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Die Tür schlug auf und eine Bande enthemmter junger Männer enterte den Pressekonferenz-Raum: Bierdusche um 23.40 Uhr. Lautes Gegröle und glückliche Gesichter. Mittendrin ein Trainer, der sich die nassen Haare zurückstrich, sich sammelte und weitermachte in seiner Beschreibung eines Aufstiegs.
Merlin Polzin studierte mal Deutsch auf Lehramt. Er hat Freude am Formulieren, offenbar auch, wenn der Gerstensaft in die Augen läuft und die große Party wartet: „Die vergangenen Jahre waren kein Scheitern, sondern ein Prozess“, sagte der 34 Jahre alte Cheftrainer des Hamburger SV. An der Seite lauschte sein Assistent Loïc Favé, ein ähnlich ruhiger, analytischer Typ, und lächelte sanft. Polzin blickte zu ihm und sagte: „Zwei Jungs aus Hamburg, Eimsbüttel und Bramfeld, haben ihren Traum verwirklicht.“
Zwei Dutzend Verletzte
Während es draußen tobte und toste, während Kräfte der Feuerwehr etwa zwei Dutzend Verletzte behandelte, die sich beim Platzsturm nach dem 6:1 gegen den SSV Ulm wehgetan hatten und aus der Geschäftsstellen-Party „Freed from Desire“ herüberwehte, gewährte Polzin Einblicke in seiner Inneres – doch bevor es zu rührselig hätte werden können, beendete er seine Ausführungen und stürzte sich in die Feierlichkeiten: „Ich freue mich jetzt auf meine Freundin, meine Eltern, meinen Bruder und meine Oma.“
Sechsmal hatte es der HSV seit 2018 verpasst, aufzusteigen. Zweimal Dritter, viermal Vierter; eine unwürdige Ausbeute für den Klub, der Jahr für Jahr einen der besten Kader und die höchsten Ausgaben hatte. Der HSV besaß aber auch treue Fans, die – aus welchen Gründen auch immer – ihm nicht den Rücken kehrten, sondern das, was Polzin „Prozess“ nannte, Jahr für Jahr mittrugen. Das war die größte Leistung der vergangenen sieben Jahre.
Sein Trainerstab geht ihm über alles
Dabei bildete das Spiel gegen die Ulmer am Samstagabend ein Spiegelbild vieler dramatischer Wendungen der Vorjahre. Schon nach vier Minuten führte Ulm durch Tom Gaal, sechs Minuten später egalisierte Ludovit Reis. Das Drama klopfte an, als die Ulmer einen Elfmeter zugesprochen bekamen. Doch Daniel Heuer Fernandes wehrte den Schuss Semir Telalovics ab (36.). Später lobte Polzin Torwarttrainer Sven Höh für dessen Strafstoß-Seminare, hatte er Heuer doch den entscheidenden Wink gegeben. Auch den zweite Assistenten Richard Krohn vergaß Polzin keineswegs, ebenfalls Hamburger. Sein Stab geht ihm über alles. Dieser Aufstieg war auf verantwortlicher Position kein Alleingang. Die eigene Bedeutung in Relation zu setzen, fällt Merlin Polzin leicht.
Mit dem gehaltenen Elfmeter und dem Druck von den Rängen im Rücken begann der HSV sich freizuspielen, kam noch vor der Pause zu zwei Treffern durch den brillierenden Ransford-Yeboah Königsdörffer und Davie Selke (42./45. plus vier).
Selke, der Hamburger Königstransfer, brachte das Volksparkstadion mit seinem 22. Saisontreffer zum Wackeln; die gesamte Bankbesatzung rannte zu ihm, begrub ihn: In diesem Moment sanken die Zweifel, weil die zuvor überzeugenden Ulmer einbrachen. „Wenn der HSV ins Rollen kommt, ist er mit seiner brutalen Offensivqualität schwer zu stoppen“, sagte Trainer Robert Lechleiter.
„Nie mehr zweite Liga!“
Als nach dem Seitenwechsel Philipp Strompf ins eigene Tor traf, lagen sich HSV-Profis und Fans schon in den Armen und sangen: „Nie mehr zweite Liga!“. Der Abstieg des Aufsteigers aus Ulm bekam Konturen. Noch einmal Königsdörffer in der 62. Minute und Abwehrchef Daniel Elfadli vier Minuten vor dem überpünktlichen Abpfiff waren die Zugaben letztlich fulminanter Hamburger, die nun gar nicht versuchten, sich vor den vielen Menschen auf dem Rasen in Sicherheit zu bringen. Erst als manche Anhänger Zugang zum Kabinentrakt begehrten, rückten 25 Polizisten an, um sie zurückzudrängen.
In der Interviewzone schäumte das Bier. Freude und Erleichterung waren greifbar. „Ich bin überwältigt und muss mich sammeln“, sagte Selke in Badelatschen und im T-Shirt mit dem Aufdruck „Jesus is King“. „Welch ein Jahr, welch ein verdienter Aufstieg. Wir standen als Team zusammen und haben Widerstände gebrochen.“ Drei sieglose Spiele im April hatten die Zweifel zurückgebracht – doch mit dem 4:0 in Darmstadt vor einer Woche wurden aus wackligen Knien breite Brüste.
Neben Selke und Torwart Heuer Fernandes zogen Verteidiger Miro Muheim und Linksaußen Jean-Luc Dompé den HSV-Karren durch eine Saison, die zunächst vor sechs Monaten im Rauswurf Steffen Baumgarts kulminierte. Hamburg war Achter. Vorstand Stefan Kuntz installierte den früheren HSV-„Allesfahrer“ Polzin zum Testlauf.
Baumgarts vormaliger Assistent brachte die Mannschaft mit einer verträglicheren Mischung aus Defensive und Offensive auf Kurs. Nun erntete er schon einen Spieltag vor Ultimo die Früchte seiner Saat: 76 Tore haben die Hamburger geschossen, dabei manches Spektakel im Volkspark aufgeführt. Eine Ausbeute, die Uwe Seeler (1936-2022) sicher gefallen hätte.
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