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„Michele de Lucchi, der große Designer und Erfinder von Memphis, wird siebzig“
Wer die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen will, sollte dazu erst einmal die richtige Musik auflegen – und als die Designer und Architekten Michele de Lucchi und Ettore Sottsass im Dezember 1980 ein paar Kollegen zusammenriefen, um die ästhetische Revolution zu wagen, legten sie Bob Dylan auf, die LP „Blonde on Blonde“, und besonders gut kam der Song „Stuck Inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ bei allen an. Heute weiß keiner mehr, ob es die Zeile „and they furnished me with tape“ war; oder ob die Italiener „Mobile“ fälschlich mit „mobili“ übersetzten. Jedenfalls wurden sie sich noch an diesem Abend einig, dass ihre Bewegung „Memphis“ heißen sollte.
Was sie dann entwarfen, war ein Anschlag gleichermaßen auf die cremefarbene Gediegenheit des bürgerlichen Geschmacks wie auf das strenge „Form follows function“-Diktat der Moderne. Sottsass wurde allgemein als Wortführer der Gruppe wahrgenommen; aber es war Michele de Lucchi, der mit der größten Sinnlichkeit, Farbenfreude und einem bis dahin in der ganzen Branche völlig unbekannten Humor die wundersamsten Lampen, Tische, Regale, Stühle entwarf: Objekte, immer an der Grenze zwischen Möbelstück und Skulptur, ein Design, das darauf angelegt war, dass der Betrachter es hässlich und grell finden würde auf den ersten Blick.
Entwerfen heißt erforschen
So verspielt und so desinteressiert am puren Funktionieren waren Möbel seit dem Historismus nicht mehr gewesen – nur dass Liebhaber von Antiquitäten sich niemals mit der Tischlampe „Oceanic“ oder dem Beistelltisch „Kristall“ die eigene Wohnung dekoriert hätten. Knalliges Gelb, sattes Rosa, leuchtendes Hellblau und schwarz-weiße Streifen: Das waren die Zeichen der ästhetischen Unversöhnlichkeit seines Designs. De Lucchi muss einen schwachen Moment gehabt haben, damals, im Jahr 1987, als er die Tischleuchte „Tolomeo“ entwarf, ein sehr praktisches Ding aus diskretem Aluminium, das zu fast jeder Einrichtung passt: Es wurde sein größter Erfolg als Designer.
1951 in Ferrara, der Stadt von Michelangelo Antonioni und Giorgio Bassani, geboren, wollte er Kunst studieren; sein Vater versuchte ihn in ein Ingenieurstudium zu drängen: Architektur war der Kompromiss. Aber natürlich war es eine ganz lustige Kunstaktion, als er 1973, verkleidet als Soldat, auf der Triennale in Mailand gegen zu viele völlig überflüssige Möbel protestierte. Und zugleich war es die Position, zu der er sich, allen Ernstes, nach den Extravaganzen von Memphis, heute wieder bekennt. Wenn eine Firma nach dem Entwurf für einen neuen Stuhl verlange, nur zu dem Zweck, die Leute zum Kauf von Dingen zu überreden, die sie eigentlich nicht brauchen: dann sage er Nein, hat de Lucchi neulich in einem Interview bekannt.
Michele de Lucchi zum 70.
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Als das Revoltieren noch geholfen hat
Was eine ökologisch sehr zeitgemäße Haltung ist. Und zugleich möchte man dem freudlosen Kulturprotestantismus, der sich hier auszudrücken scheint, heftig widersprechen. Was dann doch nicht nötig ist, wenn man de Lucchis neuere Werke sieht. Mit seinem großen Bart, der kleinen, runden Brille und dem herausfordernden Blick dahinter sieht de Lucchi aus wie ein Reisender aus einer Zeit, da Revolutionen noch geholfen haben. Und tatsächlich erschafft er mit seinem Büro AMDL, das er 1998 gegründet hat, Konstruktionen, wie man sie zuvor selten gesehen hat: die Brücke des Friedens in Tiflis zum Beispiel, die Erweiterungsbauten für das berühmte Hotel „Zirmerhof“ in Radein oder die Zentrale der UniCredit-Bank in Mailand; Bauten, meist aus Holz, in so kühnen Formen, dass man sich fragt, wozu Beton heute noch gut sein soll.
Auf der Homepage kann man den Unterschied zwischen Projekten, die verwirklicht wurden, und solchen, die Entwürfe geblieben sind, kaum erkennen, was de Lucchi nicht zu stören scheint: Entwerfen heißt erforschen für ihn, und wenn er etwas Reales schaffen will, nimmt er seine Kettensäge und schneidet ein Stück Holz zurecht. Dass er nicht mehr provoziert, hat er neulich damit begründet, dass kaum etwas so unprovokant sei wie der Wille zur Provokation. Heute wird er siebzig Jahre alt.
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