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Mitten in einer kritischen Phase verliert Netflix eine Führungsfigur. Der Mitgründer und Verwaltungsratsvorsitzende Reed Hastings werde sich bei der Hauptversammlung im Juni nicht zur Wiederwahl stellen, teilte der weltgrößte Streaming-Anbieter am Donnerstag nach Vorlage frischer Quartalszahlen mit. Der 65-jährige Hastings wolle sich nach 29 Jahren auf wohltätige Zwecke und andere Projekte konzentrieren.
Netflix-Aktien brachen daraufhin im nachbörslichen Handel an der Wall Street um mehr als neun Prozent ein. Die Spitzenpersonalie verunsichere Anleger, sagte Analyst Richard Greenfield vom Research-Haus LightShed.
Zahlen enttäuschen
Auch die Gewinnprognosen haben den Kurs belastet. Netflix muss sich wegen der gescheiterten Übernahme von Warner Bros neu aufstellen. Im vergangenen Quartal hatte Netflix entschieden, den rund 83 Milliarden Dollar schweren Übernahmeplan für das Studio- und Streaming-Geschäft des Hollywood-Urgesteins aufzugeben. Grund war, dass der Rivale Paramount mehr als 110 Milliarden Dollar für den gesamten Konzern Warner Bros. Discovery samt der Fernsehsender wie etwa CNN bot. Netflix gab sich geschlagen statt nachzulegen. Co-Chef Ted Sarandos sieht das als Zeichen dafür, dass Netflix diszipliniert bei den Ausgaben ist.
An der Wall Street wurde davon ausgegangen, dass der Verzicht auf die Warner-Übernahme die Finanzen von Netflix erheblich entlasten werde. Analysten rechneten für das laufende Quartal im Schnitt mit einer Gewinnprognose von 84 US-Cent pro Aktie. Netflix stellte jedoch lediglich 78 Cent Gewinn pro Aktie in Aussicht.
Inhaltliche Strategie
Nun erhält das Unternehmen keinen Zugriff auf Warner-Inhalte wie die „Harry Potter“-Reihe oder die TV-Serie „Game of Thrones“. „Unsere Mission bleibt ehrgeizig und unverändert: die Welt zu unterhalten“, betonte das Management in einem Aktionärsbrief. Daher würden unter anderem erfolgreiche eigene Formate wie „Bridgerton“ weiterentwickelt.
Der Unterhaltungskonzern plant auch eine Fortsetzung von „KPop Demon Hunters“. Der oscarprämierte Animationsfilm ist der bislang erfolgreichste der Firmengeschichte. Zudem ist eine weltweite Konzerttournee vorgesehen, bei der die Lieder aus dem ersten Film live aufgeführt werden. Der Song „Golden“ schaffte es in zahlreichen Ländern wie den USA, Großbritannien und Deutschland auf Platz eins der Charts.
Bedeutung von KI
Netflix geht davon aus, bei der Produktion von Filmen und Serien künftig mehr Künstliche Intelligenz einzusetzen. KI werde zwar nichts daran ändern, dass es großartige Künstler brauche, um großartige Kunst zu machen, sagte Sarandos nach Vorlage der Quartalszahlen. Aber die Technologie könne diesen Künstlern bessere Werkzeuge bieten, um ihre Visionen zu verwirklichen.Schon heute werde KI-Software bei Netflix unter anderem bei der Planung von Aufnahmen und für Spezialeffekte eingesetzt – aber man kratze dabei nur an der Oberfläche.
Netflix hatte Anfang März die von Hollywood-Star Ben Affleck gegründete Firma InterPositive gekauft, die auf KI-Werkzeuge für Filmemacher spezialisiert ist. Außerdem kommt Künstliche Intelligenz inzwischen auch bei den Programm-Empfehlungen zum Einsatz, die Nutzer auf der Netflix-Plattform zu sehen bekommen.
Der Einsatz von KI ist gerade ein heißes Thema in Hollywood. Studios sehen großes Potenzial für Kosteneinsparungen, Kreative fürchten, dass Menschen nach und nach aus dem Geschäft herausgedrängt werden könnten.
Mehr Werbung und mehr Live-Events
Werbung entwickelt sich zu einem weiteren Standbein des Streaming-Anbieters. Die Zahl der Werbekunden sei binnen eines Jahres um
70 Prozent gestiegen, betonte Netflix. Für 2026 rechnet das Unternehmen mit Erlösen von etwa drei Milliarden Dollar aus diesem Geschäft. „Wir treten in eine Phase ein, in der sich das Unternehmen zu einer der weltweit größten Werbeplattformen entwickelt“, sagte Portfoliomanager John Belton vom
Vermögensverwalter Gabelli.
Netflix erhöht regelmäßig die Gebühren für die klassischen Abonnements, um Nutzer zum Umstieg auf günstigere, werbefinanzierte Angebote zu bewegen. Diese versprechen langfristig höhere Einnahmen pro Kunde. Dazu muss das Unternehmen Zuschauer möglichst lange vor dem Bildschirm halten. Dies sollen Live-Übertragungen wie das Konzert der K-Pop-Band BTS oder Sportereignisse erreichen. Als Ergänzung dazu nimmt Netflix auch Video-Podcasts ins Programm auf.
Unabhängig davon versucht der Konzern seit Längerem, auf dem Videospielemarkt Fuß zu fassen – bislang mit mäßigem Erfolg. Einen Schub für diesen Geschäftsbereich erhofft er sich von „Netflix Playground“. Auf dieser Plattform für Kinder finden sich Videospiele mit Figuren aus der Sesamstraße oder mit Peppa Wutz. „Playground“ ist bislang erst in wenigen Ländern verfügbar.
Gewinnschub durch Vertragsstrafe
Die Quartalsergebnisse von Netflix lieferten wenig Überraschendes. Der Umsatz kletterte um 16 Prozent auf 12,25 Milliarden Dollar und übertraf die Markterwartungen leicht. Der Gewinn im vergangenen Quartal verdoppelte sich jedoch auf 1,23 Dollar je Aktie. Netflix profitierte von einer 2,8 Milliarden Dollar schweren Sondereinnahme. Warner musste eine Vertragsstrafe zahlen, weil sich der Unterhaltungskonzern nach einem monatelangen Bieterwettstreit für die Offerte von Paramount Skydance entschieden hatte.
Für das laufende Quartal peilt Netflix ein Wachstum von währungsbereinigt zwölf Prozent an. Im Gesamtjahr würden die Erlöse voraussichtlich um elf bis 13 Prozent auf 50,7 bis 51,7 Milliarden Dollar steigen.
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