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Es ist kein Geheimnis, dass sich Microsoft seit einigen Jahren stark verändert und CEO Satya Nadella das Unternehmen im KI-Zeitalter hierarchisch und in anderer Form grundsätzlich neu aufstellen will. Was da für Fliehkräfte freigesetzt werden, was Entlassungsrunden und Reorganisationen betrifft, darüber haben wir schon oft genug berichtet. Was bisher fehlte, war ein Blick von innen von jemandem, der Microsoft deswegen verlassen hat.
Entsprechendes können wir nun nachholen, nachdem Jeff Fritz, der fast 12 Jahre bei Microsoft im .NET-Team war und das Unternehmen Ende vergangener Woche verlassen hat, sich in dieser Woche im Stream auf Twitch und YouTube geäußert hat. Um das klar zu sagen: Schmutzige Wäsche hat er nicht gewaschen und er ist mit Kollegen wie .NET-Legende Scott Hanselman und .NET-Chef Scott Hunter auch gut auseinander gegangen, aber gerade mit Blick auf die Community bzw. die normalen Nutzer spricht er relativ offen einige Sachen an, die auch für uns interessant sind.
Die Kernaussagen
Eine der wichtigsten Aussagen betrifft Microsofts Verhältnis zu seiner Community und den Nutzern seiner Entwicklertools im Allgemeinen. Fritz war (und ist) auch einer der Hauptverantwortlichen für die .NET Conf im November, wo traditionell neue Versionen von .NET, PowerShell und anderen Werkzeugen angekündigt wurden und wo die Konferenz oft besser abgeschnitten hat als Microsofts Großevents wie BUILD und Ignite. Gleichwohl hatte sie für Microsoft schon im letzten Jahr keine Bedeutung mehr und in diesem Jahr versagen sie ihre Unterstützung völlig – oder wie Fritz es sagt: Die Community ist darauf vorbereitet, den Weg fortan ohne Microsoft fortzusetzen und sie müssten dicke Bretter bohren, um diese Skepsis zu durchdringen.
Nach seinen Aussagen scheint auch der Kontakt zu den Nutzern generell schwieriger zu werden. Zugegeben war da eine ordentliche Portion Sarkasmus und Galgenhumor dabei, aber unter anderem sprach er Copilot und das auch bei Microsoft vorhandene Tokenmaxxing an, wo KI-Ressourcen regelrecht durchgebrannt werden. Zwei Fragen waren zudem noch, wer von Microsoft nun den Kontakt zur Community halten wird und ob sie .NET kaputt machen wollen. Seine Antworten waren beide ein „Gute Frage, keine Ahnung, aber sollte man ihnen auch mal stellen.“. Da schwang eine gute Portion Resignation mit, wobei er bei der Community scherzhaft meinte, dass Microsoft das ja vielleicht an die MVPs auslagern könnte.
Letzter Punkt war die Unternehmenskultur, wo sich Microsoft auch intern nach seinen Ausführungen sehr stark verändert. Innerhalb der Entwicklersektion gibt es momentan zahlreiche Rücktritte in allen erdenklichen Bereichen und viele Mitarbeiter und Führungskräfte suchen einen Ausweg aus Redmond und seiner toxischen Kultur, wo u.a. einige zum Erzrivalen Google gewechselt sind. Auch bei Copilot sprach er erneut die Abschottung an, wo sich Verantwortliche davon abgrenzen, was die Nutzer wirklich wollen und brauchen. Er spricht auch noch weitere Themen an, aber da will ich euch auf die Streamaufzeichnung verweisen, die ich weiter oben eingebunden habe.
Es deckt sich
Die meisten Sachen, die Jeff Fritz als mittlerweiler Ex-Microsoftler hier anspricht, werden euch aus unserer Arbeit schon bekannt sein, nur jetzt hört ihr sie eben mal aus dem Mund von jemandem, der bis vor wenigen Tagen selbst noch ein Teil davon war. Was für ein Minenfeld das gesamte Entwicklerumfeld bei Microsoft aktuell ist, hatte ich Ende Mai ja schon mal aufgegriffen. Massive Sicherheitsprobleme mit NPM, Personalrochaden, Angriffe auf Community und Sicherheitsforscher oder die chronische Instabilität von GitHub, wo in Redmond zuletzt auch Hilferufe und Durchhalteparolen zum probaten Mitteln wurden – das ist letztlich das, wie wir Microsoft in diesem Bereich mittlerweile erleben.
Auch die Spannungen mit der Community, was ich hier im März schon aufgegriffen habe, oder die zunehmende Abschottung sind nicht neu. Speziell mit den Timeouts bei den Microsoft-Konten im vergangenen Frühjahr, wie auch der Sync in Edge nicht mehr richtig funktionierte, haben wir aber am eigenen Leib gemerkt, dass man als Community-Projekt selbst unter großen Anstrengungen bei Microsoft, zumindest soweit es über unseren lokalen Kontakte bei Microsoft Deutschland hinausgeht, nicht mehr durchdringt. Und solche Fragen stellen sich auch zunehmend international, wo etwa Sean Endicott von Windows Central zuletzt die Frage stellte, ob normale Nutzer für Redmond nur noch bessere Betatester sind.
