„Orchester können zeigen, was Diversität ist“
Am 30. August beginnt das Musikfest Berlin, eines der größten Orchesterfestivals der Welt. Was kann und muss solch ein Festival leisten, wenn Repräsentationsdiskurse immer polemischer werden? Darüber sprachen wir mit Winrich Hopp, der das Musikfest Berlin seit 2005 leitet.
Neben den Bayreuther Festspielen sind die Berliner Festspiele, zu denen das Musikfest Berlin gehört, das große Festival, an dem der Bund als Financier maßgeblich beteiligt ist. Welche Chancen und Risiken sind mit solch einem Engagement verbunden?
Ich sehe weniger Risiken als vielmehr Chancen. Der Bund war ja mit der damaligen Staatsministerin für Kultur und Medien vor mehr als fünfzehn Jahren initiativ an der Gründung des Musikfest Berlin beteiligt. Und die Gründung wurde durchaus als Wiederanknüpfung an die traditionsreichen Berliner Festwochen verstanden, mit der Philharmonie als zentralem Spielort, den Berliner Philharmonikern als basalem Partner. Dazu kommen die weiteren in Berlin ansässigen großen Orchester und die nationalen und internationalen Gäste. Eine Struktur mit so starken Partnern setzt verlässliche finanzielle Mittel voraus, die der Bund bereitstellt. Neben den Chancen spüre ich hier auch die Verantwortung, dieser Struktur zuzuarbeiten und sie zu entwickeln und nicht an ihr vorbei zu arbeiten und sie verkümmern zu lassen.
Hat man programmatisch mehr Freiheiten, wenn der Bund so viel Geld zuschießt? Der Anteil an Gegenwartsmusik ist ja erstaunlich hoch.
So viel Geld ist es nicht in Anbetracht der Anforderungen, die die Festivalstruktur definiert. Es könnte gern mehr sein. Ohne Drittmitteleinwerbung, die einen erheblichen Teil meiner Arbeit ausmacht, geht es nicht. Aber ich weiß die Zuwendungen durch den Bund zu schätzen. Denn sie ermöglichen nicht nur dieses Festival, sondern auch eine längerfristige Planung. Und ich habe den Eindruck, dass die Arbeit des Musikfestes Berlin aufmerksam verfolgt wird. Was den Anteil der Gegenwartsmusik angeht, so empfinde ich den nicht als so hoch. Das Wort von der Integration der Gegenwartsmusik ins Repertoire finde ich nicht ausreichend. Ich habe da eher die Integration des Repertoires in den Kontext der Gegenwartsmusik im Sinn. Die Fragen an die Geschichte erfolgen stets von einem Heute aus.
Schaut man sich das Portfolio der Berliner Festspiele an, so dominieren dort Kunst- und Theaterformen, die es auf die Auflösung klassischer Ensembleverbände abgesehen haben. Passt das Musikfest mit seinen großen Orchestern überhaupt noch in dieses Umfeld hinein?
Ich finde nicht, dass die Diagnose so stimmt. Wer alternative Formen präsentiert oder probiert, redet ja nicht sogleich der Auflösung hergebrachter Strukturen das Wort. Es geht um Vielfalt, um Lebendigkeit. Auch für die Musik gilt, dass gerade auch die Berliner Festwochen damaligen alternativen Neugründungen wie der Jungen Deutschen Philharmonie, dem Mahler Chamber Orchestra, dem Ensemble Modern Residenzen des Experimentierens und der Selbstfindung geboten haben. Das Musikfest Berlin setzt diese Tradition fort. Das Mini Ensemble von Joolz Gale und das Ensemblekollektiv Berlin sind beispielsweise wichtige Repräsentanten neuer Entwicklungen, denen man Raum, Zeit, Geld und Aufmerksamkeit geben sollte, zum Beispiel beim Musikfest Berlin und in einem so schönen Saal wie der Philharmonie.
Das philharmonische Orchester ist ein Repräsentations- und Integrationssymbol der bürgerlichen Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts. Welche Zukunft kann es haben, wenn nun im Zuge von Diversitätsforderungen ganz andere Ideen von Repräsentationsgerechtigkeit den Diskurs bestimmen?
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