#Luna Rossa tanzt im America’s Cup die Briten aus

Luna Rossa tanzt im America’s Cup die Briten aus

Die Italiener haben das Quartett vorgelegt, auch weil der erfolgreichste olympische Segler Sir Ben Ainslie Fehler auf Fehler macht: An diesem Wochenende segelte die Luna Rossa die ursprünglich favorisierten Briten bei den Ausscheidungen für den America’s Cup in Grund und Boden und siegte in allen vier Läufen. Nun müssen sie von den nächsten neun Rennen nur noch drei gewinnen, um Anfang März die Neuseeländer um die älteste Sporttrophäe der Welt herauszufordern. Dabei kam es vor dem Start zum zweiten Lauf am Sonntag abermals zu einer Beinahe-Katastrophe, als Ainslie die Kontrolle über die Britannia verlor, die dann abhob.

Christoph Hein

Christoph Hein

Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

Bei allen vier Siegen führte die italienische Jacht praktisch vom Start weg. Dabei kam es am Sonntag erstmals zu einem wirklichen Kräftemessen der beiden europäischen Mannschaften in hart umkämpften Matchraces. Im ersten Lauf am Sonntag verschenkte Ainslie seine Chancen, als der australische Steuermann der Italiener, der Matchrace-Experte Jimmy Spithill, sich seine Führung 30 Sekunden vor dem Startschuss nicht mehr abnehmen ließ. Ainslie wirkte übermotiviert und büßte dafür. „Den Start haben wir an die Wand gefahren. Dann wird man hier sofort vom Helden zum Verlierer“, sagte der Brite später.

„So etwas kann man sich nicht leisten“

Noch schlimmer erging es der englischen Mannschaft beim vierten Start. Die Britannia hob 30 Sekunden vor dem Startschuss ab und knallte in die Wellen. Anders als die ausgeschiedene American Magic vor vier Wochen überstand sie den Sturzflug aber wohl unbeschadet. „Wir wollten aggressiv am Start sein, haben aber die Kontrolle über das Boot verloren. So etwas kann man sich nicht leisten“, sagte Ainslie nach dem Zieldurchgang. Bis dahin war der Abstand auf die Italiener auf enorme 41 Sekunden angeschwollen. Sein Gegenspieler Spithill fasste seine unerwarteten vier Siege vor Auckland so zusammen:  „Heute ging es nur darum, als Erster um die Linie zu kommen. Und darin waren wir gut.“

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Das Abheben am Sonntagnachmittag stand im Gegensatz zum Versinken des Rumpfes der Britannia im Wasser, das die Briten vor dem ersten Lauf am Samstag nicht hatten verhindern können, als ihre Jacht von den Tragflügeln glitt. In beiden Fällen war damit jeder Ansatz einer Kontrolle über das dann folgende Rennen durch Ainslie und seinen Taktiker Giles Scott schon im Keim erstickt. Am Ende des Wochenendes hatten die Briten drei von vier Starts durch eigene Fehler verschenkt.

Damit nicht genug: Während einer Wende, bei der sie die Seiten auf dem Boot wechseln müssen, rutschte einer der Segler auf Deck aus. Auf der zweiten Kreuz des zweiten Laufs am Sonntag kassierten sie dann schließlich auch noch eine Strafe, weil sie die digitale Begrenzung des Kurses überschritten. Zweifel an einer Schiedsrichterentscheidung kann es nicht geben, da das Überschreiten elektronisch gemessen wird. „Es war ein harter Tag. Wir können viel besser segeln, als wir es heute gezeigt haben“, zog Ainslie nach dem letzten Zieldurchgang am Sonntag ein nüchternes Fazit. „Auf diesem Level darf man keine Fehler machen. Und wir haben viel zu viele gemacht.“ Er selbst wäre beim Abheben des Bootes beinahe vom Großbaum über Bord geschleudert worden.

Hatten die Italiener die beiden Läufe am Samstag bei leichterem Wind noch überlegen gewonnen, lieferten ihnen die Briten am Sonntag aber zumindest Wende-Duelle bis zur Erschöpfung. Geholfen hat es ihnen nicht, weil Spithill und sein Kollege Francesco Bruni die Britannia bei jedem Schlag deckten – wendeten die Briten, legten auch die Italiener um. Ihr Selbstbewusstsein ließen sie sogar kurzfristig aufblitzen, als sie es schon früh im ersten Rennen am Sonntag wagten, sich für kurze Zeit von Ainslie zu lösen und die zweite Hälfte einer Kreuz nach ihrem eigenen Muster segeln. Damit zwangen sie die Briten auf die schlechtere Seite des Kurses.

Im Mittelpunkt standen am Wochenende die Steuerleute. Und doch waren jene, die selten eine Stimme bekommen und sich, um wenig Windwiderstand zu bieten, sogar im Cockpit wegducken, von entscheidender Bedeutung: Die starken Männer an Bord der Boote, die Grinder, die mit ihrer Muskelkraft an den „Kaffeemühlen“, den großen Winschen, die Segel dichtholen. Jede Wende, jede Halse, geht bei ihnen an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. „Es ging ans Limit. Aber das ist es, wofür unsere Grinder Stunde um Stunde an den Kraftmaschinen schufen. Insgeheim lieben sie das“, scherzte Ainslie über seine Mannschaft. Zuvor hatte er seine Leute bei 17 Wenden auf dem 29 Kilometer messenden Kurs gefordert. Nach dem Einwechseln zwei neuer Grinder folgten im zweiten Rennen am Sonntag dann weitere 13 Wenden. „Auf dem Kurs geht es nur noch darum, den Druck aufrecht zu halten. Die Jungs waren unglaublich gut. Wir sind bei jeder Wende schneller geworden“, sagte Spithill mit Blick auf seine acht Grinder nach den vier Siegen des Wochenendes.

Einmal mehr erwies sich, dass der Start angesichts der kurzen Kurse, der ausgeglichenen Boote und Mannschaften, und der Grundgeschwindigkeit der Jachten von mehr als 65 Stundenkilometern auf dem Wasser entscheidend ist – wer als Erster über die Linie kommt, ist nur noch schwer zu schlagen. Aufgrund des heraufziehenden schlechten Wetters vor Auckland dürften die Briten, unter ihnen mit Ainslie und Scott die besten Segler der Welt, die nächsten Tagen vor allem am Simulator verbringen, um Starts zu üben. Die nächsten beiden Läufe waren für Mittwoch angesetzt. Aufgrund von Corona-Fällen in Auckland aber ordnete die Regierung am Sonntagabend einen Lockdown für 72 Stunden. Damit ist noch nicht klar, wann die AC75 vor Auckland wieder starten dürfen.

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