Die Fernsehsender leisten sich heutzutage noch den Aufwand eigener Hauptnachrichtensendungen. Die Analyse von Isabella Häusler zeigt, warum dieser Ehrgeiz zumindest fragwürdig erscheint.
Sat.1, ProSieben und Kabel Eins sind jeweils Teil des Streaminganbieters Joyn und bringen täglich ihre eigene Nachrichtensendung. Kabel Eins zeigt seine Ausgabe werktags um 15.50 Uhr, ProSieben um 18.00 Uhr und Sat.1 um 19.45 Uhr. Führt dieser zeitliche Abstand zu relevanten inhaltlichen Unterschieden oder senden die drei Programme im Wesentlichen dieselben Nachrichten? Kann Joyn den personellen und finanziellen Aufwand, der mit diesen Sendungen verbunden ist, rechtfertigen? Mit genau dieser Frage beschäftigt sich eine Analyse der «:newstime», bei der über eine Woche hinweg, von Montag, dem 10. August 2026, bis Sonntag, dem 16. August 2026, die drei verschiedenen Sendungen und deren Informationsvielfalt beobachtet wurden.
Der grundlegende Aufbau der drei Nachrichtensendungen ist nahezu identisch. Zu Beginn stellt ein kurzer Vorspann die drei wichtigsten Themen des Tages vor. Bereits hier zeigt sich, dass alle drei Sendungen meist exakt dieselben Themen nennen, häufig sogar im gleichen Wortlaut der Nachrichtensprecherinnen und Nachrichtensprecher. Dass die Sendungen allerdings nicht komplett identisch sein können, fällt schon bei der Länge auf. Kabel Eins und ProSieben nehmen täglich jeweils nur elf bis zwölf Minuten in Anspruch, während Sat.1 mit normalerweise 26 bis 28 Minuten eine deutlich längere Laufzeit aufweist.
Eine vertiefte Analyse führt jedoch zu ernüchternden Ergebnissen. Der erste Beitrag ist fast immer in allen drei Sendungen identisch. Bei Kabel Eins und ProSieben war er während des Analysezeitraums tatsächlich jeden Tag derselbe. Des Weiteren zeigt sich, dass im Anschluss an die erste Nachricht oft ein Reporter oder eine Reporterin live vom Ort des eben gezeigten Beitrags zu Wort kommt. Auch hier handelt es sich bei allen drei Schaltungen um dieselbe Person, allerdings natürlich nicht mit exakt den gleichen Informationen, da die Sendungen zu unterschiedlichen Zeiten laufen und die Interviews in Echtzeit stattfinden. Inhaltlich wird aber auch hier überwiegend wiederholt, was bereits früher am Tag berichtet worden ist.
Der Grund für die längere Sendezeit bei Sat.1 ist, dass es hier zusätzliche Rubriken gibt. Etwa zur Hälfte der Sendung werden meist drei bis vier kurze, kompakte Nachrichten in insgesamt ungefähr 1:20 Minuten zusammengefasst. Ab Minute 20 kommen zudem noch Informationen über sportliche Ereignisse hinzu, die bei Kabel Eins und ProSieben meist fehlen.
Insgesamt lag der Anteil gleicher Beiträge bei allen drei Sendern werktags zwischen 40,74 Prozent und 58,62 Prozent. Zu beachten ist aber, dass hier nur die exakt identischen Beiträge enthalten sind. Ausgeschlossen von diesen Zahlen sind Beiträge, die thematisch gleich sind, sich aber beispielsweise in ihrer Länge und Aufbereitung etwas unterscheiden. Auch die oben erwähnten Interviews mit Reporterinnen und Reportern vor Ort sind darin nicht enthalten, obwohl auch sie inhaltlich nahezu identisch sind.
Am Wochenende steigen diese Zahlen sogar, da Sat.1 samstags und sonntags ebenfalls nur rund 14 Minuten sendet, ähnlich wie Kabel Eins und ProSieben. Am Samstag, dem 15. August 2026, waren 66,67 Prozent der Beiträge bei den drei Sendern identisch, am Sonntag, dem 16. August 2026, waren es 63,64 Prozent. Zudem ändern sich die Sendezeiten am Wochenende leicht: Kabel Eins sendet seine Nachrichten am Samstag um 16.20 Uhr und am Sonntag um 16.00 Uhr anstatt um 15.50 Uhr, ProSieben am Samstag um 18.10 Uhr und am Sonntag um 17.45 Uhr statt wie gewohnt um 18.00 Uhr. Sat.1 geht am Wochenende um 19.55 Uhr live anstatt um 19.45 Uhr.
Besonders auffällig ist die starke Ähnlichkeit zwischen Kabel Eins und ProSieben. Hier waren zwischen 46,15 und 92,31 Prozent aller Beiträge exakt gleich. Bei den 46,15 Prozent ist anzumerken, dass sechs der Beiträge zwar nicht identisch waren, aber dennoch dieselben Themen behandelten etwa Reporter-Gespräche, Waldbrände in verschiedenen Ländern und die Probleme, die durch die aktuell anhaltende Hitze verursacht werden. Kabel Eins berichtete hier von Waldbränden in Kroatien, Griechenland und Italien sowie von Herausforderungen für Landwirte durch die Hitze, während ProSieben Waldbrände in Kroatien, Griechenland und Großbritannien thematisierte und den niedrigen Wasserstand am Rhein erwähnte.
Die Analyse zeigt deutlich, dass die drei «:newstime»-Sendungen von Kabel Eins, Sat.1 und ProSieben nur begrenzt eigenständige journalistische Inhalte bieten. Ein großer Teil der Beiträge ist identisch oder thematisch nahezu gleich, was auf eine zentrale Produktion innerhalb der Sendergruppe zurückzuführen ist. Die Unterschiede zwischen den Sendungen entstehen hauptsächlich durch die Länge und zusätzliche Rubriken, nicht durch eine unterschiedliche Themenauswahl. Damit entsteht kaum journalistische Vielfalt und auch kein deutlicher inhaltlicher Mehrwert.
Aus organisatorischer Sicht könnte Joyn den Aufwand zumindest teilweise rechtfertigen, da die unterschiedlichen Sendezeiten der Nachrichten ein breiteres Publikum ansprechen schließlich kann nicht jede Zuschauerin und jeder Zuschauer zu einer einzigen Uhrzeit am Tag Nachrichten konsumieren. Insgesamt ist der Mehrwert für die Zuschauerinnen und Zuschauer jedoch deutlich begrenzt, da sie unabhängig vom Sender weitgehend dieselben Inhalte zu sehen bekommen.
Die parallele Ausspielung ähnlicher Nachrichtenformate erzeugt somit eher eine künstliche Programmvielfalt, ohne dass diese durch journalistische Unterschiede tatsächlich entsteht. Drei fast identische Nachrichtensendungen am Tag sind also nicht zwingend erforderlich. Eine einzige, zentral produzierte Nachrichtensendung, die zu mehreren Zeitpunkten ausgestrahlt wird, könnte einen ähnlichen Informationsnutzen bieten bei geringerem personellen und finanziellen Aufwand und ohne zwangsläufig einen Verlust an inhaltlicher Qualität zu verursachen. Diese Qualität könnte womöglich sogar gesteigert werden, wenn die Redaktion ihre Ressourcen auf weniger, dafür sorgfältiger produzierte Beiträge konzentrieren würde.
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