#Neuauflage einer berühmten Feindschaft?

Neuauflage einer berühmten Feindschaft?

Fette graue Wolken hängen über der Rennstrecke von Spa-Francorchamps. In den Tälern hält sich der Nebel. Es regnet am Freitag. Die Temperatur ist auf 13 Grad Celsius gefallen. Auf den Tribünen haben sich Formel-1-Fans in Regenmäntel gehüllt oder hocken dichtgedrängt unter aufgespannten Schirmen. Im Hohen Venn kündigt sich Ende August der Herbst an, kühl, feucht. In der Formel 1 soll es ein heißer werden.

Lewis Hamilton ist mit wehendem Mantel ins Fahrerlager gekommen. Die Stufen zum Motorhome seines Teams Mercedes nimmt der Weltmeister am Donnerstag im Sprung. Er wirkt kampfeslustig, bereit für die zweite Halbzeit der Formel 1 nach elf von 22 geplanten Grands Prix und gut drei Wochen Sommerpause: „Der Urlaub tat gut.“

Hamilton war mit dem besten Gefühl in die Ferien gefahren. Als Glücksritter von Ungarn, doch noch Zweiter geworden hinter Esteban Ocon im Alpine nach dem Chaos am Start. Und doch wieder Allererster im Wettrennen um den Titel 2021, weil Max Verstappen wegen des Durcheinanders nur Neunter wurde. Innerhalb von zwei Grands Prix verwandelte sich der schöne Vorsprung des Niederländers (33 Punkte) in einen Rückstand: acht. Das ist zwar wenig angesichts zwölf ausstehender Rennen.

Aber hinter dem Führungswechsel steckt mehr als die übliche Pendelbewegung, die kleine Schwankungen bei Technik oder Tagesform in einem Kopf-an-Kopf-Rennen auslösen. Hamilton gab Verstappen beim (bestraften) Vollkontakt in Silverstone im Juli einen Einblick in die Gedankenwelt eines Platzhirschs mit Anspruch, zum achten Mal Weltmeister, also Rekordchampion werden zu wollen: Dir lasse ich keinen Zentimeter Platz! Es war das auffälligste Signal für die Ausweitung der Kampfzone auf das Oberstübchen. WM-Titel werden im Hirn gewonnen.

Die Empörung Verstappens über die geringe Strafe (zehn Sekunden) trotz des Abschusses samt Nullrunde für ihn, während Hamilton den Sieg davontrug, wird im Fahrerlager als Indiz für eine Revanche bei nächster Gelegenheit gedeutet. Zumal der inzwischen 23-Jährige vom Supertalent der Formel 1 ohne Fahrerlaubnis auf öffentlichen Straßen zum ersten Herausforderer Hamiltons mit gepflegten Verdrängungstouren aufstieg.

Spielraum ließ er dabei auf der Piste selbst bei Tempo 300 kaum, weder sich noch anderen. Insofern scheint ein Vollkontakt-Wettbewerb der beiden programmiert, wahlweise wenigstens herbeigeredet von den Protagonisten der großen Sause mit Gespür für Dramen: Erleben wir eine Wiederauflage der berühmten Feindschaft der Weltmeister Ayrton Senna und Alain Prost? Vor gut dreißig Jahren flogen die Fetzen, wurden Rennwagen in zerstörerische Werkzeuge einer Überzeugung verwandelt: Ich bin der Champion!

In der Formel 1 kommt es selten so wie erwartet. Vor dem Großen Preis von Belgien am Sonntag (15.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) wird die Streckencharakteristik die Lust auf allzu große Nähe bremsen. Der Respekt vor der Hochgeschwindigkeitsstrecke mit unglaublich „schnellen“ Vollgas-Kurven wie Eau Rouge oder Blanchimont ist hoch. Die Erinnerung an den fatalen Unfall in der Formel 2 vor zwei Jahren, als der Franzose Anthoine Hubert ums Leben kam, frisch. Zudem erlaubt die Piste Überholmanöver.

Das Rennen wird weder in der ersten Runde gewonnen noch verloren. Und doch geben die Rennställe Vollgas, gezielt, in der Hoffnung auf einen Treffer, jedenfalls neben der Strecke. „George ist sehr schnell. Und er kann nicht ewig dort bleiben, wo er gerade ist. Er hat mehr verdient“, sagte Verstappen am Donnerstag, als er nach Hamiltons Landsmann im Williams gefragt wurde. George ist George Russell, 23 Jahre alt, von Mercedes gemanagt. Spätestens seit seinem fulminanten Einsatz im vergangenen Jahr in Bahrein für den positiv auf Corona getesteten Hamilton gilt er als erster Kandidat für einen Platz neben dem Chefpiloten in der kommenden Saison.

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Warum Verstappen mit seinem Beförderungswunsch einen heiklen Punkt ansprach? Weil Hamilton andere Vorstellungen hatte, mit welchem Teamkollegen er sein Projekt, vielleicht seine Karriere beenden wollte. „Ich habe mich immer für Valtteri eingesetzt“, sagte Hamilton in Spa zu Russells Aussichten, „weil wir ein wunderbares Team sind.“ Valtteri ist Valtteri Bottas aus Finnland, seit 2017 an der Seite Hamiltons, schnell, aber nicht konstant genug, Hamilton zu gefährden. Ein angenehmer Beifahrer. Und zuletzt ein nützlicher Gehilfe, als er in Ungarn beim Start Konkurrenten abräumte und dabei Verstappens Aussichten zunichte machte, Hamilton wieder hinter sich zu lassen.

Ob der in eigener Sache wortkarge, aber fröhlich in die Zukunft schauende Russell Hamilton angreifen, gar überflügeln könnte, ist eine spannende Frage. Sicher ist nur, dass Verstappen seinem großen Gegner möglichst viel Nebenbeschäftigung gönnt. Der kann zwar Russells Ankunft, die nur noch als eine Frage der Zeit erscheint, verdrängen.

Aber nicht die Konsequenz: die Befreiung Bottas aus dem Teamspiel, dass einen jeden in die Schranken verwiesenen Beifahrer eines Champions zwingt, beizeiten auch dem ersten Mann im Rennstall zu dienen. Etwa Platz zu machen wie einst Rubens Barrichello Michael Schumacher auf Order der Teamführung: „Do it for the championship.“ („Tu es für die Meisterschaft.“)

Im strategischen Spiel sind Teamkollegen auch schon mal für eine gewinnbringende Tempoverschleppung zu gebrauchen. Verstappen kann sich der Unterstützung von Sergio Perez sicher sein. Red Bull hat am Freitag die Vertragsverlängerung mit dem Mexikaner um ein Jahr bis Ende 2022 bekanntgegeben. Der Hamilton-Verfolger bekommt vorerst die Ruhe, die er braucht. Beim Training am Freitag gelang Verstappen die Bestzeit, knapp vor Bottas (0,041 Sekunden Rückstand) und Hamilton (0,072).

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