Mit Mann und Maus gegen Musiala

Mit Mann und Maus gegen Musiala

Womöglich gehen sie unter in dem Spiel, das sie sich jahrelang herbeigesehnt haben. Womöglich bekommen sie nicht nur drei, vier Gegentore, sondern acht, neun. Wen würde das wundern, bei diesen Kräfteverhältnissen?

„Wenn ich sehe, dass Bayern einen Spieler von Crystal Palace für 45 Millionen Pfund kaufen kann … Das Geld könnte unseren Verein 500 Jahre am Laufen halten“, sagt Gordon Watson. Er lacht, es ist nicht ganz ernst gemeint. Aber wer weiß, 50 Jahre könnten es schon sein.

Trotzdem treten Watsons Spieler am kommenden Sonntag gegen Michael Olise an, den 45-Millionen-Pfund-Mann. Gegen Harry Kane, den 100-Millionen-Euro-Mann. Gegen Jamal Musiala, der pro Saison 25 Millionen Euro verdienen soll. 78 Euro, so hoch ist umgerechnet in etwa die Höhe der Aufwandsentschädigung, die Watson seinen Spielern laut den Regeln des neuseeländischen Fußball-Verbandes zahlen darf.

Die 78-Euro-Männer, die Musiala, Kane und Olise stoppen wollen, mussten Urlaubstage einreichen, um an diesem Spiel teilnehmen zu können.

Angus Kilkolly am Ball: Größer als zwischen Auckland City und dem FC Bayern könnten die Unterschiede bei der Klub-WM wohl nicht sein.
Angus Kilkolly am Ball: Größer als zwischen Auckland City und dem FC Bayern könnten die Unterschiede bei der Klub-WM wohl nicht sein.AFP

Watson ist der Manager vom Auckland City FC, und der ist offiziell ein Amateurverein. Auckland City ist aber auch neuseeländischer Rekordmeister. Und Auckland City ist Rekordteilnehmer der Klub-Weltmeisterschaft. 13 Mal war der Verein schon dabei, meistens war nach einem Spiel Schluss. Gegen einen der großen Klubs Europas haben sie noch nie gespielt. Bis jetzt.

„Der Gedanke ist ziemlich überwältigend“

Eine Woche vor dem größten Spiel in der Historie seines Klubs sitzt Watson vor seinem Laptop, die Augen leuchten in die Kamera, manchmal ringt er um Worte. Er erzählt von der Reise, die sein Klub und seine Spieler hinter sich haben. Davon, wie er am anderen Ende der Welt saß und den Stürmer Karl-Heinz Rummenigge und später den Mittelfeldspieler Lothar Matthäus bewunderte. „Der Gedanke, dass wir am nächsten Sonntag gegen diesen Klub spielen werden, ist ziemlich überwältigend.“

DSGVO Platzhalter

Dass sich das kleine, semiprofessionelle Auckland City unter die 32 Teilnehmer dieses großen Turniers mischt, zwischen Pep Guardiola, Kylian Mbappé und Jamal Musiala, hat einen einfachen Grund: Es gibt im Ozeanischen Fußballverband keine Profifußballliga. Australien ist auf der Fußballlandkarte Teil von Asien, der Nationalverband ist Mitglied im asiatischen Kontinentalverband AFC. Die zwei Profivereine, die es in Neuseeland gibt, spielen in der australischen Liga. Bleiben Klubs aus Tahiti, Vanuatu, Neukaledonien. Oder eben Neuseeland. Und unter denen sticht seit Jahren Auckland City heraus. Elfmal hat der Klub seit 2010 die ozeanische Champions League gewonnen. Und damit das Recht zur Teilnahme an der Klub-Weltmeisterschaft.

Sie mussten Geld organisieren und Urlaub nehmen

Die alte Klub-WM, der Wettbewerb, in dem zwischen 2005 und 2023 einmal im Jahr sieben verschiedene Mannschaften antraten, hatte keine Gruppenphase. Die Vereine aus Ozeanien, Asien, Afrika sowie Nord- und Mittelamerika spielten von Beginn an im K.o.-System gegeneinander, die Vereine aus Südamerika und Europa waren automatisch für das Halbfinale qualifiziert.

Sie hätten immer davon geträumt, einmal gegen ein ganz großes Team zu spielen, sagt Watson. Oder von der Möglichkeit, drei Spiele zu spielen anstatt einem. Allein, weil für sie der Aufwand so groß war: Nach Dschidda, Marrakesch oder Abu Dhabi zu reisen, nur für das eine Spiel, das oft in einer Niederlage endete. Es bedeutete immer, Geld organisieren und Urlaub nehmen zu müssen. Einmal, 2014 in Marokko, kamen sie ins Halbfinale, da mussten Watsons Spieler bei ihren Arbeitgebern anrufen und um zusätzliche freie Tage bitten. Sonst hätten sie nicht weiterspielen dürfen bei der Klub-WM.

