#Mittelalterliche Münzen aus dem „ermländischen Pompeji“

Bei Ausgrabungen im Nordosten Polens haben Archäologen 150 mittelalterliche Silbermünzen und zahlreiche Waffen entdeckt. Sie lagen in den Ruinen der mittelalterlichen Stadt Wartenburg, die 1354 komplett zerstört wurde und wegen ihrer gut erhaltenen Überreste seither als „Pompeji des Ermlands“ gilt. Die Funde verraten mehr über die damalige Kolonisierung der Region durch deutschsprachige Siedler und Deutschordensritter und den Kampf, bei dem das alte Wartenburg zerstört wurde.

Im Hochmittelalter zogen zunehmend deutschsprachige, christliche Siedler in die östlichen Randgebiete des Heiligen Römischen Reichs. Mit Unterstützung des Deutschordens kam es in der „Germania Slavica“ zur Gründung zahlreicher Landgüter und Städte. In den 1320er Jahren drangen die Siedler auch bis in den Nordosten des heutigen Polens vor. Unter der Ägide des ermländischen Bischofs Eberhard von Neisse und der ihn unterstützenden Deutschordensritter wurde etwa um diese Zeit auch die Burg und Stadt Wartenburg gegründet. Sie wird in der „Chronica terrae Prussiae“, einer damals vom Deutschorden angefertigten Chronik der Besiedlung Preußens, erwähnt und lag in der Nähe des heutigen polnischen Dorfs Barczewko.

„Zeitkapsel“ des hochmittelalterlichen Ermlands

Schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung der Stadt Wartenburg mehrten sich jedoch die Konflikte zwischen dem Deutschorden und Großfürstentum Litauen, das sein Territorium nach Westen erweiterte und Anspruch auch auf dieses Gebiet erhob. Im Winter 1353/1354 kam es zu einem Überfall der litauischen Truppen, bei der Wartenburg weitgehend zerstört und entvölkert wurde. Die Umstände der Zerstörung von Wartenburg werden unter anderem in den Aufzeichnungen des Wigand von Marburg erwähnt, der heftige Kämpfe der Deutschordensritter mit den Litauern und Einheimischen schildert.

Weil die Stadt Wartenburg später an anderer Stelle wiederaufgebaut wurde, blieben die Ruinen weitgehend unberührt und gelten deshalb als „ermländisches Pompeji“. Bis heute zeugen dort Funde aus dem Hochmittelalter vom Leben und den Kämpfen um diesen Vorposten der damaligen Siedlungspolitik dieser Ritterorden. Seit 2022 führt ein Team von Archäologen unter Leitung der Universität Danzig in dieser „Zeitkapsel“ des hochmittelalterlichen Ermlands Ausgrabungen durch. Während der aktuellen Grabungssaison stießen die Forschenden dabei unter anderem auf zahlreiche Armbrust-Projektile, Speerspitzen, ein langes Entermesser sowie das Heft eines Schwerts.

Ein Hort von 150 Brakteat-Silbermünzen

Ein besonderer Fund war jedoch ein Hort von 150 Silbermünzen aus dem 14. Jahrhundert. Dabei handelt es sich um sogenannte Brakteat-Münzen, wie die Archäologen berichten. Diese damals gängigen Münzen bestanden aus dünnem Silberblech, das nur einseitig geprägt wurde. „Der Münzfund besteht zwar nur aus Brakteat-Pfennigen, deren Geldwert gering war“, erklärt Arkadiusz Koperkiewicz von der Universität Danzig. „Aber er ist dennoch wertvoll für uns, weil er wahrscheinlich alle Arten der Münzen umfasst, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts im Ermland im Umlauf waren.“ Die nähere Untersuchung der Prägungen auf den Silbermünzen kann daher verraten, ob neben den deutschen Silberstücken aus den Münzprägen von Torun und Elbing auch Münzen bischöflicher Prägungen darunter waren.

Die Archäologen erhoffen sich von den Funden mehr Aufschluss über die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der verschiedenen Volksgruppen im mittelalterlichen Ermland. Parallel dazu hat das Forschungsteam auch erste DNA-Proben von Gebeinen aus dem Friedhof von Alt-Wartenburg genommen. Die dort bestatteten Toten gehörten wahrscheinlich größtenteils zu den schlesischen Siedlern, die sich im Zuge der Stadtgründung durch Bischof Eberhard von Neisse in dieser Gegend niederließen. Aber auch Angehörige der lokalen, christianisierten Bevölkerung aus der Volksgruppe der Prußen könnten darunter sein. Wie Koperkiewicz und seine Kollegen erklären, sind die in Alt-Wartenburg gewonnenen Erkenntnisse wertvoll, weil sie Einblicke in die Pionierzeit der Kolonisierung des Ermlands geben, aber auch in die Zeit, als in Mittel- und Osteuropa mit der Gründung der ersten Städte die Urbanisierung begann.

Quelle: Science in Poland (PAP)

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