
Der Dezember 2025 dürfte mit Sicherheit nicht zu den ruhigsten Monaten gehören, den Mozilla in seiner jüngeren Geschichte zu verbuchen hat. Nachdem Anthony Enzor-DeMeo zum neuen CEO der Mozilla Corporation ernannt wurde und seine Pläne für die weitere Entwicklung, die selbstredend auch Firefox als Kernprodukt einschließen, umrissen hatte, war das halbe Internet gefühlt wieder in Aufruhr. Firefox sollte mit KI gerettet werden und Mozilla befindet sich verzweifelt am Rande der Bedeutungslosigkeit.
Dass sich Mozilla in den kommenden Jahren stärker verändern wird, ist kein Geheimnis. Diese Notwendigkeit hat auch der Leadership Council um Mark Surman in diesem Jahr immer wieder betont. Trotzdem möchte ich mit diesem Beitrag mal wieder auf eine sachlichere Ebene zurückkehren und mit euch gemeinsam darauf blicken, was Mozilla in den kommenden drei Jahren tatsächlich plant und wie es sich auf die Endnutzer auswirken dürfte.
Drei Säulen
Die wesentlichen Punkte wurden in der neuen Portfolio Strategy für die Jahre 2026 bis 2028 festgeschrieben und sehen diese Veränderungen in drei konkreten Bereichen vor.
- Rund um Firefox und Thunderbird soll neben einer schnelleren Modernisierung auch die Entwicklung neuer Abomodelle für private und kommerzielle Kunden vorangetrieben werden. Unter den Labels Firefox.ai und Thunder.ai wird das um KI-basierte Neuerungen ergänzt, wobei Partnerschaften, Übernahmen und Zusammenschlüsse als Optionen genannt werden.
- Die eigene Rolle in einer dezentralen Infrastruktur soll stärker und Mozilla.ai sowohl als Trusted Data Hub sowie als Anbieter für dezentrales KI-Training und angeschlossenen Elementen etabliert werden, wobei auch der hauseigene Investor Mozilla Ventures eingebunden wird.
- Die Mozilla Foundation stellt sich im Sinne der Public Interest AI neu auf und setzt neben Common Voice auf eine Neuaufstellung des MozFests sowie die Gründung der Mozilla Education Network.
Nachdem das geklärt ist, müssen wir uns mal anschauen, was das im Einzelnen tatsächlich für konkrete Folgen haben wird.
Firefox und Thunderbird
Tatsächlich ist bei Firefox und Thunderbird weit weniger Neues dabei, als die jüngste Aufregung im Netz zunächst vermuten lassen. Betrachtet man die Abomodelle einmal isoliert, arbeitet die MZLA Technologies Corporation für Thunderbird mit Thunderbird Pro schon länger an einem Abomodell, was einen Maildienst, einen Filesharing-Dienst und mehr umfassen wird. Die Mozilla Corporation hatte ihr Portfolio dafür zuletzt aufgeräumt. Pocket und Monitor Plus sind verschwunden, dafür gesellen sich zu Mozilla VPN und Firefox Relay mit Solo Pro und einem Supportangebot von Firefox für Enterprise-Nutzer demnächst neue Modelle dazu.
Ähnlich ist es im KI-Bereich. Für Thunderbird wird mit Assist ein eigener KI-Assistent entwickelt, während bei Firefox seit jeher deutlich mehr passiert. Größere Aufregung hatte hier zuletzt mit TABS eine neue Schnittstelle für KI-Agenten verursacht, aber insgesamt tariert Mozilla es bei ihrem Browser eher fein aus. Bestimmte Elemente wie der KI-Assistent Orbit oder die Integration von Fakespot sind verschwunden, dafür sind die AI Chatbots in der neuen Seitenleiste, die Smart Blocker beim Trackingschutz und die Übersetzungen von Firefox Translations ohne großes Aufsehen als lokale KI-Funktionen weiterhin verfügbar.
