Neues von Modest Mouse: „An Eraser and a Maze“

Die drei Sätze, die das neue Album von Modest Mouse kondensieren, sind auf der Platte nicht zu finden. Sie eröffnen das Video ihres ersten Songs „Picking Dragons’ Pockets“ („Drachen in die Tasche greifen“): ein Minidialog zwischen einer überdimensionierten Libelle mit Männerstimme und einem Anime-artig gezeichneten Mädchen, das auf einer als Krone gestalteten Burgzinne weit oberhalb einer verschwommenen, vermutlich amerikanischen, vielleicht nordwestlichen Küstenstadt sitzt: „Fear never really gets old, does it?“ / „Nope. Just keeps reminding me how high we are.“ / „Good thing, you like heights.“ Zivilisatorische Fallhöhe von beiden Seiten betrachtet. Die Libelle friert ein, das Bild verschwindet im Schwarz, mit einem Bass beginnen der Song und das weniger stilistisch als textlich durchkomponierte Album.

Trotzdem ist es dieses erste, gleich in eine Rückkopplung übergehende Bass-Riff, das wenige Sekunden später von Synthesizer und Vibraphon zu den Gitarren geleitet wird, bevor die Becken und dann mit voller Wucht auch die Drums den Rhythmus übernehmen, das jeden, der einmal Modest Mouse gemocht hat, in ungläubige Wiedererkennungsfreude geraten lässt: ein Ton, okay, vielleicht ein zweiter, aber dann ist blitzartig klar, welche Band das ist. Das gelingt nur wenigen und womöglich keiner der ganz großen, weltbekannten, außer den Beatles natürlich.

Differenziertere Selbstwidersprüche als bei Nirvana

Dass es Modest Mouse überhaupt über Seattle hinaus an die Ostküste und über den Atlantik geschafft haben, ist anders als bei der großen Seattle-Grunge-Band Nirvana nicht selbstverständlich, zu viele Brüche in den Melodielinien, zu uneindeutig die Texte. Dabei war der Stil von Modest Mouse nie bloß Grunge, Punk, Postpunk oder Teil des Verlegenheitsgenres Indie-Rock. Sie verkörpern das alles auch, aber vervollständigen es durch Pop-Elemente, wie sie sonst bei den Pet Shop Boys zu finden sind.

DSGVO Platzhalter

Bereits mit ihrer ersten Platte fast auf den Tag genau dreißig Jahre vor „An Eraser and a Maze“ boten Modest Mouse metallisch differenziertere Selbstwidersprüche als Nirvana, aber ihre folgenden elektronischen, rhythmischen und dissonanten Ergänzungen öffneten die Räume, die die Gitarre vorher zugeworfen hatte, und boten die Möglichkeit von Leichtigkeit: einen anderen als den mit Gitarrenwut untermalten, verzweifelten Blick auf das Leben, einen, der Versöhnung, Freude, Poesie und echten, höchstens leicht ironischen Lebensmut zuließ. Ihr neues Album zeigt, dass künstlerische Weiterentwicklung auch etwas mit dem Bewusstsein davon zu tun hat. Modest Mouse waren nie ideologisch verengt, nicht musikalisch und nicht in ihren Texten, ließen sich breit beeinflussen und blieben sich dabei treu.

Aus Haushunden werden wilde Katzen

„An Eraser and a Maze“ lässt sich immer wieder auch als Verbeugung vor vielen Wegbegleitern hören, als Reflexion auf dreißig Jahre Bandgeschichte, allen voran die Songs „About Nothing“ und „Stoner Party“, die klingen wie früher. Sie machen die Platte deshalb nicht nostalgisch, sie sind Beweise für das musikalische Spektrum, in dem sich Modest Mouse bewegen. Ihr erster Song gibt die Stimmung vor und ist selbst in seiner fast autosuggestiven Zuversicht mehrdeutig. „Picking dragons’ pockets and away we go“, der Bedrohung ein Schnippchen schlagen und los – ob Drachen jetzt Taschen haben oder nicht. Ohnehin prägt eine größere Unabhängigkeit die Songs. „Dogbed in Heaven“ kommt drei Minuten lang als etwas lahmer Countrysong daher, eine leicht narzisstisch gestörte Selbstbespiegelung über die Vorstellung eines schönen Hundelebens im Himmel, doch auf einmal setzt der Bass einen Rhythmuswechsel – und aus den Haushunden werden wilde Katzen, die ein trockenes Plätzchen suchen: „We’re not your pets, hell, we’re not even tame.“

Nachdem 2022 Jeremiah Green, der Drummer und neben dem Leadsänger Isaak Brock letzte verbliebene Mitgründer der Band, an Krebs gestorben war, wäre durchaus denkbar gewesen, dass Brock mit Modest Mouse nicht weitermachen würde. Green war Brocks engster Freund seit Jugendtagen und Ko-Autor fast aller Songs ihres ersten Albums. Auf dem jetzigen hat ihm Brock eine seltsame Präsenz zwischen poetischen Phantom- und musikalischen Camouflageauftritten zugeschrieben: „Third Side of the Moon“ ist neben dem Verweis auf Pink Floyd vor allem einer auf seinen mindestens am Schlagzeug unersetzbaren Freund, darauf, dass es so wenig eine dunkle Seite des Mondes wie eine dritte gibt, auf der man zwischen Schirm und Schatten leben könnte. Der Refrain hat keine Worte, und Isaak Brocks leicht aufgeraute Stimme, die über die Jahre, die so ins Land der Reifung ziehen, immer weicher geworden ist, summt eine Melodie von Traurigkeit und Schönheit, untermalt von gegen die Seelenschwerkraft ankämpfenden Drums.

Auch der politische Zeitgeist ist in „An Eraser and a Maze“ eingeschrieben: „Rotten Fruit“ ist ein großartiger Beitrag dazu („turns out not giving a fuck is not the same as being zen“), und sein eingängiger Refrain macht klar, dass eine Entscheidung ansteht: „only truth is calling“. „Absolutely Necessary“ dekliniert die Möglichkeiten der Gleichgültigkeit durch, während der Synthesizer treibt, als wären wir in den späten Achtzigern und nicht noch immer in deren Folgen gefangen, doch spätestens in „Look How Far …“ macht Brock wütend mit schlagenden Gitarren und Worten klar, dass wir in Trumps Gegenwart sind: „look how far we haven’t come“. Gut, dass wir mit Höhe umgehen können.

„An Eraser and a Maze“ lässt offen, ob der Radiergummi nötig ist, um die falsch gezogenen Suchwege durch den Irrgarten oder um das ganze Labyrinth auszuradieren. Er ist ein Begleitwerkzeug der Hoffnung im Leben: das ewige Versprechen auf ein wieder weißes Papier.

Modest Mouse: „An Eraser and a Maze“. Glacial Pace Recordings (Virgin)

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