#Koreanische Welle im Fußballstadion

„Koreanische Welle im Fußballstadion“

„Aus dem Hintergrund müsste Kostic schießen…er zieht ab…und TOR, TOR, TOR….“ Ohrenbetäubendes Geschrei hebt an, das kilometerweit zu hören sein dürfte. Allerdings ist es erst später Samstagnachmittag und im Frankfurter Waldstadion, dem Deutsche Bank Park, übt nicht etwa die Vereinigung aller Eintracht-Fanclubs Jubelgesänge für das am Mittwoch anstehende Finale der Europa League; die entzückten, entrückten Schreie aus 44.000 Kehlen gelten Stars abseits des Fußballs und durch das Rund des Stadions wogt nicht La Ola, sondern Hallyu, wie das Phänomen der „koreanischen Welle“ genannt wird. Südkoreanische Streamingserien wie „Squid Game“, Kosmetik, Mode und Gastronomie und vor allem die Popmusik aus Seoul haben die Welt erobert und die Hegemonie der bisher vom angloamerikanischen Westen geprägten Popkultur aufgeweicht, wenn nicht sogar gebrochen.

Dieser Trend ist nun auch in Europa angekommen und findet seinen Ausdruck nicht zuletzt im ersten, nur dem K-Pop gewidmeten Großfestival, das am Samstag und am Sonntag unter dem Namen KPOP.FLEX in der Frankfurter Fußballarena gefeiert wird. In kurzer Zeit ausverkauft, lockt es Fans aus ganz Europa, was sich nicht zuletzt am bunten Sprachengewirr auf dem Weg zum Stadion und in der Arena selbst zeigt: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Türkisch, Niederländisch, Schwedisch sind zu vernehmen, selbstverständlich auch Koreanisch, gibt es doch eine große koreanische Community im Rhein-Main-Gebiet.

Die ist allerdings gar nicht einmal die Zielgruppe beim vor dem Stadion abgehaltenen „Korea Festival“, das sich als Fan-Fest versteht, bei dem sich Fan-Gruppen mit Tanzeinlagen und in ihren teils einfallsreichen, teils skurrilen, teils auch abstrusen Kostümen und offizielle koreanische Institutionen wie das Fischereiministerium mit gastronomischen Produkten präsentieren, die über das auch in Deutschland immer populärer werdende Kimchi hinausgehen und durchaus Anklang finden, wenngleich viele Fans auf dem Gelände doch lieber auf die bewährte Bratwurst oder einen Burger vertrauen.

Wie im Fernsehen

Die sind auch schneller hinuntergeschlungen und mit einer Hand zu halten, muss doch stets das Smartphone im Anschlag sein, um unmittelbar auf das Geschehen auf der Bühne oder vielmehr auf den verschiedenen Videoleinwänden zu reagieren, denen eine wichtige Rolle bei dem Spektakel zukommt. Die Dramaturgie der Show selbst ist an jene von großen Unterhaltungssendungen im Fernsehen und nicht an jener von (Rock-)Musikfestivals orientiert. Sie folgt den Schauwerten der ungemein aufwendig produzierten Videos, mit denen K-Pop-Gruppen wie BTS oder Blackpink die westliche Popwelt erobert haben. Vor den Auftritten der Gruppen selbst gibt es eine Modenschau Tanzeinlagen von Hip-Hop- und Street Dance-Crews, die nichts weniger als zirkusreif sind und mit kollektivem Geschrei belohnt werden, gegen das selbst die historischen Aufnahmen der Beatlemania oder die Ekstase um die Boy Groups der Achtziger- und Neunzigerjahre nachrangig wirken.

Beim Korea Festival vor dem Stadium zeigen Fans ihr Können.





Bilderstrecke



KPOP.FLEX in Frankfurt
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Erstes K-Pop-Festival in Deutschland

Dass die Ekstase aber noch steigerbar ist, wird von dem Moment an ohrenkundig als die ersten Gesichter der an dem Abend auftretenden Gruppen auf den Leinwänden zu sehen sind. Namen wie Jake oder Ni-ki oder Sunghoon mögen vielen Menschen nichts sagen, doch ihren Fans, die über verschiedene Kanäle der sozialen Medien täglich über ihre Idole informiert werden, bedeuten sie alles. Als Enhypen, wie die Band heißt, der die Genannten angehören, dann leibhaftig die Bühne betritt, kennt der Jubel kaum noch Grenzen, wobei sich der Enthusiasmus des Publikums auf Freudensprünge und Schreie des Glücks beschränkt. Vornehmlich weiblich, vornehmlich im Schülerinnenalter, manchmal in Begleitung der Eltern, strahlt das Publikum eine geradezu friedfertige Haltung aus. Kein Geschubse, kaum angetrunkene Stolperer, nur hie und mal Sanitäter, die nach einem erschöpften Fan schauen.

Von herkömmlichen Festivals unterscheidet sich KPOP.FLEX auch dadurch, dass die Musik gar nicht einmal die Hauptrolle spielt. Die gibt es natürlich auch zu hören, meist im Playback und von den Fans auch mitgesungen, doch könnten die meist im Bereich Urban Pop zu verortenden, äußerst professionell produzierten Stücke von überall kommen, so universal sind sie mit R&B-Rhythmen, Hip-Hop-Elementen und Autotune-Gesang angelegt.

Wichtiger ist aber die Inszenierung, sowohl bei den männlichen Gruppen wie Enhypen und NCT Dream oder den weiblichen Formationen wie Mamamoo. Die zeigen für ein oder zwei Songs ihre gekonnten Choreographien, die mittlerweile in Tanzschulen nachgetanzt werden und nutzen ansonsten einen langen, weit von der Bühne in die Arena ragenden Laufsteg, um sich dem Publikum aus der Nähe zu präsentieren, vorgefertigte, in ein mitunter drolliges Englisch übersetzte Nettigkeiten von Karten abzulesen und dann gleich wieder das Publikum zum Kreischen zu animieren. Fast wie im Fußball. Das nächste KPOP-FLEX ist schon terminiert. Am 17. und 18. Juni 2023 sind die Stimmbänder wieder gefordert.

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