, die Nagelsmann am Montag mit Blick auf die wenigen herausgespielten Torchancen explizit erwähnte und über die er sagte: „Die brauchen wir schon.“
Im November, wenn sich die Nationalelf mit Siegen gegen Luxemburg und die Slowakei direkt für die WM qualifizieren kann, werden sie noch nicht so weit sein. Aber vielleicht ist es eine echte Chance, dass der Bundestrainer bis dahin weiter auf der neuen Startelf aufbauen – und Havertz und Musiala dann im WM-Jahr in ein Gebilde einbauen kann, das nicht sofort wieder einsturzgefährdet ist.
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