#„Man muss die Halle spüren“

Viele Hauptversammlungen waren in diesem Jahr virtuell. Sie waren auf etlichen dabei. Wie ist es bislang gelaufen?

Sperrig. Oft kam es zu technischen Pannen. Teils fiel die Technik aus, es gab ohne Ende Pausen. Manchmal wussten die Aktionäre zu Hause vor ihren Laptops gar nicht, ob die Versammlung noch läuft. Wir haben eine ganze Liste von Pannen dokumentiert, darunter Covestro, TUI und Siemens Energy. Die virtuelle Hauptversammlung von Covestro hat mehr als neun Stunden gedauert, dreieinhalb Stunden davon gingen für Pannen drauf.

Sind das nicht normale Kinderkrankheiten eines neuen Formats?

So redet sich die Industrie jetzt raus: alles Einzelfälle angeblich, man brauche halt etwas Zeit. Tatsächlich läuft die Hauptversammlungssaison jetzt schon mehr als vier Monate, wir sind in der zweiten Halbzeit. Es hat sich nichts gebessert.

Und jenseits der Pannen? Sie haben gesagt, das virtuelle Format würde der Beziehung zwischen Eigentümern und Managern nachhaltig schaden. Wieso?

Mein Eindruck ist: Viele Unternehmen flüchten mit der virtuellen Hauptversammlung vor ihren Eigentümern. Es wird sich irgendwann rächen, wenn die Aktionäre den Dialog suchen, die Vorstände sich aber abschotten. Die virtuelle Hauptversammlung ist ein deutscher Sonderweg. Die Aktionäre etwa in Frankreich und Holland treffen sich längst wieder in Präsenz. Wir sind das einzige Land, in dem das virtuelle Format nach der Pandemie noch so kultiviert wird.

Marc Tüngler ist Hauptgeschäftsführer der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.


Marc Tüngler ist Hauptgeschäftsführer der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.
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Bild: Wolfgang Eilmes

Sie selbst reden auf etwa 35 Aktionärstreffen im Jahr und gehören damit zu den bekanntesten Hauptversammlungsrednern in Deutschland. Während der Pandemie durften sie höchstens mal kurze Videos einschicken, die dann gezeigt wurden. Wie war das?

Schrecklich. Ich war da teilweise der einzige, der ein Videoschnipsel eingeschickt hat. Das kann ich auch verstehen, es lohnt sich einfach nicht. Ich habe insgesamt in den drei Jahren Pandemie etwa 50 bis 60 kurze Videos gedreht. Aber es hat sich gezeigt, dass sich die Videos kaum jemand ansieht, die Onlineabrufzahlen sind wirklich niedrig. Manchmal war das Video nur schwer zu finden.

Von den 40 Dax-Unternehmen haben in diesem Jahr 28 zu rein virtuellen Treffen eingeladen, nur zwölf haben ihre Aktionäre zu einem Präsentreffen geladen. Wie war es bei kleineren Unternehmen?

Es sind hauptsächlich die großen Unternehmen, die sich im virtuellen Format verstecken. Je kleiner die Unternehmen, desto eher wählen sie das Präsenzformat. Im M-Dax sind es nach den bisherigen Ankündigungen schon 24 in Präsenz und 20 virtuell; im S-Dax bislang 39 Präsenz und 25 virtuell.

Was gefällt den Großen am Virtuellen?

Sie haben mehr Kontrolle über den Verlauf der Treffen. Viele Manager und deren Juristen haben Angst davor, die Stimmung nicht kontrollieren zu können.

Das ist ja auch so …

Die meisten Hauptversammlungen sind völlig unspektakulär. Wenn es turbulent wird, dann meist aus gutem Grund. Denken Sie an die Bayer-Hauptversammlung 2019, auf der die Aktionäre dem damaligen Bayer-Chef Werner Baumann nach dem Monsanto-Desaster, das die Aktionäre viele Milliarden gekostet hat, die Entlastung verweigert haben. Eine Präsenzhauptversammlung kann für den Auf­sichtsrat ein wertvoller Gradmesser sein, eine Art Fieberthermometer, wie die Stimmung unter den Investoren ist. Dafür muss man die Halle spüren. Ein guter Aufsichtsrat saugt wie ein trockener Schwamm auf, was die Aktionäre dort sagen.

Hören die Aufsichtsräte den Aktionären tatsächlich zu?

Ja, das sollten sie und tun sie auch. Es sind eher die Vorstände, die sich sorgen, dass die Stimmung kippt und daher froh sind, wenn sie diesen Tag ausgestanden haben. Im Präsenzformat können Aktionäre viel besser sehen, ob ihnen wirklich zugehört wird.

Das virtuelle Format hat aber auch Vorteile für die Aktionäre: Sie können sich aus der ganzen Welt zuschalten, ohne lange Anreisewege in Kauf zu nehmen.

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