Bemerkenswert an den Worten von Jeff Fritz ist vor allem die, wenn auch durch die Blume vorgetragene, Offenheit, mit der er die Egalität der Community für Microsoft zumindest exemplarisch beim Entwicklerbereich anspricht. Man kann da jetzt wieder irgendwelche Vergleiche mit IBM oder Blackberry aus der Mottenkiste holen oder sonst in irgendeiner Form nachtreten, aber es wird die Situation nicht verändern und Microsoft schon gar nicht interessieren. Konsequenzen sollte man dennoch ziehen.
Zukunftsfragen
Nüchtern betrachtet sind wir mittlerweile eigentlich an einem klaren Wegpunkt angekommen, an dem einzelne Teile von Microsoft – XBOX, Windows, kleinere Projekte wie die PowerToys – weiterhin einen starken oder zumindest stärkren Kontakt mit der Community suchen werden. Hieran wird sich sicherlich auch auf absehbare Zeit auch nichts Wesentliches ändern, auch wenn man bei der XBOX sowas wie das vermutete eigenständige Unternehmen weiter im Blick behalten muss. Beim großen Rest wird sich die Community aber stärker auf eigene Beine stellen müssen, wo Microsoft für sich andere unternehmerische Entscheidungen getroffen hat.
Der Entwicklerbereich ist auch bei uns das Beispiel, wo wir weiter darüber grübeln, wie wir weitermachen wollen. Dass ich die Berichterstattung gegenüber dem früheren Takt auf ein Minimum eingedampft habe, hatte neben Zeitgründen explizit mit den ganzen Entwicklungen bei Microsoft zu tun. Gleichzeitig sind Tobias und ich im Herzen vor allem FOSSler und vor dem Hintergrund, dass die Community ja für die Pläne von Microsoft nix kann und viele Leute auch ihr Herzblut in die Open Source-Projekte gesteckt haben, wollen wir die nicht hängen lassen. Abgesehen davon sind die FOSS-Projekte von .NET sowieso unterrepräsentiert, weil sie von den Linux-Kollegen in der Regel selten aufgegriffen werden.
Die Gespräche laufen im Hintergrund, auch wenn wir noch nichts ankündigen wollen. Möglich wäre aber zum Beispiel, dass wir uns von Visual Studio und Visual Studio Code lösen und dafür Rider von JetBrains ins Zentrum rücken. Das würde nicht nur die Arbeit für das Entwicklertagebuch vereinfachen, zumal JetBrains beim Thema Content Creation auch auf Zusammenarbeit setzt, sondern es würde auch einen plattformübergreifenden Ansatz fördern, den wir eigentlich beide bevorzugen. Diverse .NET-Projekte wie Playnite, OpenLiveWriter und ImageGlass werden aktuell zum Beispiel auf AvaloniaUI portiert und das Toolkit selbst hat auch Sachen wie .NET MAUI mittlerweile stärker adaptiert.
Parallel dazu schaue ich aber zum Beispiel aktuell auch wieder stärker auf die .NET Foundation. Dass wir da eine Lösung finden, ist ziemlich sicher, nur wann eine Entscheidung fällt, werden wir noch nicht versprechen.
Ein letzter Satz…
Bevor es wieder Fragen gibt: Uns geht’s gut, keine Bange. Es geht hier primär darum, euch das aktuelle Microsoft auch mal mit den Worten von jemandem zu zeigen, der bis vor wenigen Tagen noch Teil des Unternehmens war und auch nahe an der Community bei Microsoft gearbeitet hat. Als Projekt sind wir mit Sachen wie dem Gadgetcheck, der E-Mobility und Mozilla ja eh schon jahrelang breiter aufgestellt und in diesem Jahr wurden und werden mit Europa & Digitaler Souveränität sowie später der Inklusiven Informatik weitere Rubriken aufgebaut.
Trotzdem haben die Entwicklungen bei Microsoft natürlich auch Einfluss auf uns, wo irgendwo auch neue Freiheit bedeuten kann. Man könnte also Themen, die uns schon über Jahre beschäftigen, ggf. auch mal auf eine andere Weise angehen.
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Über den Autor

Kevin Kozuszek
Seit 1999 bin ich Microsoft eng verbunden und habe in diesem Ökosystem meine digitale Heimat gefunden. Bei Dr. Windows halte ich euch seit November 2016 über alle Neuigkeiten auf dem Laufenden, die Microsoft bei seinen Open Source-Projekten und Microsoft Edge zu berichten hat. Beiträge über Mozilla, Europas Digitalwirtschaft und inklusive Informatik runden meinen Bereich ab.
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