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Europa muss auch beim Thema Künstliche Intelligenz unabhängiger von den USA werden – diese Einsicht wird nicht nur vielen auf der politischen Ebene immer deutlicher, auch wirtschaftlich wird es angesichts eines sich andeutenden protektionistischeren Kurses der aktuellen US-Regierung und der explodierenden Kosten bei etablierten Größen wie OpenAI, Anthropic oder Google immer deutlicher, dass etwas passieren muss, schließlich reichen sie die realen Kosten mittlerweile nahezu ungefiltert an die Kunden durch. Modelle aus China? Keine wirkliche Alternative.
Die große Frage ist, wie abhängt Europa hier tatsächlich ist oder ob wir nicht doch besser dastehen, als es die Meldungen glauben machen wollen. Exemplarisch wollen wir in diesem Beitrag deswegen mal den Blick auf namhafte Vertreter der europäischen Industrie werfen. Die Antwort ist nämlich nicht ganz so eindeutig, wie man vielleicht annehmen würde.
Mistral AI (Frankreich)
Wenn wir von europäischer KI reden, kommen wir vor allem an einem Unternehmen mit Sicherheit nicht vorbei. Mistral AI mit seinem Gründer und CEO Arthur Mensch aus Frankreich gilt als Hoffnungsträger und zentrales Gegenstück zu den großen KI-Unternehmen aus den USA und bringt auch dortige Erfahrung mit. Mensch war drei Jahre bei Google DeepMind und an den ersten Gemini-Modellen beteiligt, seine beiden Mitgründer Timothée Lacroix und Guillaume Lample waren zuvor bei Meta an der Llama-Familie beteiligt.
Momentan tut sich bei Mistral AI sehr viel. Zuletzt benannte man seinen bisherigen KI-Assistenten Le Chat in Vibe um und brachte die Tarifstruktur analog zu den großen Konkurrenten aus Übersee auf Vordermann, parallel erfolgten neue Übernahmen wie die von Emmi AI aus Österreich und die Entwicklung eines Konkurrenten von Claude Mythos und GPT-Cyber von OpenAI, welcher zusammen mit der Großbank BNP Paribas aktuell getestet wird. Der Marktwert von Mistral AI wird derzeit auf 10 bis 15 Milliarden USD geschätzt, zudem wurde Mensch in den Ausschuss der französischen Regierung für generative KI berufen.
JetBrains (Tschechien, Niederlande)
Das ursprünglich in Prag und mittlerweile hauptsächlich im Amsterdam ansässige Unternehmen gehört schon lange zu den internationalen Vorzeigevertretern der europäischen Digitalindustrie. Entwicklungsumgebungen wie PHPStorm, CLion, IntelliJ IDEA oder RubyMine bilden in ihren Sektoren den Branchenstandard, mit Rider hat man den einzigen großen Konkurrenten zu Visual Studio für .NET-Entwickler im Programm und die eigene Programmiersprache Kotlin ist der Standard in der Android-Entwicklung, der von Google nach dem Rechtsstreit mit Oracle offiziell adaptiert wurde.
Auch im KI-Bereich wird JetBrains zunehmend stärker. Parallel zu Mistral AI liefert man mit der Mellum-Familie die zweite europäische Antwort, die US-Konkurrenten wie Codex von OpenAI und Claude Code von Anthropic unter Druck setzen soll. Mit der KI-Asssistentin Junie existiert zudem ein Konkurrent zu GitHub Copilot und demnächst wird mit Air auch eine neue agentische KI-Plattform starten.
Black Forest Labs (Deutschland)
Wenn man in der frühen Phase der aktuellen KI-Generation schon mal Namen wie Stable Diffusion gehört hat, dann führt der Weg direkt in den Breisgau. BFL sitzt in Freiburg und konzentriert sich mit seiner Flux-Familie von KI-Modellen auf audiovisuelle Entwicklung. Damit konkurriert man mehr oder minder also mit US-Modellen wie Veo und Banana Pro von Google oder dem ehemaligen Sora von OpenAI.
Das Team um die Chefs Robin Rombach, Axel Sauer und Andreas Blattmann kann dabei auch auf prominente Unterstützer und Kunden verweisen. Neben Mistral AI gehören hierzu auch Microsoft und Adobe. Damit Flux zudem noch besser an den Bedarf echter Filmprofis heran kommt, hat man sich eine sehr prominente Figur ins Boot geholt: Regisseur Martin Scorsese wird künftig als Berater für das Unternehmen arbeiten.
EuroLLM (Portugal)
Das Projekt EuroLLM gehört zu den wichtigsten Projekten, die die Europäische Union selbst vorantreibt. An dem Projekt, welches sich auf LLMs für alle 24 offiziellen Amtssprachen konzentriert und diese auf heimischen Supercomputern trainiert, beteiligen sich unter anderem zahlreiche Universitäten wie die in Edinburgh, Amsterdam, Paris-Saclay oder, als bekanntester Name, die Universität Sorbonne.
Die KI-Modelle aus Lissabon sind ähnlich wie bei Mistral AI und JetBrains auch Open Source und sollen die Digitale Souveränität und Resilienz in der EU in zentralen Punkten stärken. Neben öffentlichen Einrichtungen beteiligen sich auch einige Unternehmen wie Unbabel aus Portugal und Naver Labs aus Südkorea an dem Vorhaben.
