Mehr als 60 Tote nach Überschwemmungen in Texas

Mehr als 60 Tote nach Überschwemmungen in Texas

Auf der Website des „Camp Mystic“ heißt es, das christliche Ferienlager für Mädchen liege zwischen Zypressen, Eichen und Pekannussbäumen am Ufer des wunderschönen Guadalupe-Flusses. Das sogenannte Hill Country in Zentraltexas ist bekannt für seine hügelige Kalksteinlandschaft und seine Flüsse. Aufnahmen aus dem Sommerlager zeigen Hütten mit grün geschindelten Dächern und Mädchen, die angeln oder eine Tanzeinlage proben. Doch nun ist das Gelände verwüstet. Auf jüngsten Bildern aus „Camp Mystic“ sind zerstörte Häuser und umgestürzte Bäume zu sehen. Die Folgen der plötzlichen Sturzflut, die die Gegend in der Nacht zum Freitag verwüstet hat.

In der Region gab es, Stand Sonntag, schon mehr als sechzig Tote. Unter ihnen waren 31 Kinder, auch aus „Camp Mystic“. Elf Mädchen aus dem Sommerlager wurden zu diesem Zeitpunkt noch vermisst. Die Geschehnisse aus der Nacht vor dem amerikanischen Nationalfeiertag sind eine Katastrophe historischen Ausmaßes. Der Guadalupe-Fluss in Kerr County, der mit Ferienlagern, Campingplätzen und Hotels gesäumt ist, war am frühen Freitagmorgen innerhalb von 45 Minuten um etwa acht Meter angestiegen. Es fiel so viel Regen wie sonst in etwa vier Monaten.

Hätte die Bevölkerung besser gewarnt werden können?

Am Wochenende häuften sich die Fragen danach, ob die Bevölkerung hätte besser gewarnt werden können. Am Freitag hatte ein Beamter aus der Region gesagt, er wisse nicht, warum die Sommercamps in der Gegend nicht geräumt worden seien. Man habe jedoch keinen Grund zu der Annahme gehabt, „dass es so etwas geben würde, wie wir hier gesehen haben“. Der texanische Gouverneur Greg Abbott hob in einer Pressekonferenz am Samstag hervor, es habe immer schon „vollkommen unvorhersehbare“ Wetterereignisse gegeben. Das sei „einfach ein Teil der Natur“. Das „Hill Coun­try“ in Zentraltexas ist wegen seiner Bodenbeschaffenheit und vieler Flüsse und Hügel besonders anfällig für Überschwemmungen. 1987 hatte es eine ähnliche Flut gegeben. Auch damals stieg der Flusspegel schnell um gut acht Meter an. Zehn Jugendliche aus einem Ferienlager starben, 33 weitere wurden verletzt.

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Die Vorbereitung auf mögliche Katas­trophenereignisse in der Region hatte schon am Mittwoch begonnen. Wegen möglicher Überschwemmungen stellte die Abteilung für Katastrophenschutz in Texas Mitarbeiter und Ausrüstung in die Gegend von Kerr County ab. Am Donnerstagmorgen hieß es in einer Pressekonferenz, man habe die Bürgermeister in betroffenen Regionen persönlich gewarnt. Um 13.35 Uhr dann gab der Nationale Wetterdienst eine Meldung über möglichen Starkregen mit der Gefahr plötzlicher Überschwemmungen heraus, die jedoch wesentlich weniger Regen vorhersagte, als später tatsächlich fiel. Darin hieß es, Anwohner der Gegend sollten die weiteren Vorhersagen beachten und sich auf mögliche Hochwasser vorbereiten.

Viele dürften diese Warnungen verschlafen haben

Zehn Stunden später, kurz vor Mitternacht, gab es für einige Teile von Hill Country erste konkrete Warnungen vor Überschwemmungen, zwölf Stunden später die Warnung für das heftig getroffene Kerr County: „Es besteht Lebensgefahr durch plötzliche Überschwemmungen von Bächen, Flüssen, in städtischen Gebieten, auf Straßen, Autobahnen und in Unterführungen.“ Viele dürften diese Warnungen verschlafen haben. Die Behörden in der Region verwiesen jedoch auch darauf, dass Evakuierungsmaßnahmen je nach Zeitpunkt nicht immer sinnvoll oder möglich seien. Dalton Rice, Leiter der Stadtverwaltung in Kerrville, das eine halbe Stunde von „Camp Mystic“ entfernt liegt, sagte am Wochenende, es bestehe immer auch die Gefahr, Leute auf geflutete Straßen zu schicken und eine Massenpanik auszulösen.

Das „Camp Mystic“, das diesmal so schwer getroffen wurde, gilt in der Gegend als Institution. Viele Eltern von Campteilnehmerinnen machten sich nach den ersten Meldungen am Freitag sofort auf den Weg nach Kerr County. In einer E-Mail des Ferienlagers an Angehörige hieß es, es habe Überschwemmungen „katastrophalen“ Ausmaßes gegeben. „Wenn Ihre Tochter vermisst wird, haben wir Sie bereits benachrichtigt. Falls Sie nicht persönlich kontaktiert wurden, befindet sich Ihre Tochter in Sicherheit.“ Die Straße sei weggeschwemmt worden und Strom, Internet und Wasser abgestellt. Das mache die Lage für Helfer besonders schwierig.

Rettungskräfte in der Region haben Angehörige von Vermissten dazu aufgerufen, nicht selbst auf die Suche zu gehen, weil die Lage nach wie vor gefährlich sei. Doch viele sind verzweifelt. Der Sender CNN sprach am Samstag mit einem Vater, der am Ufer des Guadalupe-Flusses nach seiner 21 Jahre alten Tochter suchte. Sie war für den 4. Juli mit Freundinnen in ein Haus am Fluss gefahren und hatte sich in der Nacht noch kurz per Telefon gemeldet. Da habe sie gesagt, dass sie auflegen müsse, weil gerade zwei ihrer Freundinnen weggeschwemmt worden seien. Kurz danach sei ihr Handy nicht mehr zu orten gewesen. Der Vater hoffte am Samstag noch, doch er sagte auch, es sehe nicht gut aus. Er selbst hatte während der Suche mit seinem Sohn am Morgen den leblosen Körper eines acht Jahre alten Jungen gefunden.

Nach Angaben des Gouverneurs Abbott waren am Wochenende mehr als tausend Beamte von lokalen und bundesstaatlichen Behörden in der Region im Einsatz. Etwa 850 Personen seien erfolgreich aus der Gegend gebracht worden. Abbott versprach, man werde nicht aufgeben, bevor jede vermisste Person gefunden sei. Laut Rettungskräften schwindet die Chance, Überlebende zu finden, jedoch mit jeder Stunde.

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