Beinahe hatten sie es schon geschafft in jenem Jahr. Sie waren nah dran am Finale gegen das übergroße Real Madrid. Da war sie fast erfüllt, die Sehnsucht nach dem einen, ganz großen Spiel. „Es war immer ein: ‚Was wäre, wenn?‘“, sagt Watson. Jetzt, im neuen Format, ist es kein Was-wäre-wenn mehr.

„Es ist fast das genaue Gegenteil“, sagt Watson. „Jetzt haben wir eine Gruppe, die aussieht wie eine Champions-League-Gruppe, dazu Boca Juniors. Unser aller Weihnachten kommt zusammen.“ Er sagt aber auch, dass es bittersüß schmecke, dieses Turnier.

Dreieinhalb Millionen Dollar für einen Amateurklub

Denn Watson hat das Gefühl, dass diese Klub-WM ihrem Rekordteilnehmer über den Kopf wächst. Plötzlich geht es um Prämien, die so hoch sind, dass sie ihm schlaflose Nächte bereiten: dreieinhalb Millionen US-Dollar sollte Auckland City für die Teilnahme bekommen. Viel Geld für einen Amateurklub, aber wie viel Geld der Verein davon überhaupt behalten darf, ist nicht klar. Der neuseeländische Fußballverband hat Ansprüche angemeldet, und man ist sich, vorsichtig gesagt, sehr uneinig.

Öffentlich will Watson nicht über Details sprechen, die Parteien sind derzeit in Mediation. Aber er glaubt: Bei den Kosten und dem Aufwand, den dieses Turnier für den kleinen Klub verursacht, kann er froh sein, wenn sie am Ende überhaupt mit Gewinn hinausgehen. Der neuseeländische Fußballverband antwortet auf eine F.A.Z.-Anfrage nicht.

Und dann ist da noch die Sache mit der Profiliga. Ab 2026 soll Ozeanien eine neue, kontinentale Liga bekommen. Das sei schon einmal im Gespräch gewesen, kurz vor der Pandemie, sagt Watson, als zum ersten Mal eine erweiterte Klub-WM starten sollte. Stand jetzt hat Auckland City sich nicht für diese Liga angemeldet. Das passe nicht zur Kultur des Klubs, sagt er. Es hieße aber auch, dass sie bald keine Champions League und Klub-WM mehr spielen dürften.

„Dieses Turnier ist zu groß für uns“

Dieses neue Turnier ist für sie, die so mal gegen die ganz Großen spielen wollten, eine Ankunft. So sieht Watson das: Sie haben ihr großes Ziel erreicht, haben sich belohnt für viele, viele Jahre, in denen sie mit ihren Möglichkeiten auf Exzellenz hingearbeitet haben. Es sieht aber auch so aus, als wäre es ein Ende. „Dieses Turnier ist zu groß für uns“, sagt er, „und vielleicht soll es das auch sein“.

Erst einmal aber spielen sie mit bei diesem Turnier. Seit zwei Wochen sind sie in den USA, bereiten sich vor: auf Benfica Lissabon, Boca Juniors, die Bayern. Die Mannschaften mit den meisten, den zweitmeisten und den viertmeisten Mitgliedern der Welt. Und Auckland City FC. Sie haben Testspiele absolviert, gegen das US-Team Philadelphia Union und gegen al Ain Club aus den Emiraten, auch ein Klub-WM-Teilnehmer. Da wollten sie sich schon mal daran gewöhnen, wie es ist, mit Mann und Maus zu verteidigen. In der Heimat spielen sie dominant, manchmal auf Plätzen, auf denen das schwerfällt. Jetzt müssen sie auf feinen Rasenplätzen kratzbürstig verteidigen.

Kürzlich, erzählt Watson, sei einer seiner Spieler von einem Journalisten gefragt worden: Was, wenn es fürchterlich schiefgeht in diesen Spielen? Wenn sie also tatsächlich acht, neun Gegentore bekommen von Männern wie Olise, Kane und Musiala. Da habe der Spieler gesagt: Dann gehe er wieder nach Hause und mache seinen Job. Aber er werde nie vergessen, wie es war, gegen diese großen Klubs auf dem Feld zu stehen. „Ich will die Gesichter unserer Spieler sehen, wenn wir da raus gehen“, sagt Gordon Watson über das Spiel gegen die Bayern.

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