Kurzum: Einerseits habt ihr die ganze Zeit schon offen mit Künstlicher Intelligenz zu tun und bekommt zusätzlich einen Killswitch, um sie auf einen Schlag dauerhaft zu deaktivieren. Obendrein wurden und werden die KI-Funktionen vollständig nach europäischen Standards und mit europäischen Partnern entwickelt. Firefox Translations war als Project Bergamot eine Kooperation mit Universitäten aus Großbritannien, Tschechien und Estland, während man bei Firefox für weitere Verbesserungen mit deutschen Unternehmen wie Flower Labs aus Hamburg zusammenarbeitet.
Infrastruktur
Auch dieser Punkt ist nicht neu und bezieht sich vor allem auf Projekte, die bereits existieren. Die Rolle als Trusted Data Hub dürfte vor allem auf die neue Plattform Mozilla Data Collective zukommen. worüber auch Common Voice künftig exklusiv vertrieben wird. Für die Infrastruktur arbeitet man bei Mozilla.ai nicht zuletzt an der neuen Agent Platform, die ebenfalls zur Einnahmequelle werden soll und von offenen Projekten wie Lumigator und Blueprints flankiert wird.
Das Thema Infrastruktur an sich ist für Mozilla auch nicht neu, die früheren Projekte wurden aber mittlerweile an gemeinnützige Organisationen oder die Community ausgelagert. Typische Beispiele sind die Programmiersprache Rust, die XR-Plattform Mozilla Hubs oder der im Smart Home ansässige WebThings Gateway.
Fehlende Transparenz? Eher nicht…
Während sich Enzor-DeMeo in seinem Blogpost auch schon viel zur notwendigen Transparenz bei KI äußert, tingeln die Verantwortlichen von Mozilla in diesem Jahr auch sonst schon wie die Weltmeister umher und kommunizieren sehr klar, in welche Richtung sie gehen wollen. Als kleines Beispiel war mit Bobby Holley erst kürzlich der CTO von Firefox bei Techlore Talks zu Gast und hat sich insgesamt zur aktuellen Situation geäußert.
Gleiches sieht man auf ihren eigenen Kanälen. Was bei Thunderbird die Formate „Community Office Hours“ und „State of the Thunder“ sind, macht die Mozilla Corporation mit dem Podcast „Outside the Fox“, Beiträgen auf Mozilla Developer oder ihrem eigenen Streamingdienst Air Mozilla. Genauso gibt es einzelne Firefox-Entwickler wie Mike Conley, die ihre Shows auf Air Mozilla, YouTube und/oder Twitch streamen und hier auch Fragen beantworten, die man entweder in der Vorwoche über Formulare oder direkt via Element stellen kann.
Hinter verschlossenen Türen passiert hier also nichts. Das bedeutet nicht, dass Kritik an Mozilla nicht mehr als berechtigt wäre. Die Abhängigkeit von Google ist ebenso zu groß wie der Wasserkopf bei den Gehältern der oberen Führungsebenen. Manche Aktionen wie Looking Glass vor einigen Jahren waren grobe Schnitzer und auch bei Thunderbird läuft gerade beim neuen Rapid Release nicht alles rund, weswegen Betterbird hier als Projekt durchaus ebenso seine Berechtigung hat wie Waterfox als europäisches Firefox-Derivat, was bei der geopolitischen Situation ggf. wichtig werden könnte.
Von Ehrlichkeit und Soft Power
Möchte man die Gesamtsituation richtig beurteilen, muss man sich aber auch ehrlich machen und einige Punkte in den richtigen Kontext bringen.
