Mit Quecksilber-Arznei gegen Lepra

Mit Quecksilber-Arznei gegen Lepra

Im Mittelalter galt das giftige Schwermetall Quecksilber als probates Mittel gegen Hautausschläge und auch gegen Lepra. Jetzt belegen Zahnsteinproben von Toten aus zwei mittelalterlichen Lepra-Siechenhäusern, dass das Schwermetall damals tatsächlich zur Leprabehandlung eingesetzt wurde. Die Analysen zeigen aber auch, dass Dosis und Ausmaß der Quecksilbertherapie stark von individuellen und sozialen Faktoren abhingen.

Quecksilber gilt heute als Umweltschadstoff und als für den Menschen giftig. Doch in früheren Zeiten wurde Quecksilber sowohl als Farbstoff in Form von Zinnober genutzt als auch zu medizinischen Zwecken. Das Schwermetall war für seine regenerierenden und abführenden Eigenschaften bekannt und galt als äußerst wirksam gegen Hautkrankheiten und andere Hautunreinheiten. „Im späten Mittelalter und noch danach verwendete man quecksilberhaltige Arzneien auch zur Behandlung von Infektionen wie venerischer Syphilis und Lepra“, erklären Elena Fiorin von der Sapienza-Universität in Rom und ihre Kollegen.

Vom Einsatz des Quecksilbers gegen Lepra zeugen unter anderem Aufzeichnungen des italienischen Chirurgen Theoderic Borgognoni aus dem 13. Jahrhundert. „Er beschreibt eine damals verbreitete ‚Sarazener‘-Salbe zur Leprabehandlung, die aus Quecksilber, Fetten und Ölen bestand und auf die Haut aufgetragen wurde“, berichten Fiorin und ihr Team. Im medizinischen Lehrwerk „Liber de diversis medicinis“ aus der gleichen Zeit sind ebenfalls zwei quecksilberhaltige Rezepturen zur kosmetischen Behandlung von Lepra dokumentiert. Selbst später, im 18. Jahrhundert, gab es noch Ärzte, die Lepra durch eine 30-tägige Quecksilberkur zu kurieren versuchten, wie die Forschenden erklären.

Karte mit Probenorten
Lage der beiden Leprosarien St. Leonard und St- Thomas und der Vergleichsfriedhöfe. © Fiorin et al./ Journal of Archaeological Science, CC-by 4.0

Zahnstein als Zeitzeuge

Fiorin und ihre Kollegen haben nun nach archäologischen Belegen für diese historischen Aufzeichnungen gesucht. Dafür analysierten sie Zahnsteinproben von insgesamt 61 Menschen, die im Mittelalter als Leprakranke in zwei Leprosarien behandelt und dort gestorben waren. Sie wurden in den Leprafriedhöfen von St. Leonard im englischen Peterborough und St. Thomas in der Normandie bestattet. Zu Vergleichszwecken untersuchten die Forschenden zudem Zahnsteinproben von mittelalterlichen Toten aus zwei normalen Friedhöfen sowie Bodenproben aus den jeweiligen Gräbern.

Zahnstein ist schon länger dafür bekannt, dass er sich ähnlich wie Knochen und Zähne als archäologischer Zeitzeuge eignet. „Er kann organische und anorganische Reste konservieren und verrät daher einiges über Ernährung, Tätigkeiten und medizinische Behandlungen“, erklären Fiorin und ihr Team. Bisher wurde Zahnstein aber noch nie dafür genutzt, um auch medizinische Quecksilberbehandlungen bei früheren Populationen nachzuweisen.

Erhöhte Quecksilberwerte bei den Lepratoten

Die Analysen des mittelalterlichen Zahnsteins ergaben deutliche Unterschiede zwischen den Toten aus den Leprakolonien und den Vergleichsproben. „Im Zahnstein aus den Leprosarien haben wir signifikant höhere Quecksilberwerte gefunden. Im Mittel enthielt er 1,2 Milligramm pro Kilogramm“, berichten Fiorin und ihr Team. Der Zahnstein der Toten aus den normalen Friedhöfen enthielt dagegen nur rund 0,37 Milligramm Quecksilber pro Kilogramm. Auffallend war zudem, dass der Zahnstein der Lepratoten auch deutlich mehr Quecksilber enthielt als die Erde in den Gräbern.

Nach Ansicht der Forschenden sprechen diese Ergebnisse dafür, dass die Leprakranken damals tatsächlich mit quecksilberhaltigen Arzneien behandelt worden sind. „Es gibt keine historischen oder archäologischen Belege für Bergwerke in den untersuchten Gebieten und die Bewohner der Leprosarien haben unseres Wissens auch nicht im Bergbau oder in der Metallurgie gearbeitet“, schreiben Fiorin und ihre Kollegen. „Daher sind quecksilberhaltige Arzneimittel die naheliegendste Erklärung für die Präsenz dieses Schwermetalls im Zahnstein dieser Leprakranken.“

Behandlung hing auch vom sozialen Status ab

Ob jemand damals eine solche Therapie erhielt, hing jedoch auch innerhalb der Leprosarien vom sozialen Status und weiteren Faktoren ab. Dafür sprechen auch zwei Tote, ein erwachsener Mann und ein rund zehn bis vierzehn Jahre altes Kind, die in der Kapelle von St. Thomas bestattet wurden – schon dies war ungewöhnlich. „Die Bestattung in der Kapelle deutet auf einen höheren oder privilegierten sozialen Status hin“, erklärt das Team. Beide Individuen hatten zudem die höchsten Quecksilberwerte der in diesem Leprafriedhof untersuchten Toten. „Man könnte daher vermuten, dass diese Personen eine größere Chance hatten, eine teure Medizin wie beispielsweise Quecksilber zu erhalten als andere“, konstatieren Fiorin und ihre Kollegen.

Quelle: Journal of Archaeological Science, doi: 10.1016/j.jas.2025.106444

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