Orcas nutzen Werkzeuge zur gegenseitigen Körperpflege

Orcas nutzen Werkzeuge zur gegenseitigen Körperpflege

Bei vielen Tierarten sorgt die gegenseitige Körperpflege für sozialen Zusammenhalt. Einen außergewöhnlichen Fall haben Forschende nun bei Orcas beobachtet: Die Schwertwale beißen sich lange Schläuche aus Seetang zurecht und reiben diese zwischen sich und einem Partner, um ihre Haut zu reinigen. Erstmals wurde damit für Meeressäuger nachgewiesen, dass sie Werkzeuge herstellen und einsetzen. Dokumentiert wurde das Verhalten bislang nur bei der vom Aussterben bedrohten Population südlicher Schwertwale in der Salish Sea zwischen dem US-Bundesstaat Washington und dem kanadischen Vancouver. Ob andere Schwertwale sich auf ähnliche Weise pflegen oder ob es sich um eine kulturelle Einzigartigkeit handelt, ist bislang unklar.

Wenn es um die Pflege der eigenen Haut geht, sind Wale erfinderisch: Einige Arten reiben sich regelmäßig an flachen Steinen und entfernen so wahrscheinlich abgestorbene Hautschuppen. Andere betreiben das sogenannte Kelping: Sie schwimmen durch Ansammlungen von Seetang (englisch: Kelp) und nutzen dabei womöglich aus, dass einige der Meerespflanzen Substanzen enthalten, die Parasiten fernhalten. Bislang galt dieses Wal-Wellness-Programm jedoch eher als individuelle Angelegenheit, bei der sich jedes Tier um seine eigene Körperpflege kümmert.

Schwertwale
Auf dem Weg zum Allokelping: Der untere Schwertwal trägt ein Stück Kelp im Maul, das er sich zuvor zurechtgebissen hat. © Center for Whale Research/ NMFS NOAA Permit 27038

Wellness-Werkzeuge

Nun hat ein Team um Michael Weiss vom Center for Whale Research (CWR) in Friday Harbor im US-Bundesstaat Washington erstmals dokumentiert, dass sich Orcas auch gegenseitig mit Hilfe von Seetang pflegen – ein Verhalten, dass die Forschenden als „Allokelping“, also gegenseitiges Kelping bezeichnen. „Die Seetang-Stiele sind fest, aber flexibel, wie ein gefüllter Gartenschlauch, mit einer glatten Außenfläche“, erklärt Weiss. „Ich vermute, dass diese Eigenschaften sie zu einem idealen Werkzeug für die Hautpflege machen.“

Die verwendete Seetangart „Bull Kelp“ – eine Art von Braunalge – ist typischerweise viele Meter lang. Um geeignete Stücke für die Hautpflege zu erhalten, beißen die Wale den Algenstängel zunächst weit unten ab und bringen ihn anschließend durch weiteres Zurechtbeißen auf eine geeignete Länge. Ist das Werkzeug fertig gestellt, schwimmen sie damit zu einem Partner und beginnen, den dafür vorbereiteten Stängel zwischen sich und dem anderen Tier zu reiben. Verlieren sie dabei den Stängel, schnappen sie ihn sich wieder mit dem Maul und beginnen erneut. „Die Entdeckung belegt, dass die Wale nicht nur Werkzeuge benutzen, sondern auch herstellen, was noch nie zuvor bei Meeressäugern nachgewiesen wurde“, sagt Weiss.

Weit verbreitet bei südlichen Schwertwalen

Beobachtet haben die Forschenden das Allokelping bei der vom Aussterben bedrohten Population südlicher Schwertwale, die in der Salischen See im nordöstlichen Pazifik lebt. „Diese Walpopulation ist die am besten untersuchte Orcapopulation der Welt – und dennoch können immer noch wichtige neue Entdeckungen gemacht werden“, sagt Weiss‘ Kollegin Rachel John. Frühere Videoaufnahmen der Wale hatten eine zu geringe Auflösung, um die Herstellung und Nutzung des Seetangs zu erkennen.

Aufnahmen mit modernen Forschungsdrohnen offenbarten jedoch, dass das Allokelping bei den südlichen Orcas weit verbreitet ist und bei Individuen beider Geschlechter und verschiedener Altersgruppen gleichermaßen vorkommt. „Alles deutet darauf hin, dass dies ein wichtiger Teil ihres sozialen Lebens ist“, sagt Weiss. Am häufigsten fanden sich Wale den Beobachtungen zufolge mit nahen Verwandten mütterlicherseits und mit Tieren ähnlichen Alters zum Allokelping zusammen.

Bedrohte kulturelle Tradition

Ob auch andere Walarten ein ähnliches Verhalten zeigen, ist bislang unklar. Womöglich könnte es sich um eine kulturelle Einzigartigkeit der südlichen Schwertwale handeln. Bei der letzten Zählung des CWR im Juli 2024 umfasste die Population nur noch 73 Tiere. Da sie sich nicht mit anderen Orcapopulationen fortpflanzen, sind die südlichen Schwertwale akut vom Aussterben bedroht. „Wir denken bei der biologischen Vielfalt oft an den Schutz der phänotypischen Unterschiede in Tierpopulationen, wie Größe, Form und Farbe“, sagt Weiss. „Die Erhaltung kultureller und verhaltensbedingter Unterschiede kann jedoch ebenso wichtig sein.“

Aufgrund der steigenden Meerestemperaturen gehen die Seetangwälder, aus denen die Orcas ihre Werkzeuge gewinnen, zurück. „Die Zukunft dieser Seetangwälder zu schützen, könnte wichtig sein, um diese einzigartige Kultur der südlichen Schwertwale zu erhalten und sicherzustellen, dass die Population auch in Zukunft überlebt“, sagt Weiss‘ Kollege Darren Croft.

Quelle: Michael Weiss (Center for Whale Research (CWR), Friday Harbor, Washington, USA) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2025.04.021




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