- Dass die kommerziellen Töchter der Mozilla Foundation mittelfristig auf Abomodelle zur stärkeren Refinanzierung setzen wollten, ist schon lange bekannt, und gerade Firefox und Thunderbird machen hier genau den Job, wofür sie entwickelt werden. Das sind keine gemeinnützigen Projekte, sondern kommerzielle Produkte der kommerziellen Töchter der gemeinnützigen Stiftung. Trotzdem stellen sie den Nutzer deutlich stärker in den Mittelpunkt, weil sie aufgrund fehlender Shareholder in der Gesamtstruktur nicht ihre Gewinne auf Gedeih und Verderb maximieren müssen, sondern andere Kriterien einfließen können.
- Den Fokus nicht auf Künstliche Intelligenz zu legen, wäre ein grober Wettbewerbsnachteil. Betrachtet man Open Source insgesamt, reiht sich Mozilla ohnehin nur in eine Welle anderer Unternehmen wie LanguageTool, Brave, OnlyOffice oder Red Hat ein, die teilweise noch stärker auf KI-Integration setzen. Innerhalb der Browser und Mailclients ist es noch drastischer. Thunderbird muss sich mit Konkurrenten wie Outlook messen, Firefox hat mit Brave sogar einen direkten OSS-Gegner, der voll auf einen KI-Modus setzt.
- Was die notwendige Soft Power betrifft, die gegenüber den Techgiganten notwendig ist und die eigentlich nur Firefox und Brave mit zusammen rund 250 Millionen Nutzern überhaupt haben, überschätzen manche Kritiker die Möglichkeiten der Derivate auf Gecko-Basis oder dessen Abspaltungen. Bei früheren Kontroversen haben sich über die Jahre zahlreiche Ableger wie Zed, Waterfox, Pale Moon, LibreWolf und mehr gebildet, teils mit mehr, teils mit weniger Qualität. Alle haben aber eins gemeinsam: Spätestens wenn Firefox über die Wupper geht, beißen sie mit ihrer restlichen (ohnehin fast nicht vorhandenen) Relevanz, was die Breite betrifft, ins Gras, denn alternative Engines wie Goanna oder Ladybird sind schlicht irrelevant und Gecko selbst wird eine freiwillige Community aufgrund verschiedener Umstände wie Entwicklermangel, fehlenden Sicherheitsstrukturen, fehlenden Vertretern in W3C oer IETF, Unterfinanzierung oder sonstiger fehlender Ressourcen nicht auf dem aktuellen Niveau halten.
- Gleichwohl hat Open Source auch viel mit Wahlmöglichkeiten zu tun. Hier hätten insbesondere die Linux-Distributionen, wenn die Kritik wirklich so vehement ist, schon lange reagieren und Firefox aus den Standardinstallationen austauschen können. Der Wechsel auf Chromium oder Brave ist ja kein Muss, wenn jemand wie Waterfox genauso vorhanden ist. Haben sie in den meisten Fällen aber nicht. Letztlich ist das inkonsequent, wenn man von seiner Wahlmöglichkeit nicht auch Gebrauch macht.
Damit soll die valide Kritik an manchen Punkten und Entscheidungen ausdrücklich nicht abgewürgt werden, aber der Gesamtkontext bleibt eben wichtig.
Schlusswort
Am Ende wird die Künstliche Intelligenz ähnlich wie bei Microsoft das beherrschende Thema sein, was uns im kommenden Jahr bei Mozilla begleiten wird. Dass das für manchen Nutzer vielleicht eine Herausforderung wird, kann ich verstehen, aber letztlich muss man offen über das Thema sprechen und wir werden euch bei den kommenden Beiträgen im nächsten Jahr sicherlich auch nicht in Watte packen, sondern offen berichten, wie es ist.
Das Thema wird nicht mehr verschwinden und die Technologie wird sich auch im Open Source-Umfeld wie schon andere Sachen regulär etablieren. Die Frage ist vor allem, wie die kommenden Implementierungen aussehen. Hier kann Mozilla zu einem Gradmesser werden.
Der Beitrag Künstliche Intelligenz: Ein Ausblick auf Mozillas Pläne ab 2026 erschien zuerst auf Dr. Windows.
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