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„Mein Magen frisst sich selbst auf“, schreibt Bryan Johnson auf der Plattform X, „ich werde versuchen, das zu lösen.“ Der 48 Jahre alte Techunternehmer ist das prominenteste Gesicht der Longevity-Bewegung. Bei ihm wurde, wie er nun öffentlich machte, eine Autoimmungastritis diagnostiziert, eine chronische und nach heutigem Stand unheilbare Erkrankung. Dabei gibt Johnson rund zwei Millionen Dollar im Jahr aus, um seinen Körper vor dem Altern zu bewahren. Er schluckt täglich Dutzende Pillen, ernährt sich fast ausschließlich pflanzlich, rührt keinen Alkohol an, trainiert nach festem Plan und nimmt sein Abendessen um elf Uhr vormittags ein.
Ein Ärzteteam überwacht Hunderte seiner Biomarker, er ließ sich Blutplasma seines Sohnes übertragen, protokolliert nächtliche Erektionen als Vitalzeichen und mied jahrelang das Reisen, eine Zumutung für den Organismus, wie er findet. Bis 2039 will er die Unsterblichkeit erreichen.
Der Körper bleibt nicht vollständig vermessbar
Ausgerechnet in diesem restlos ausgeleuchteten Körper konnte eine unheilbare Krankheit heranwachsen. Eine Autoimmungastritis fragt weder nach Ernährungsplänen noch nach Trainingsdisziplin, Johnsons Askese bleibt von der Diagnose also unberührt. Getroffen ist der Kern seines Unternehmens: das Versprechen, ein vollständig vermessener Körper kenne keine Überraschungen mehr. Johnson hat sich zur lesbaren Maschine erklärt, und nun meldet diese Maschine ein Leiden, das sämtliche Messungen jahrelang unterlief.
Aus derselben Illusion ist längst eine Milliardenindustrie gewachsen. Sie verkauft Bluttests im Abonnement, Ganzkörper-MRTs für die gesunde Angst zwischendurch, Schlaf-Ringe, kontinuierliche Glukosemesser und Regale voller Kapseln. Der Kunde protokolliert sich rund um die Uhr und verwaltet seinen Schlaf wie ein Portfolio. Was er mit jedem Abonnement kauft, ist dasselbe Produkt, dem auch Johnson vertraute, das Versprechen, ein gemessener Körper könne nicht mehr überraschen. Selbst Menschen, die kaum die Mitte ihres Lebens erreicht haben, sorgen sich neuerdings mehr um die Verlängerung ihres Lebens als um dessen Genuss.
Gewiss lebt es sich mit guter Ernährung und Bewegung meist länger und besser als mit viel Zucker, viel Alkohol und einer Schachtel Zigaretten am Tag. Zwischen Longevity-Askese und Ekstase liegt aber etwas, das gemeinhin Leben heißt. Dazu gehören das Glas Wein mit Freunden, das Sonnenbad in der Mittagshitze, die durchwachte Nacht, weil das Gespräch zu gut ist, um es zu beenden. Die kompromisslosen Anhänger der Longevity tauschen all das gegen ein paar statistische Jahre am Lebensende, und Johnsons Diagnose führt vor, auf welch wackligem Grund diese Rechnung steht.
Denn wer sein Abendessen auf elf Uhr vormittags legt, hat den Abend bereits gestrichen, lange bevor der Tod ihn dazu zwingt. Benjamin von Stuckrad-Barre hat die entscheidende Frage an die Lebensverlängerer auf ein einziges Wort gebracht: „Wozu?“
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