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#Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser

„Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“

Vergeblich hat man versucht, das normale Verhalten der Wissenschaftler untereinander mit Begriffen wie Kritik oder Skeptizismus zu beschreiben. In Wirklichkeit ist es eher durch eine Art von Vertrauen geprägt, das die Vertrauenden auch im Enttäuschungsfalle nicht persönlich verantworten müssen. Dass der akademische Titel eines unbekannten Kollegen durch eigene Leistungen verdient wurde oder dass er in seinen Aufsätzen über wirkliche Forschung berichtet, wird völlig unkritisch angenommen.

Und erweisen sich diese Annahmen einmal als unzutreffend, so trifft der Vorwurf nicht etwa jene, die ihnen ohne eigene Prüfoperationen vertraut hatten, sondern nur den Betrüger selbst sowie diejenigen, die in Sonderrollen für erlaubtes Misstrauen mit ihm zu tun hatten: die Betreuer seiner Abschlussarbeit; die Gutachter der Fachzeitschrift, die Untersuchungskommission, die ihn in einem früheren Fall von ähnlichen Vorwürfen freisprach. Misstrauen und Kritik werden also an wenigen Stellen im System konzentriert, um alle anderen davon zu entlasten. Nur so kann das Vertrauen in Forschung über den kleinen Kreis der Peers, also der jeweils urteilsfähigen Spezialisten, hinausreichen.

Wird einem Wissenschaftler Betrug nachgesagt, dann ist er also nicht der Einzige, dessen Ansehen auf dem Spiel steht, auch der gute Ruf der Prüfstellen ist in Gefahr. Von dieser Überlegung ausgehend, hat ein niederländisch-norwegisches Forscherteam untersucht, wie sich die betroffenen Universitäten verhalten, wenn einer ihrer Wissenschaftler oder einer ihrer Absolventen zum Gegenstand von Betrugsvorwürfen wird. Vier Fälle ungleicher Schwere, zwei aus jedem Land, wurden ausgewählt und mittels einer Mischung aus Interview- und Dokumentenanalyse rekonstruiert.

An Betrugsfällen sind die Betrüger schuld. Wer denn sonst?

Zunächst scheinen die Fälle einfach nur inhomogen: Ein niederländischer Vielschreiber wird anonym denunziert, einen erheblichen Teil seiner mehr als zweitausend Aufsätze im Wege des Selbstplagiats erzeugt zu haben. Einer promovierten Betriebswirtin aus Rotterdam wird nachgewiesen, sich für ihre dürftige Qualifikationsschrift bei anderen Doktoranden ihres Betreuers bedient zu haben, ohne dass dieser die Abschriften bemerkt haben will. Von einem norwegischen Medienstar der klinischen Forschung stellt sich heraus, dass er die Patientendaten zu mehr als einem Drittel seiner Publikationen gefälscht oder erfunden hat.

In einem vierten Fall, gleichfalls aus Norwegen, bietet man dem von einer ersten Kommission für schuldig erachteten Plagiator den Erhalt seiner Position gegen die Zusage völliger Diskretion an; er aber zieht es vor, zu kündigen und seinen Fall auch der nationalen Prüfstelle vorzulegen, die sein Verhalten vertretbar findet. Auch in den Fällen des Vielschreibers und der Betriebswirtin halten sich die Konsequenzen für die mutmaßlichen Betrüger in Grenzen, nur dem Kliniker nimmt man unter lebhafter Anteilnahme der Massenmedien alles auf einmal.

Die Autoren heben hervor, dass es zum Thema des wissenschaftlichen Betrugs zwar nationale Prüfstellen, aber keine feste Rechtsprechung gibt, und dass es daher relativ normal ist, dass die lokalen und die nationalen Untersuchungsausschüsse zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Dieser Dissens unter ihren Ratgebern emanzipiert die Hochschulleitung von der Bindung an sie. Ihr abschließendes Urteil in der Sache kann hart oder milde ausfallen, wenn es für beides seriöse Empfehlungen gibt.

Das dominierende Interesse der Rektoren besteht in Schadensbegrenzung für die eigene Organisation. Groß ist die Furcht, die negative Berichterstattung über den Fall könne ihr Ansehen lädieren. Das spiegelt sich in der bevorzugten Enttäuschungserklärung. Die Gründe für das Unheil werden so weit wie möglich der individuellen Person des Betrügers zugerechnet, alle soziologisch naheliegenden Fragen nach strukturellen Rahmenbedingungen würde man am liebsten vermeiden.

Gleichwohl kann man auf die Ankündigung eines Strukturwandels in Gestalt verschärfter Kontrollen nicht verzichten, solange die Frage nach der Mitschuld der Organisation nicht verstummt, der man vorwirft, jahrelang viel zu unkritisch vertraut zu haben. Also gelobt sie, in Zukunft noch argwöhnischer zu sein. Die Spannung zwischen individueller und institutioneller Zurechnung wird nach Einschätzung der Befragten dadurch gelöst, dass es bei der Ankündigung verschärfter Kontrollen bleibt. Die Waffen gegen den Wissenschaftsbetrug werden vorgezeigt, aber nicht eingesetzt. Das eine dient zur Beruhigung der Öffentlichkeit, das andere soll verhindern, dass die vertrauensvolle Zusammenarbeit leidet.

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