Flower Labs (Deutschland)
Der Name der Hamburger um die Gründer Daniel J. Beutel und Taner Topal dürfte euch kaum bekannt sein, dennoch werdet ihr durch den wichtigsten Unterstützer und Partner tagtäglich mit der Arbeit dieses Spezialisten für federative KI konfrontiert. Flower Labs ist einer der wichtigsten Partner von Mozilla bei den eigenen Anstrengungen im KI-Bereich und unterstützt auch bei der Integration von Verbesserungen in Firefox und Thunderbird.
Daneben haben die Hamburger aber auch noch andere namhafte Partner an ihrer Seite. Neben der Großbank J.P. Morgan gehören auch noch der britische Gesundheitsdienst NHS sowie die renommierten Universitäten in Harvard und Cambridge dazu.
Cohere (Kanada, Deutschland)
Es ist kein rein deutsches Projekt, aber die Bündelung der Kräfte, die durch die jeweiligen Regierungschefs Mark Carney und Friedrich Merz angeschoben wurde, soll neben Kanada auch Deutschland maßgeblich nach vorne bringen. Der kanadische KI-Primus Cohere um CEO Aiden Gomez hat mit Aleph Alpha aus Heidelberg und Reliant AI aus Berlin zwei kleinere KI-Unternehmen übernommen und soll jetzt in ein kanadisch-deutsches Unternehmen mit Hauptsitzen in beiden deutschen Städten sowie in Montreal fusionieren.
Cohere ist mit seinen Nordic-Modellen ein Spezialist für Enterprise-KI, insofern werden normale Nutzer davon eher weniger zu Gesicht bekommen. Gleichwohl gilt dieser Zusammenschluss als ein wichtiger Zwischenschritt zu mehr gemeinsamer industrieller Unabhängigkeit gegenüber US-Diensten. Cohere hat einen Marktwert von etwa 10 Milliarden USD und bewegt sich damit ungefähr auf dem Niveau vom europäischen Primus Mistral AI.
Helsing (Deutschland)
Zu den spezielleren KI-Riesen im europäischen Sektor gehört mit Helsing ein weiteres deutsches Unternehmen. Der in München ansässige Verteidigungskonzern von Niklas Köhler, Dr. Gundbert Scherf und Torsten Reil entwickelt KI-gestützte Lösungen für Streitkräfte diverser Länder und ist auch Mutterkonzern des deutschen Flugzeugherstellers Grob Aircraft. Entsprechend kontroverser werden auch die Produkte wahrscheinlich diskutiert werden.
Hierzu gehören die Kampfdrohne CA-1 Europa, die Loitering Munition (Kamikaze-Drohne) HX-2, die Cirra-Stuite für elektronische Kampfführung, das Kampfführungssystem Altra oder der KI-Pilot Centaur.
Weitere Erwähnungen
Unabhängig von diesen Vorstellungen gibt es natürlich einige weitere Unternehmen, die man nicht unter den Tisch fallen lassen darf. So betreiben Proton mit Lumo und Informaniak mit Euria zwei Schweizer Unternehmen eigene KI-Assistenten, während die deutschen Unternehmen DeepL und LanguageTool auf KI-unterstützte Lösungen bei Grammatik und Übersetzungen setzen. Hinzu kommt indirekt Opera, die mit Opera Neon einen eigenen KI-Browser entwickeln, der allerdings Einflüssen aus China und den USA unterliegt, was die Besitzerstruktur und die verwendeten KI-Modelle betrifft.
Ebenfalls aus Deutschland stammen die Produktivitätsunternehmen Superlist aus Berlin und Capacities aus München sowie deepset aus Berlin, auf deren Haystack Mozillas neuer KI-Assistent Thunderbolt aufbaut. Als letztes Projekt sei noch Bielik.AI von der SpeakLeash Foundation aus Polen erwähnt, die KI-Modelle für die wissenschaftliche Arbeit weiterentwickeln wollen.
Fazit
Anhand dieser Auflistung kann man gut erkennen, dass die Antwort darauf, wie weit Europa eigentlich zurückliegt, nicht so einfach zu geben ist. Europa liegt eigentlich nicht so weit hinter den Riesen aus den USA und China, allerdings zeichnet die hiesigen Unternehmen drei Besonderheiten aus: Sie entwickeln spezialisiertere KI-Modelle, sie entwickeln verstärkt quelloffene oder förderierte KI-Konzepte und sie konzentrieren sich auf KI-Modelle aus dem größeren Spektrum der Mittelklasse.
So hat Mellum-2 von JetBrains zum Beispiel 12 Milliarden Parameter, während das beste Modell von EuroLLM auf 22 Milliarden Parameter kommen wird. Zum Vergleich: Einzelne GPT-Modelle von OpenAI erreichen 120 Milliarden Parameter und mehr. Da ist also noch ein Stück zu gehen, aber mit durchschnittlichen Modellen im Open Weight-Bereich, wie sie Google, Alibaba oder Microsoft veröffentlichen, können die Europäer durchaus mithalten.
Man wird sehen müssen, wie stark die neuen KI-Strategien aus den Mitgliedsstaaten und von der EU selbst die Sache weiter vorantreiben. Auch die Bundesregierung setzt mit Projekten wie Spark oder KIPITZ ja eigene Akzente. Fakt ist: Wir müssen dranbleiben. Letztlich kann nur die heimische europäische Produktion bei KI-Technologie auch die Einflussnahme von Dritten außerhalb Europas und befreundeten Staaten wie Kanada nachhaltig verhindern.
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Über den Autor

Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und Microsoft Edge zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.
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