Mittelalterliche Synagoge in Rothenburg wiederentdeckt

Mittelalterliche Synagoge in Rothenburg wiederentdeckt

Archäologen haben die Überreste der ersten Synagoge von Rothenburg ob der Tauber wiederentdeckt. Sie bildete vor mehr als 800 Jahren das Zentrum eines der ältesten jüdischen Viertel in Süddeutschland, wurde aber vor gut 200 Jahren abgerissen. Erst eine Grabung im Vorfeld von Baumaßnahmen hat nun die Fundamente dieses Bauwerks auf dem Kapellenplatz in Rotheburg wiedergefunden.

Um das Jahr 1180 entstand in Rothenburg ob der Tauber eines der ältesten jüdischen Viertel in Süddeutschland. Die Stadt galt im Mittelalter als Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit mit überregionaler Strahlkraft. Das jüdische Viertel umfasste neben Wohn- und Geschäftsgebäuden eine zweistöckige Talmudschule, einen Festsaal, eine Mikwe – ein jüdisches Ritualbad – sowie die zentrale Synagoge. Sie war ein romanischer, rechteckiger Saalbau mit Satteldach. Neben dem Eingang auf der Nordseite war eine hölzerne Frauenabteilung angebaut. An der Talmudschule in Rothenburg lehrte ab Mitte des 13. Jahrhunderts der berühmte Talmud-Gelehrte Rabbi Meir ben Baruch. Auch einige bis heute erhaltene Grabsteine zeugen von der einst großen jüdischen Gemeinde in dieser Stadt. Ende des 13. und Mitte des 14. Jahrhunderts durchlebte die jüdische Bevölkerung Rothenburgs jedoch mehrere Wellen der Verfolgung. Ihren Höhepunkt fanden diese Pogrome im Jahr 1349 während der Pestepidemie, als ein Großteil der Rothenburger Juden vertrieben wurde.

Marienkapelle Rothenburg
Diese historische Abbildung zeigt die zur christlichen Kapelle umgewidmete Synagoge im Jahr 1762. © Rothenburg Museum

Verkauft, umgewidmet und abgerissen

Die Synagoge und die übrigen Gebäude der jüdischen Gemeinde wurden daraufhin an die Stadt Rothenburg verkauft. Im Jahr 1406/07 ließ diese das jüdische Gotteshaus zu einer christlichen Marienkapelle umbauen. Der Kernbau blieb dabei erhalten, erhielt aber später noch eine Apsis im gotischen Stil. Zwar entstand nach dem Pogrom im Norden Rothenburgs erneut eine jüdische Gemeinde, diese nutzte jedoch eine neue, bescheidenere Synagoge. Die ursprüngliche, zur Marienkapelle umgewidmete Synagoge von Rothenburg wurde 1805 abgerissen, womit die letzten sichtbaren Reste dieses einst so bedeutenden Bauwerks verschwanden. Wie diese erste Synagoge Rothenburgs aussah, ist heute nur noch von einigen historischen Zeichnungen bekannt, konkretere Belege gab es keine. Auch das Wissen über den genauen Standort war im Laufe der Zeit verloren gegangen.

Erst jetzt haben Archäologen des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege (BLfD) die Überreste der ersten Synagoge Rothenburgs wiederentdeckt. Die Grundmauern des Bauwerks traten bei Ausgrabungen im Vorfeld einer Neugestaltung des Kapellenplatzes zutage. „Der Fund an dieser Stelle war überraschend, da die Synagoge an anderer Stelle vermutet wurde“, sagt Mathias Pfeil, Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Vergleiche mit zwei bekannten Abbildungen aus dem 18. Jahrhundert ergaben, dass die freigelegten Fundamente in Bauweise, Ausrichtung und Lage des Haupteingangs bis ins Detail mit denen der Synagoge übereinstimmen. Auch Angaben in überlieferten Schriftquellen passen zu den archäologischen Funden.

Wichtiges Zeugnis des jüdischen Erbes

Daher besteht nach Ansicht der Archäologen kaum Zweifel: Bei den Funden handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die erste Synagoge Rothenburgs. „Dies zeigt einmal mehr den unschätzbaren Wert der Bodendenkmalpflege: Nur dank archäologischer Untersuchungen wie diesen gelingt es uns, die Geschichte des europäischen Judentums um einen weiteren Mosaikstein zu ergänzen“, sagt Pfeil. Markus Naser, Oberbürgermeister von Rothenburg ob der Tauber, ergänzt: „Die nun freigelegten, massiven Kalksteinfundamente dieses stattlichen Bauwerks belegen eindrucksvoll, welche Bedeutung Rothenburg im Mittelalter als eines der großen Zentren des Judentums in Süddeutschland hatte. Auch das unrühmliche Ende dieser Ära gehört zu unserer Stadtgeschichte, die wir weiter erforschen und im Bewusstsein halten wollen.“

Noch bleiben aber einige Fragen zur Entstehungszeit und frühen Baugeschichte der Synagoge offen. Ebenso ist unklar, wo genau sich die sogenannte Frauensynagoge befand, welche möglicherweise im Zuge des Umbaus zur Marienkapelle abgebrochen wurde. Die aktuellen Ausgrabungen haben sich auf die Bereiche beschränkt, die für die geplanten Baumaßnahmen notwendig waren. Die übrigen Teile dieses für die jüdische Geschichte Süddeutschlands so bedeutenden Bodendenkmals bleiben im Untergrund geschützt. Ein neues Pflaster bildet jedoch die Struktur dieses Bodendenkmals oberirdisch ab und macht es so dauerhaft am Kapellenplatz sichtbar.

Quelle: Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege




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